Die retrospektiv angelegte Ausstellung »Patrick Angus. Private Show« im Kunstmuseum Stuttgart gibt mit über 200 Gemälden und Zeichnungen einen umfassenden Einblick in das Schaffen des amerikanischen Malers Patrick Angus (1953–1992). Sein Werk dokumentiert die schwule Lebenswirklichkeit in den USA der späten 1970er- und 1980er-Jahre mit einfühlsamem und zugleich entlarvendem Blick.

Patrick Angus fand seine Bildthemen an den Stränden in Los Angeles, insbesondere aber in den Bars, Clubs, Kinos und Vergnügungsstätten der New Yorker Gay-Szene. Der 1953 in Nord-Hollywood geborene Künstler widmete sich einer gesellschaftlichen Minorität, die in den USA seit den 1960er- Jahren vehement für ihre sexuelle Selbstbestimmung kämpfte und mit dem Aufkommen von Aids in den 1980er-Jahren eine traumatische Katastrophe erleben musste. Angus, der mit nur 38 Jahren selbst an der Krankheit verstarb, ging es in der Thematisierung von Homosexualität weniger um ein politisches Statement als vielmehr um die Darstellung menschlicher Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ängste. So sind seine Bilder Metaphern für die Suche nach der eigenen Identität und der geschlechtlichen Selbstfindung. Darin ist sein Œuvre von ungebrochener Aktualität.

In ihrem Umfang ist die Werkschau zu Patrick Angus die erste ihrer Art. Sie gibt eine Vorstellung von der motivischen sowie stilistischen Entwicklung der spezifischen Bildsprache des Malers. Angus hatte zeitlebens Schwierigkeiten, sich im Kunstbetrieb zu etablieren. Erst kurz vor seinem Tod 1992 konnte er größere Verkäufe und mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen verzeichnen. Nach seinem Tod wuchs die Aufmerksamkeit insbesondere im Umfeld der Queer Culture, die seine Bedeutung erkannte und würdigte. Institutionen wie das New Yorker Leslie-Lohman Museum of Gay and Lesbian Art oder das Schwule Museum* in Berlin zeigten seine Arbeiten, in Publikationen zur Queer Art wurde er hingegen nur selten erwähnt. Seit kurzem wächst das Interesse an Angus? Kunst. Nicht nur die thematische Relevanz und Aktualität seiner Motive, sondern auch die malerische Ästhetik seiner Bilder erfährt nun nach und nach eine breitere Zustimmung.

Die Ausstellung entfaltet das gesamte Themenspektrum von Patrick Angus? Œuvre, das neben Impressionen aus der schwulen New Yorker Subkultur mit ihren schummrigen Strip-Theatern, Bars und Badehäusern auch traditionelle Gattungen der Kunstgeschichte wie Porträt-, Landschafts- und Interieur-Malerei umfasst. Die verschiedenen Schwerpunkte im Werk des Künstlers spiegeln sich in den thematisch gegliederten Ausstellungsräumen wider: »Panorama«, »Freunde, Familie, Selbstbildnisse«, »Eros«, »Interieurs«, »Referenzen«, »Landschaften« sowie »Bühnen, Bäder, Bars«.

Mit einem exemplarischen Querschnitt durch die Motivwelten von Angus führt der erste Ausstellungsraum unter dem Titel »Panorama« in den Bilderkosmos von Patrick Angus ein. Die Auswahl der Gemälde gibt dabei eine erste Einsicht in die Themenbereiche der folgenden Ausstellungsräume. Bereits hier wird deutlich, dass sich der Stil von Angus immer wieder verändert. Er erprobt unterschiedliche Stile, vom altmeisterlichen Naturalismus über einen rohen, bewusst ungelenken Duktus bis zur Reduktion auf einzelne Linien ohne jegliche Körpermodulierung. 

Die traditionelle Porträtmalerei nimmt eine zentrale Stellung in Angus? Œuvre ein. Die Präsentation von Selbstbildnissen sowie Porträts seiner Eltern, von Freunden und Bekannten im zweiten Ausstellungsraum bezeugen eine exakte Beobachtungsgabe und ein einfühlsames Interesse des Malers an seinem Gegenüber. Das unterstreichen auch die Porträtarbeiten auf Papier, die im nachfolgenden Raum gezeigt werden. Ihnen liegt jeweils ein ausführliches Studium von Körperformen und verschiedener Posen zugrunde. Angus probiert in ihnen Stellungen aus, die lässig und ungezwungen wirken sollen, zugleich aber besondere Reize herausstellen. Mit Originaldokumenten und Fotografien aus dem Nachlass des Künstlers gibt der Raum außerdem Hintergrundinformationen zu Angus? Leben und Arbeitsweise.

Ende der 1970er-Jahre traf Angus die künstlerische Entscheidung, die Inspiration für seine Gemälde und Zeichnungen nicht von anderer Kunst, sondern aus dem eigenen Leben zu beziehen – und das »Leben« bedeutete für ihn in erster Linie: »Schwules Leben«. Unter dieser Überschrift wird eine Auswahl der sogenannten »Los Angeles Drawings« von 1979 gezeigt, rund 60 tagebuchähnlichen Bleistiftzeichnungen, die motivisch wie stilistisch unmittelbar Bezug nehmen auf David Hockney. In diesen das schwule Leben in der kalifornischen Metropole dokumentierenden Darstellungen deutet sich bereits ein Sujet an, das Angus dann in den 1980er-Jahren mit den Bildern der New Yorker Schwulenszene zu einem seiner zentralen Motive macht. 

Im Nachbarraum sind zwei Filmsequenzen zu sehen, in denen der Maler Patrick Angus eine Rolle spielt. Für das Dokumentarspiel »Resident Alien« (1990) über den schwulen Autor und Dandy Quentin Crisp tritt Angus selbst vor die Kamera. Eine Szene zeigt ihn mit seinem Förderer Crisp bei einem New Yorker Galeristen, der seine Bilder aufgrund der freizügigen Motive ablehnt – ein Schicksal, das Angus auch im realen Leben in zahlreichen Galerien ereilte. In »An Englishman in New York« (2009), der biografischen Verfilmung von Quentin Crisps Leben, wird die Figur Patrick Angus von Jonathan Tucker verkörpert. Der Spielfilm handelt eindringlich von der wachsenden Freundschaft zwischen Crisp und Angus. In beiden Filmen sind Originalwerke zu sehen, die sich auch in der Ausstellung befinden. 

Unter dem Titel »Eros« widmet sich die Ausstellung auf der zweiten Etage intensiver den schwulen Sujets. Im Gegensatz zu seinem Vorbild David Hockney thematisiert Angus auch die weniger verführerischen Seiten schwuler Lebensart. In den Gemälden und Zeichnungen gibt der Maler intime, unverblümte Ansichten. Schonungslos, oft aber auch mit einem Augenzwinkern schenkt Angus dem sexuellen Akt und den tabuisierten Orten, in denen viele schwule Männer ihren Begierden nachgehen, seine Aufmerksamkeit. Trotz der realistischen Darstellung liegt ein Schleier von Melancholie oder Romantik über vielen dieser Szenen. Immer wieder scheint Angus? eigene Verletzlichkeit durch, seine Sehnsucht nach Zuneigung und körperlicher Erfüllung.

Dass Angus ein durchaus klassischer Maler war, beleuchtet die Schwerpunktsetzung der folgenden Themenräume. Neben Stillleben und Interieurs auf Leinwand und Papier widmet sich dieser Ausstellungsbereich besonders den von Angus entwickelten kunsthistorischen Referenzen: Würdigung erfahren Pablo Picasso und David Hockney ebenso wie Meisterwerke und Motivtraditionen der Kunstgeschichte, die bei ihm neu interpretiert werden. In den Stadt- und Landschaftsansichten spiegelt sich das Verhältnis zu seiner Umgebung. Neben der Metropole New York und der sonnigen Westküste haben viele der Darstellungen harmonische Natur- und idyllische Vorstadtansichten zum Bildinhalt, wie sie in Amerika häufig zu finden sind, etwa in Fort Smith / Arkansas, wohin seine Eltern Ende der 1970er-Jahre gezogen waren.

Der letzte Themenraum, der die gesamte dritte Ausstellungsebene einnimmt, steht unter dem Titel »Bühnen, Bäder, Bars«. Der Fokus liegt hier auf Angus? Milieustudien der New Yorker Schwulenszene. Die Gemälde und Papierarbeiten zeigen, wohin viele Schwule gingen, worüber die meisten jedoch nicht sprachen: in Saunen, Pornokinos und Strip-Theater, in jene Szenelokalitäten, wo Männer ihre geheimen Leidenschaften frei ausleben konnten. Hier trafen Jung und Alt, Arm und Reich, Stripper und Betrachter, Stricher und Freier, Sexwillige und Voyeure aufeinander. Da an diesen Orten das Fotografieren verboten war, hielt Angus die Atmosphäre und Details allein aus der Erinnerung fest. Er lässt nichts aus, er malt die Striptänzer auf der Bühne des berühmten Gaiety Theatre und anderer Clubs, die gehemmt wirkenden Zuschauer, die Anbahnung von Kontakten zwischen Freiern und Strichern und das Treiben in den schwulen Badehäusern und Pornokinos der Stadt.

Das alles gibt es heute so nicht mehr. Die freizügigen New Yorker Schwulen-Etablissements schlossen in Folge der Aids-Epidemie in den 1990er-Jahren. Doch wie die Ausstellung veranschaulicht, ist das Werk von Patrick Angus weit mehr als lediglich die visuelle Dokumentation einer vergangenen Untergrundszene. Mit Empathie und ohne jegliche Wertung illustriert er die Lebenswelt der Szene, zu der er selbst gehörte. Dabei war dem Künstler wichtig, dass er nichts idealisiert oder mystisch verklärt, sondern so zeigt, wie er es erlebte und empfand. Dazu gehört auch eine melancholische Grundstimmung, das Gefühl der Vereinzelung und die Unerreichbarkeit der Sehnsüchte. All das schwingt in vielen der Bilder mit und wird häufig durch die im Kontext der Motive ironisch klingenden Bildtitel verstärkt, die Angus Popsongs von Strip-Performances entlieh. Mit seinem Anspruch auf eine realitätsgetreue Darstellung und dem Blick auf die emotionale Verfassung und das menschliche Dasein reiht sich Angus in die Tradition des »American Social Realism«, die er um die Perspektive auf die queere Szene erweitert.

Sexuelle Diversität ist heute eines der meistdiskutierten gesellschaftlichen Themen. Sei es der sensibilisierte Umgang mit Geschlechtsidentitäten, die wissenschaftliche Annäherung durch Gender und Queer Studies oder auch die Diskussion um die Verankerung dieser zentralen Fragen im schulischen Lehrplan – das Thema sexuelle Vielfalt ist nach wie vor konfliktgeladen. Das Kunstmuseum Stuttgart sieht es als seine Aufgabe an, mit einer Ausstellung wie »Patrick Angus. Private Show«, Themen von ebensolcher gesellschaftlicher Bedeutung und Brisanz aufzugreifen, darzustellen und der Öffentlichkeit zu vermitteln.