Soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaftliche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutionen und Neuerungen charakterisieren die Weimarer Republik. In einer großen Themenausstellung wirft die Schirn Kunsthalle Frankfurt ab dem 27. Oktober 2017 einen Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933. Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie und zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise und im Übergang. Die Probleme der Zeit bewegten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zu einer Spiegelung der Wirklichkeit und des Alltags, auf der Suche nach einem neuen Realismus oder „Naturalismus“. Mit individueller Handschrift hielten sie die Geschichten ihrer Zeitgenossen einprägsam fest: Die Verarbeitung der Folgen des Ersten Weltkriegs mit Darstellungen von versehrten Soldaten und von „Kriegsgewinnlern“, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie und die zunehmende Prostitution, die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden in der Ausstellung ebenso verhandelt wie das Rollenbild der Neuen Frau, die Debatten um die Paragrafen 175 und 218 – die Strafbarkeit von Homosexualität und Abtreibung –, die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport. In der Zusammenschau entsteht ein eindrückliches Panorama einer Zeit, deren Themen auch nach 100 Jahren nichts an Aktualität und Diskussionspotenzial verloren haben.

Im Fokus der Ausstellung steht das Unbehagen der Epoche, das sich in den Motiven und Inhalten wie auch in einem breiten stilistischen Spektrum zeigt. In thematischen Räumen führt sie Darstellungen und Szenen aus Berlin, Dresden, Leipzig, Rostock, Stuttgart, Karlsruhe, München und Hannover zusammen, die bislang eher getrennt voneinander betrachtet wurden und eher dem „veristischen“ Flügel der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind. Die Schirn vereint rund 200 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 62 bekannten sowie bislang weniger beachteten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Max Beckmann, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Carl Grossberg, Hans und Lea Grundig, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex-Nerlinger, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Richard Ziegler. Historische Filme, Zeitschriften, Plakate und Fotografien liefern darüber hinaus Hintergrundinformationen.

Für die Präsentation konnte die Schirn bedeutende Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen gewinnen, u. a. aus dem Metropolitan Museum of Art und der Neuen Galerie in New York, dem Museo Thyssen-Bornemisza Madrid, dem Museum Moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien, der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München, dem Sprengel Museum Hannover, dem Kunstmuseum Stuttgart, dem Folkwang Museum Essen und der Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf.

Unter dem Titel „Weimarer Verhältnisse?“ diskutieren am Freitag, dem 27. Oktober 2017, 18 Uhr, Experten die Thesen und Themen der Ausstellung – auch aus aktueller Perspektive. 

„Die Schirn setzt mit ‚Glanz und Elend in der Weimarer Republik‘ ein Gegengewicht zu den bereits vielfach gezeigten Ausstellungen über die ‚goldenen‘ 1920er-Jahre und wirft einen Blick auf das ungeschminkte Leben in der Weimarer Republik. Die rund 200 Werke der 62 Künstlerinnen und Künstler halten der Gesellschaft jener Zeit schonungslos den Spiegel vor. So tritt uns eine Epoche am seidenen Faden der Demokratie vor Augen, eine Zeit, die uns vielleicht in mancher Hinsicht näher ist, als wir glauben wollen“, so Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über die Ausstellung.

Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ingrid Pfeiffer, erläutert: „Wir lesen die Geschichte der Weimarer Republik oft vom Ende her – von ihrem Übergang in den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Trotz der negativen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die die Künstler in ihren Werken so pointiert schildern, entstand die bis heute prägende ,Moderne‘. Die Weimarer Republik war eine progressive Epoche, in der viele wegweisende Ideen entworfen wurden – nicht nur in der Kunst, der Architektur und dem Design. Es wurde auf allen Ebenen heftig über die Ausrichtung der Republik diskutiert, über die Rolle der Frau, die Wochenarbeitszeit oder über die Paragrafen zu Abtreibung und Homosexualität. Neben dem offenkundigen Elend markieren für mich all diese Tendenzen den Glanz der Weimarer Republik.“