Im Rahmen von "Sculpture 21st".

Xu Bing gehört zu den profiliertesten Künstlern Chinas, der auch internationale Anerkennung genießt. Mit Dragonfly Eyes hat er den ersten Spielfilm produziert, der ausschließlich Bildmaterial von Überwachungskameras verwendet.  Das enorme Sehfeld der titelgebenden Libellenaugen entsteht durch tausende wabenartig angeordnete Einzelaugen. Die Komplexaugen der Libelle können so als Metapher für die flächendeckende Erfassung des öffentlichen Raums durch Überwachungskameras verstanden werden. Nach Schätzungen sind bereits über 100 Millionen Kameras in China im öffentlichen Raum installiert, bis 2020 soll die Anzahl auf 600 Millionen steigen. 

Im Lehmbruck Museum präsentiert Xu Bing seinen Film erstmals als Teil einer multimedialen Installation, die die ungewöhnliche Entstehung des Films dokumentiert. Der Künstler zeichnete in seinem Studio mit 25 Laptops simultan die Livestreams hunderter Überwachungskameras auf und montierte die Szenen anschließend zu einer zusammenhängenden Geschichte. Dieser Arbeitsprozess wird in der Ausstellung durch 16 Laptops, die Livebilder realer Überwachungskameras zeigen, für die BesucherInnen direkt erfahrbar. 

Mit Bildern von Überwachungskameras nutzt Xu Bing ein Medium, das für unsere postdigitale Gesellschaft geradezu paradigmatischen Charakter hat, denn es führt die Durchdringung unseres Alltags mit digitalen Technologien eindrucksvoll vor Augen. Der Film bezieht seine besondere Spannung daraus, ausschließlich reale Geschehnisse zu zeigen, diese aber zu einer fiktiven Erzählung zu verknüpfen. Der allgegenwärtigen Inszenierung des Realen in den Medien und der Politik wird eine aus realen Szenen geschaffene Fiktion gegenübergestellt.

Mit seiner besonderen Erzähltechnik wird Dragonfly Eyes so zu einem Meisterwerk des zeitgenössischen Films.  Er drückt Fiktion durch reale Bilder aus und macht das Publikum zu Zeugen des Überwachungsgeschehens. Vielmehr noch: Der Film macht die Zuschauer selbst zu Überwachenden. Der bedrohliche Zustand der Überwachung wird einzig durch die entspannende und erzählerische Wahrnehmung des Films in eine „beruhigende“ Fiktion verwandelt.

Xu Bing
Der Konzeptkünstler Xu Bing wurde 1955 im chinesischen Chongqing geboren. Mit seinen Werken in den Bereichen der Druckgrafik, Kalligrafie und Installation erlangte er internationales Ansehen. Nach Ai Wei Wei ist er der wahrscheinlich bekannteste Künstler Chinas. Seine Installation Book from the Sky gilt als ein Hauptwerk zeitgenössischer chinesischer Kunst.

Xu Bing studierte von 1977 bis 1987 an der Zentralen Hochschule der Künste (ZHK), Peking, Kunst mit dem Schwerpunkt Druckgrafik. 1987 war er Visiting Artist an der Kunstakademie in Paris. 1990 folgte er einer Einladung der University of Wisconsin, Madison, als Ehrenmitglied der Fakultät und ließ sich anschließend in den USA nieder. 1993 zog er nach New York, Manhattan. Er war Vizepräsident der ZHK in Peking und hat derzeit eine Professur an der Cornell University in Ithaca, New York, inne.

Seine Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, unter anderem im New Museum of Contemporary Art, New York, der Arthur M. Sackler Gallery (Smithsonian Museum), Washington D.C., oder der Jean Miro Foundation, Barcelona. Außerdem stellte er bei der 45. und der 51. Biennale in Venedig aus. 

Xu Bing wurde für sein Wirken mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er 2015 vom ehemaligen Außenminister der USA, John Kerry, die Medal of Arts. Darüber hinaus wurde er mit dem MacArthur Fellowship und dem Fukuoka Asian Arts and Culture Prize (2003) bedacht.