Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten Reformpädagogen wie Ellen Key (1849-1926) das Verständnis von Kindheit, Mutterschaft und Erziehung auf eine neue Grundlage. Ihre Kernbotschaft vom Ende des Machtgefälles zwischen den Generationen und die Vision vom Recht des Kindes auf Anerkennung der eigenen Persönlichkeit standen im Zusammenhang mit einer umfassenden Aufbruchstimmung, die großen Einfluss auf die Kunst und das Geistesleben in Deutschland hatte. Die KünstlerInnen setzten sich in ihren Bildern mit dem kindlichen Bedürfnis nach Intimität und Gemeinschaft, nach Individualität und kreativem Selbstausdruck auseinander und reagierten auf die ungleichen Lebensverhältnisse, die Kindheiten sozial und kulturell prägten.

Die Kunstsammlung des Mülheimer Nobelpreisträgers Karl Ziegler (1898-1973) verfügt über zahlreiche Kinderdarstellungen. Anhand ausgewählter Beispiele aus den Beständen der Stiftung Sammlung Ziegler, der öffentlichen Sammlung des Mülheimer Kunstmuseums und der Zille-Sammlung Themel – ergänzt durch Leihgaben aus Privatbesitz – möchte die Ausstellung in die historische Debatte rund um den Kinderkult des frühen 20. Jahrhunderts einführen und den tiefgreifenden Wandel in der Darstellungstradition von Kindern im Umfeld des deutschen Expressionismus nachzeichnen.

Die kindliche Entwicklung von der Geburt bis zur Jugend, festgehalten in Gemälden, Aquarellen und Grafiken, spinnt sich als roter Faden durch die Ausstellung, wobei die verwandten Themengruppen – „Mutter und Kind“, „Kinder unter sich“, „Kinderblicke“ (Porträts) – ausreichend Gelegenheit bieten, höchst unterschiedliche Werke und Positionen miteinander zu vergleichen. Die letzte Station – „Mit den Augen des Kindes“ – befasst sich mit dem schöpferischen Kind, wenn etwa Künstler wie Paul Klee, Lyonel Feininger oder Alexej Jawlensky in der Auseinandersetzung mit von Kindern angefertigten Zeichnungen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchten.

Gezeigt werden rund 80 Bilder, u. a. von Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, Lyonel Feininger, Conrad Felixmüller, Werner Gilles, Alexej Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, August Macke, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde, Otto Pankok und Heinrich Zille.