"Unboxing Photographs. Arbeiten im Fotoarchiv" öffnet vier Fotoarchive und zeigt die materielle Vielfalt von Fotografien als dreidimensionale Objekte. Vom Glasplattennegativ über den Kleinbildfilm bis zum Abzug auf Albumin- oder Silbergelatinepapier: Die Ausstellung erzählt von wissenschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie anhand von Architekturaufnahmen um 1900, der Fotodokumentation archäologischer Ausgrabungskampagnen in Magnesia und Pergamon, Fotografien angewandter Kunst sowie dem Hahne-Niehoff- Fotoarchiv zur Volkskunde. Integriert sind zudem Interventionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

Fotografien sind nicht nur visuelle Bilder, sondern greifbare Objekte der materiellen Kultur: Sie werden in die Hand genommen, gedreht und gewendet, beschriftet, beschnitten, gerahmt, in Alben geklebt, ausgedruckt, verschickt oder ins Internet gestellt. Auch Kontaktabzüge, Erfassungsbögen, Trägerkartons, Karteikarten oder ein Bildschirm sind Bestandteil eines Foto-Objekts.

Seit dem 19. Jahrhundert arbeiten Archäologie, Ethnologie und Kunstgeschichte mit Fotografien und sammeln sie in großer Anzahl in Archiven. Diese Masse an Bildern sollte eine möglichst breite Auswahl an Vergleichsobjekten in unterschiedlichen Varianten bieten, so zum Beispiel von Kaminverkleidungen, Spiegeln oder antiken Skulpturenfragmenten. An ihnen können die Betrachter das Sehen üben und gewinnen einen Überblick über Motive und Techniken.

Jedes Archiv hat sein eigenes Klassifikationssystem, in das die Fotografien einsortiert sind. Innerhalb dieses Systems werden sie immer wieder neu geordnet, um sie zu vergleichen oder verschiedene Zusammenhänge zu schaffen. Abzüge, Negative und Fotokartons sind Teile eines Netzwerks, in dem auch Menschen aktiv sind. Sie prägen die Strukturen des Archivs und die Bedeutung der Fotografien, schaffen neues Wissen, ihr Handeln hat aber auch eine politische Dimension. Ob fotografische Dokumentationen von Grabungen, Kunst oder Architektur, Festen und Trachten: Sie alle spiegeln zeitgenössische politische Handlungen und Ideale wider.

Erst durch Bearbeitung werden Fotografien zu nutzbaren Dokumenten für die Wissenschaft. Fotografische Abzüge wurden auf Karton montiert, gestempelt, beschriftet, koloriert, retuschiert sowie mit Signaturen und Nummern versehen. Manchmal wurden Abzüge be- und zerschnitten und neu zusammengesetzt zum Beispiel in Publikationen verwendet. Auch radikale Schnitte sind keine Seltenheit: Manchmal sogar im Bildmotiv beschnitten, wurden Foto-Objekte den standardisierten Schachteln des Archivs angepasst oder als Papier-Objekte umfunktioniert.

Fotografien in Archiven sind mobil – oft wechseln sie das Archiv, werden abgegeben, verkauft oder getauscht. Dabei verändern sich ihre Bedeutungen. Manche zunächst scheinbar randständige Fotografie wird dann bisweilen sogar zur Kostbarkeit. Denn Archive sammeln nach bestimmten Wertvorstellungen. Was diesen Werten entspricht, wird den Kernbeständen zugerechnet. Andere Foto-Objekte hingegen werden als "sonstige" oder "unsortiert" klassifiziert. Im Laufe der Zeit können sie somit nicht nur zwischen Orten, sondern auch zwischen Wertesystemen wandern. Auch wird die Ordnung der Fotoarchive immer wieder von scheinbaren Unstimmigkeiten unterbrochen, etwa durch aussortierte Dubletten, fehlende Kartonecken, gespenstische Bilderschatten, ausgeschnittene Abzüge oder leere Fotokartons. Erscheinen sie zunächst unpassend und kurios, so geben diese Exponate doch wertvolle Einblicke in den Archivalltag. Sie haben eine eigene Geschichte – sie als Objekte ernst zu nehmen, erlaubt es, diese vielgestaltigen Geschichten zu erzählen.

Die Ausstellung thematisiert und hinterfragt Wahrnehmungs- und Darstellungskonventionen von Fotografien. Damit erprobt sie neue Möglichkeiten der Gestaltung, um dem Publikum einen noch nicht dagewesenen Blick auf Fotografie jenseits etablierter Sehgewohnheiten zu ermöglichen. Die Arbeit mit Foto-Objekten steht auch im Zentrum der in die Ausstellung integrierten künstlerischen Interventionen von JUTOJO, Ola Kolehmainen, Joachim Schmid, Elisabeth Tonnard und Akram Zaatari.

"Unboxing Photographs. Arbeiten im Fotoarchiv" wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Schering Stiftung und dem Verein der Freunde der Antike auf der Museumsinsel Berlin e.V.

Weitere Informationen zum Verbundprojekt "Foto-Objekte – Fotografien als (Forschungs-) Objekte in Archäologie, Ethnologie und Kunstgeschichte" finden Sie auf der Webseite fotobjekt.hypotheses.org.

150 Jahre Kunstbibliothek:
Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin feiert 2018 ihr 150- jähriges Bestehen. Ihre Anfänge liegen im "Deutschen Gewerbemuseum", das ursprünglich Bibliothek, Unterrichtsanstalt und Sammlung unter einem Dach vereinte. 1881 bezog die "Bibliothek des Kunstgewerbemuseums" gemeinsam mit ihrem Mutterhaus den neu errichteten Martin-Gropius- Bau. 1905 erhielt sie ihr erstes eigenes Gebäude in der Prinz-Albrecht- Straße und wurde im Jahr 1924 unter dem Namen "Staatliche Kunstbibliothek" organisatorisch vom Kunstgewerbemuseum unabhängig. Nach den Kriegsjahren konnte die Kunstbibliothek 1954 ein neues Domizil in der Jebensstraße beziehen; seit 1994 ist sie am Kulturforum beheimatet.

Heute gehört die Kunstbibliothek mit rund einer Millionen Bänden zu den größten Museumsbibliotheken weltweit. Sie stellt an ihren Standorten am Kulturforum (Kunstwissenschaftliche Bibliothek) und auf der Museumsinsel Berlin (Archäologische Bibliothek) die Informationsversorgung für die sammlungsbezogene Grundlagenforschung an den Staatlichen Museen zu Berlin sicher. Gleichzeitig ist sie ein internationales Forschungsinstitut, in dem die Objekte zur angewandten Kunst in den Sammlungen Architektur, Buchkunst, Fotografie, Grafikdesign und Modebild für Forscherinnen und Forscher aus dem In- und Ausland nutzbar sind. Seit 2004 gehört das neu eröffnete Museum für Fotografie zur Kunstbibliothek, das sich an seinem Standort in der Jebensstraße in Berlin-Charlottenburg zu einem Zentrum für innovative Fotoausstellungen entwickelt hat.

Im Jubiläumsjahr zeigt die Kunstbibliothek zahlreiche Sonderausstellungen an ihren Standorten. Im Zentrum steht die Schau "Reisen in der Bibli- othek. 150 Jahre Kunstbibliothek", die vom 21. September 2018 bis 6. Januar 2019 unter dem zentralen Motiv der Reise einen repräsentativen Querschnitt aus 150 Jahren Sammlungsgeschichte zeigt. 


Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr 
Samstag und Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr 
Montag: geschlossen

Weitere Infirmationen direkt unter: www.smb.museum