Im April 2018 würde der Jugendstilkünstler Peter Behrens (1868–1940) seinen 150. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass widmet ihm das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg eine Sonderausstellung mit knapp 200 Werken, überwiegend aus eigenem Bestand, die von Peter Behrens stammen oder unter seiner Anleitung gefertigt wurden. Der Schwerpunkt liegt auf seiner Nürnberger Zeit 1901 und 1902 – unmittelbar nach seinem Durchbruch als gefeierter Jugendstilkünstler in Darmstadt und vor seiner Lehrtätigkeit in Düsseldorf.

Zum einen erteilte eine Nürnberger Industriellenfamilie Behrens 1902 mit der Ausstattung von insgesamt sieben Zimmern einen Großauftrag, der neben Möbeln auch Geschirr, Gläser, Besteck und diverse Textilien umfasste. Zum anderen gab Behrens höchstpersönlich 1901 und 1902 Meisterkurse am Bayerischen Gewerbemuseum, in denen er Nürnberger Kunsthandwerker im neuen Stil unterrichtete. Neben rund 30 Entwürfen aus diesen Kursen zeigt die Ausstellung drei der oben genannten Zimmerausstattungen: Möbel eines Schlaf- und Toilettenzimmers, einer Küche und eines Gästezimmers.

Peter Behrens als Inneneinrichter
Seine Karriere begann Behrens als Maler, wovon sein frühestes bekanntes Gemälde am Eingang der Ausstellung Zeugnis ablegt. Der Frühlingsabend entstand 1892 und ist erstmals öffentlich zu sehen. Es folgen berühmte Beispiele aus dem Bereich der grafischen Gestaltung, wie beispielsweise seine frühe Lithografie Der Kuss von 1898.

Im Jahr 1901 gelingt Behrens dann der Durchbruch, als er auf der berühmten Jugendstil-Ausstellung Ein Dokument deutscher Kunst auf der Mathildehöhe Darmstadt im sogenannten „Haus Behrens“ seine neuartige Vorstellung von einer das gesamte Lebensumfeld einbeziehenden Gestaltung präsentiert: Möbel, Geschirr, Textilien und Wanddekoration – alles sollte wie aus einem Guss erscheinen und in einem einheitlichen Stil gestaltet sein. Klare Linien dominieren, das überbordende Dekor des Historismus ist verschwunden. Die moderne Inneneinrichtung sah und begeisterte Emilie Reif, eine wohlhabende Industriellen-Gattin aus Nürnberg. Für die Aussteuer ihrer Tochter Clara, die 1902 Theodor Schilling heiraten sollte, bestellte sie das moderne Interieur.

Bemerkenswert ist in der Nürnberger Ausstellung die Präsentation von Schlafzimmer, Küche und Gästezimmer des jungen Ehepaars Schilling: Die Möbel stehen zeittypisch auf dunklem Linoleumboden, der damals als ungeheuer modern und funktional galt, weil er keine Flusen verbreitete und leicht zu wischen war. Die Wände wurden nach zeitgenössischen Empfehlungen von Hermann Warlich gestrichen, der in seinem Einrichtungsratgeber Wohnung und Hausrat über die „vorbildliche Einrichtung um 1900“ zu gedeckten Farben für einen ruhigen Schlaf riet.

Eine Überraschung halten Garderobe und Eckschränke bereit. Unter der Montierung eines Leuchters hat sich die ursprüngliche Farbigkeit der Möbel erhalten: ein leuchtendes Grün! Mit farbigem Licht wird das originale Aussehen in der Ausstellung simuliert.

Es folgen Vitrinen mit Gläser-Sets, Geschirr und Besteck, wie es auch das Ehepaar Schilling besaß. Dann die Kücheneinrichtung, die durch schlichte Funktionalität überzeugt. Regale verbinden die einzelnen Schränke, der Raum wird optimal genutzt, so dass schon fasst der Eindruck einer Einbauküche entsteht. Ein Hocker kann mit einem einfachen Handgriff in eine Trittleiter verwandelt werden. Auch hier ist alles einfach und funktional.

Behrens als Lehrer an der Bayerischen Kunstgewerbeschule
Mindestens so beeindruckt vom „Haus Behrens“ auf der Darmstädter Mathildenhöhe wie Emilie Reif und ihre Tochter Clara war ganz offensichtlich der damalige Direktor des Bayerischen Gewerbemuseums, Theodor von Kramer. Er berief Behrens als neuen Leiter der Meisterkurse nach Nürnberg. Vom 7. Oktober bis 9. November 1901 und erneut vom 15. Januar bis
15. Februar 1902 gab Behrens hier zwei Kurse, um hiesige Handwerker im neuen, modernen Stil zu unterrichten.

Die meisten Kunsthandwerker kamen aus Metall verarbeitenden Branchen, weshalb Beispiele aus Silber, Kupfer und Zinn überwiegen. Doch auch Keramiker, Holzhandwerker und vier Frauen, die sich traditionell den Textilien verschrieben hatten, nahmen teil. Behrens unterrichtete, was er selbst für sich in Anspruch nahm: Streben nach Vereinfachung der Form und Reduktion des Dekors, bis nur noch eine klare Linie übrig blieb. Ein beredtes Beispiel ist eine imposante Bowle-Schüssel von Franz Kainzinger aus dem Jahr 1901. Deren streng geometrische Linienornamente spiegeln deutlich den Einfluss des Kursleiters.

Sie waren zwar in der Minderheit, aber aus Sicht des beginnenden 20. Jahrhunderts ist es erstaunlich, dass auch Frauen an den Kursen teilnahmen. Exemplarisch erwähnt werden soll Emma Volck. Sie war als kunstgewerbliche Zeichnerin zwischen 1899 und 1904 am Bayerischen Gewerbemuseum tätig, die Kursteilnahme für sie gewissermaßen eine Ergänzung zu ihrer eigenen Tätigkeit. Aus den Kursen selbst dürfte ein Tülldeckchen mit in Seide gestickten Mustern stammen. Die Auswahl unterschiedlicher Muster auf einer Decke deutet darauf hin, dass es sich vermutlich um ein Beispiel-Deckchen handelt, das verschiedene Dekore exemplarisch aufzeigt.

Ausklang
Ende des Jahres 1903 wird Peter Behrens als Direktor an die Kunstgewerbeschule Düsseldorf berufen, rund ein Jahr nach seinem Nürnberger Intermezzo. Dieses hatte entscheidend zu seiner Reputation beigetragen und seinen Ruf als Lehrer maßgeblich gestärkt. Behrens‘ eigenes Ziel war es, Nürnberg kurz nach 1900 stilistisch auf die Höhe der Zeit zu bringen und sich selbst international einen Namen zu machen. Mit dem Nürnberger Intermezzo als Referenz gelingt ihm der Durchbruch zum Vorreiter des Industriedesigns und zum einem international gefragten Architekten.


Öffnungszeiten:
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