JUNGE DEUTSCHE FOTOGRAFIE NACH DER DÜSSELDORFER SCHULE 

Die Ausstellung »gute aussichten deluxe – junge deutsche Fotografie nach der Düsseldorfer Schule« resultiert aus der 14jährigen Arbeit für das Nachwuchsförderungs-Projekt »gute aussichten – junge deutsche fotografie«, das seit 2004 für seine inzwischen 122 Preisträger weltweit über 150 Ausstellungen organisiert hat. »gute aussichten deluxe« in Hamburg präsentiert 25 neue, herausragende Positionen aus dem Kreis der »gute aussichten« Preisträger der Jahre 2004 bis 2015, deren künstlerisches Schaffen sich in dieser Zeit kontinuierlich weiterentwickelt hat.

Die Ausstellung »gute aussichten deluxe - junge deutsche Fotografie nach der Düsseldorfer Schule« spiegelt den Fortbestand und Wandel des Mediums Fotografie in all seinen Facetten und bietet einen einzigartigen Überblick über eine Generation von jungen Fotografen, die, wohl wissend um das Primat der Düsseldorfer Schule, dieses jedoch hinter sich gelassen hat und sich visuell klar in der Gegenwart verortet.

So hat sich die zeitgenössische Fotografie vom reinen Abbild längst verabschiedet. Die durch die Düsseldorfer Schule postulierte Objektivität des Bildes ist – trotz oder gerade wegen der anhaltenden Bilderflut auf allen medialen Kanälen – dahin. Gesucht und untersucht wird von den jungen Talenten, welche Rolle die Fotografie im medialen Kanon der Bilder spielt und welche neuen Ausdrucks- und Erscheinungsformen man ihr entlocken kann. Ausgehend von den Rändern der etablierten Fotografie erweitert sich so das zeitgenössische Bild in aktuelle mediale Ausdrucksformen. Die jungen Lichtbildner nutzen dafür alle Mittel der digitalen und analogen Bilderzeugung und -umsetzung, bedienen sich unterschiedlicher medialer Strategien ebenso selbstverständlich, wie sie mit Bewegtbildern, Sound und der Malerei hantieren oder sich mit ihren Werken installativ in den Raum hinein bewegen.

Die Positionen, die »gute aussichten deluxe« vorstellt, sprengen vielfach die Grenzen, die dem Medium Fotografie auferlegt scheinen. So entwickelt zum Beispiel der Berliner Fotokünstler Kolja Linowitzki für seine Serie »Digits of Light« kurzerhand sein eigenes Produktionsmittel, eine komplett selbst gebaute Apparatur zur Erzeugung von Bildern, die digitales Licht und analoge Belichtung zusammenführt. So wird aus jedem Bild ein Unikat, mit fast graphisch-malerischer Anmutung!

Bildgewordene Philosophie ließe sich Georg Brückmanns Serie »Kundmanngasse 19« nennen, die die permanente Selbstreferenz in der Philosophie des Denkers Ludwig Wittgenstein erkundet und visualisiert. Zu diesem Zweck hat Brückmann Räume eines von Wittgenstein mitgebauten Palais in Wien sowie Gegenstände fotografiert, über- oder bemalt, im kleineren Massstab zusammengebaut, mit Fotografien kombiniert und dann wieder alles neu ins Bild gesetzt. Dieses selbstreferenzielle Vorgehen zur Erzeugung eines einzelnen »Interieurs« belegt und hinterfragt gleichzeitig die Konstruktion von Bildern, von Wahrnehmungen und Wahrheiten.

Was mit ganz alltäglichen Gegenständen, wie einer Krawatte, einer Orange oder einem Schwimmflügel geschieht, wenn sie, ihrer ursprünglichen Funktion enthoben, in einen anderen Kontext gesetzt werden, demonstriert Claudia Christoffel in ihrer Serie „FUN-GHB-EAT“: Wozu kann ein Schwimmflügel beim Sex dienen (FUN)? Kann eine Krawatte bei einer Vergewaltigung missbraucht werden (GHB)? Ist eine Karotte einfach nur ein Gemüse (EAT)?

Um die Funktionalität und den Stellenwert des Mediums Fotografie im digitalen Zeitalter geht es Sarah Straßmann in ihrem Forschungsprojekt »Expanded Pictures«. Erzeugung, Bearbeitung und Distribution von Bildern sind dank Handykamera, Internet und Social Media so selbstverständlich wie allgegenwärtig geworden. Ein bevorzugtes Sujet ist dabei das Selfie: DAS zeitgenössische Medium der Selbstinszenierung, dessen Bild zwar individuell erscheint, aber einem Archetypus entspricht. Es geht somit viel weniger um das Foto als Abbild des Selbst, als um den Vorgang des Fotografierens an sich, der, frei nach René Descartes »cogito ergo sum«, besagt: ICH bin (da). Fotografieren im digitalen Zeitalter wird damit allem voran zu einer (sozialen) Handlung, die zur Bespielung der digitalen Kanäle wie Facebook, Instagram oder Snapchat dient.

Der Themenreigen der teilnehmenden jungen Talente umgreift zudem die Auseinandersetzung mit Architektur, Erinnerung und Erinnerungskonstruktionen, präsentiert klassische Sujets wie Portraits oder das zeitgenössische, alltägliche Stillleben, untersucht die visuellen Inszenierungstechniken zur Bildung moderner Mythen oder definiert die klassische Reportage-Fotografie neu. Dabei setzen die Fotografen in einer Zeit, die allgegenwärtig von Fake-News mit Fake-Motiven betwittert oder gesnapt wird, immer wieder konzentrierte Akzente mit Bildern von überraschender Schlichtheit, Poesie und elementarer Lebensverbundenheit.

Mit aktuellen Werken der Preisträger Nadja Bournonville, Georg Brückmann, Claudia Christoffel, Monika Czosnowska, Felix Dobbert, Sonja Kälberer, Katrin Kamrau, Alwin Lay, Kolja Linowitzki, Tamara Lorenz, Marian Luft, Sara-Lena Maierhofer, Thomas Neumann, Nicolai Rapp, Jewgeni Roppel, Rebecca Sampson, Helena Schätzle, Luise Schröder, Stefanie Schroeder, Sarah Straßmann, Stephan Tillmans, Markus Uhr, Anna Simone Wallinger, Christina Werner und Maja Wirkus.

Summa summarum präsentiert gute aussichten deluxe 25 neue künstlerische Positionen mit über 220 Bildern, 6 Mobile Phone Slide-Shows, 8 Videos, 6 Objekten, 4 Büchern, 1 bedruckten Fussboden und 1 Sound-Installation in einer Muschel.

Diese Ausstellung wird durch das gewohnte Format »gute aussichten - junge deutsche fotografie« ab dem 14. Februar 2018 ergänzt, in dem die acht aktuellen PreisträgerInnen des Durchgangs 2017/2018 gezeigt werden.