Private und anonyme Fotografie aus der Sammlung des Werkbundarchiv – Museum der Dinge 

Eigensinnig und konventionell, vertraut und doch voller Rätsel: Der Blick ungezählter, meist namenloser Knipser spiegelt sich in der Sammlung privater und anonymer Fotografie des Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Diesen reichen, aber kaum bekannten Fundus zeigt die Sonderausstellung FOTO | ALBUM. In drei Kapiteln werden Schlaglichter auf Posen und Motive, auf besondere Erzählstrukturen in Fotoalben und die sozialen Funktionen und Gebrauchsweisen von Foto-Objekten geworfen.

In einem ersten Kapitel zeigen Hunderte Einzelfotos, gruppiert in visuellen Clustern, die immer wiederkehrenden Motive und Konventionen privater Bildpraxis. Ob hochgradig formalisierte Inszenierungen wichtiger Lebensereignisse oder Schnappschüsse von alltäglich bis skurril – bewusst oder unbewusst werden diese Motive immer wieder reproduziert und haben so Einzug in das kollektive Gedächtnis gehalten. In den Privatfotos fremder Menschen erkennen wir stets auch mögliche Versionen unserer eigenen Familienfeiern, Urlaube und Alltagsszenen.

Das zweite Ausstellungskapitel zeigt zahlreiche Fotoalben als Objekte des Aufbewahrens, Ordnens und Präsentierens. Darin verdichten sich die eingeklebten Bilder in ihren Arrangements – häufig auch in Kombination mit Text und eingeklebten Ephemera – zu symbolisch aufgeladenen Erzählungen. Gezeigt wird das Anlegen von Alben als sinnstiftende Kulturtechnik mit wichtigen sozialen Funktionen: von familiärer Repräsentation bis hin zu intimer und individuell-biografischer Selbstdarstellung. Was durch die Alben erzählt und erinnert werden soll, ist dabei ebenso faszinierend wie das, was sie verschweigen: die Leerstellen und Zeitsprünge sowie die aus dem linearen Familiennarrativ ausgegliederten Themen und Tabus.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf einem umfangreichen Nachlasskonvolut der Berliner Artistenfamilie Berg. Mit einem Film und einer Toninstallation werden diese Alben zu lebhaft erzählten Zeugnissen einer bewegten Familiengeschichte.

Fotografien sind nicht nur Bilder, sondern stets auch Teil der materiellen Kultur – dreidimensionale Dinge, die benutzt, gesammelt und geliebt werden. Zu sehen sind in einem dritten Ausstellungsteil die vielfältigen Formen und Spuren ihres Gebrauchs, ob miniaturisiert, repariert, in Schachteln archiviert oder handschriftlich kommentiert. In den Foto-Objekten zeigt sich auch die gleichermaßen enge und ambivalente Verbindung von Fotografie und Erinnerung – ein wichtiger Aspekt des theoretischen Diskurses wie auch ganz konkrete Praxis. Das Foto hält Vergängliches fest und kann zum Beispiel in Form eines Medaillons zum Stellvertreter einer abwesenden Person werden.

Digitale Feeds, Streams und Clouds sowie soziale Medien haben längst die Fotoalben ersetzt und schaffen neue visuelle Konventionen und soziale Praktiken wie Hashtags, das Teilen und Kommentieren von Fotos sowie eine Grenzverschiebung von öffentlich und privat. Dennoch erleben wir, zeitgleich mit dem Verschwinden der materiellen Fotografie, eine oft nostalgisch motivierte Renaissance von analoger Ästhetik und Praxis. Teils drückt sie sich in kurzlebigen Moden oder in Simulationen aus, teils zeugt sie von einem zeitlosen Bedürfnis nach etwas „Anfassbarem“, „Realem“.

Die in der Ausstellung präsentierten Themen betreffen auch museale Grundprobleme: Wie geht das Museum als Institution mit diesem materiellen Erbe um? Welchen Wert misst es den privaten Fotografien zu? Anders als Kunstwerke sind sie alltäglich, massenhaft vorhanden und doch individuell bedeutsam. Und welche Kriterien findet das Museum für das Sammeln, Ordnen und Kuratieren dieser potenziell unendlichen Bilderwelt des Alltäglichen?