Die Ausstellung Scharf geschnitten. Vom Scherenschnitt zum Papercut widmet sich vom 27. Januar bis 22. April 2018 der faszinierenden Welt des Scherenschnitts. Die Waiblinger Schau spannt einen Bogen von der Blütezeit des Papierschneidens um 1800 bis zu zeitgenössischen Werken, die die traditionelle Kunstform wieder aufgreifen und überraschend neu interpretieren. Im Zentrum der historischen Sektion stehen die Arbeiten Luise Duttenhofers, die 1776 in Waiblingen geboren wurde und mit ihren virtuosen Scherenschnitten Bekanntheit weit über die Region hinaus erlangte.

Insgesamt 67 Scherenschnitte und Cut Outs sind in der Galerie Stihl Waiblingen ab 27. Januar 2018 zu sehen, darunter vier historische und 15 zeitgenössische Künstlerpositionen. Die Ausstellung belegt eindrücklich, dass der Scherenschnitt in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt. Wie bei kaum einer anderen künstlerischen Technik steht hier das Papier selbst im Fokus. Aus dem Material entstehen, mit Schere und Messer „gezeichnet“, unmittelbar Formen und Figuren. Die Kunst besteht dabei im Weglassen: In erster Linie lebt der Scherenschnitt von einer strengen Reduktion auf den Umriss der Motive, doch bietet er zugleich Raum für verschiedenste gestalterische Ansätze, von klaren Konturen über Dekorativ-Verspieltes bis hin zur nüchternen technischen Perfektion.

Ihre Hochzeit erlebte die traditionelle Technik des Papierschneidens um 1800. Was den klassischen Scherenschnitt ausmacht, veranschaulicht die Ausstellung anhand ausgewählter historischer Positionen. Im Fokus steht dabei die gebürtige Waiblingerin Luise Duttenhofer (1776–1829). Wie fast allen künstlerisch begabten Frauen ihrer Zeit war es Duttenhofer nicht möglich, den Beruf einer bildenden Künstlerin auszuüben. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Scherenschneiden – eine Tätigkeit, die man Frauen als Freizeitbeschäftigung zugestand – und wurde mit ihren Arbeiten bereits zu Lebzeiten überregional bekannt. In ihren Scherenschnitten greift sie typische Themen ihrer Epoche auf. Silhouettenporträts von Freunden und bekannten Persönlichkeiten stehen neben dekorativen Blumenmotiven und einem häufig ironischen, mitunter auch kritischen Blick auf ihre Zeitgenossen. Handwerkliche Präzision verbindet sich dabei mit genauer Beobachtungsgabe und teils überraschen- den Bildfindungen. Arbeiten von der Hand Luise Walthers, Philipp Otto Runges und Adolph von Menzels vervollständigen die historische Sektion der Schau.

In der zeitgenössischen Kunst erfreut sich der Scherenschnitt in den letzten Jahren wieder größter Beliebtheit. Künstlerinnen und Künstler greifen die traditionellen Gestaltungsformen und Themen auf und interpretieren diese auf vielfältige Weise neu. So verbindet etwa die amerikanische Künstlerin Kara Walker den Rückbezug auf die historische Formensprache mit kritischem Gehalt. Ihre dekorativ anmutenden Silhouetten zeigen Szenen brutaler Gewalt, die auf Rassenunruhen in den USA verweisen. Annette Schröter wiederum spielt mit Zitaten aus gestrigen und heutigen Bildwelten. Berühmten Gemälden Caspar David Friedrichs entlehnt sie Figuren, die nun nicht mehr auf eine idyllisch-romantische Landschaft blicken, sondern auf eine im Comicstil wiedergegebene Explosion. Vielfältig ist die Auseinandersetzung heutiger Künstler mit floralen Motiven. Direkten Bezug auf das historische Vorbild Philipp Otto Runges nehmen Marcel Odenbach und Olaf Nicolai: Als Collage aus Zeitungsfotos bildet Odenbach Runges dekorative Blumenmotive nach und verleiht ihnen so eine zweite, politische Sinnebene. Nicolais „Pflanzen“ dagegen sind streng symmetrische, genau kalkulierte Konstrukte, die den Gegensatz von Natürlichem und Künstlichem hinterfragen.

Wie sich der Scherenschnitt um eine räumliche Dimension erweitern lässt, zeigen vielfältige weitere Positionen: Neben Esther Glücks streng perspektivischen Darstellungen von Körpern und Räumen stehen Georgia Russells totemartige Objekte aus zerschnittenen Büchern, während der Ludwigsburger Künstler Jörg Mandernach seine Scherenschnitte mit Raumzeichnungen verbindet, die sich auf Wänden und Böden ausdehnen. Charlotte McGowan-Griffin wiederum integriert mittels Collage stereo- metrische Körper in eine ansonsten gänzlich flächig wiedergegebene, idyllisch anmutende Szene.

Zudem erweitern Inszenierungen durch Projektionen und Trickfilme die Grenzen des Mediums. So gestaltet Katja Pfeiffer verschlungene, einander durchkreuzende Gerüststrukturen aus Pressspan, die sich erst im Schattenwurf an der Wand zu einem erkennbaren Motiv, einer Achterbahn, verbinden. Valentina Stanojev erweckt ihre Scherenschnitte in Animationsfilmen zum Leben, erzählt skurrile und tiefsinnige Geschichten. Der zeitgenössische Scherenschnitt präsentiert sich damit höchst aktuell, überraschend und von beeindruckender gestalterischer Bandbreite.

Die hochkarätigen Leihgaben stammen unter anderem aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Städel Museum, Frankfurt a. M., und dem Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg, sowie aus Stiftungen, privaten Galerien und dem Besitz der Künstler und Künstlerinnen selbst. Die Ausstellung wird gefördert vom langjährigen Partner der Galerie Stihl Waiblingen, der Kreissparkasse Waiblingen.

Zur Ausstellung wird es eine aufwändige Hardcover Publikation mit gestanztem Schutzumschlag geben. Sie umfasst 120 Seiten und enthält ca. 75 Werkabbildungen. Da einige der gezeigten Arbeiten speziell für die Ausstellung anfertigt und in situ fotografiert werden, erscheint der Katalog Mitte Februar 2018 und kann ab dann zum Preis von 25 Euro an der Galeriekasse erworben werden. Vorbestellungen über: bettina.mann@waiblingen.de. Der Katalogdruck wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Elanders GmbH, Waiblingen, und des Fördervereins Freunde der Galerie Stihl Waiblingen e. V. 


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11:00 bis 18:00 Uhr
Donnerstag: 11:00 - 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: galerie-stihl-waiblingen.de

27.01. - 22.04.2018

Scharf geschnitten. Vom Scherenschnitt zum Papercut

Galerie Stihl Waiblingen

Weingärtner Vorstadt 16
71332 Waiblingen