Erstmals wird die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick gezeigt. Der Begriff Brutalismus bezieht sich nicht auf das Wort »brutal«, sondern auf béton brut, den französischen Ausdruck für Sichtbeton. Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die nackte Konstruktion – und ist enorm fotogen, wird mittlerweile bejubelt auf Facebook und Instagram. Aber viele sehen darin nur brutale Betonmonster. Doch die expressiven Bauten entstanden in einer Zeit der Experimente, des gesellschaftlichen Aufbruchs. Heute droht etlichen der Abriss. Die Rettungskampagne #SOSBrutalism mit einer Datenbank zu über 1000 Bauten erweitert daher die Ausstellung ins Internet, Kooperationspartner sind das BauNetz und das Magazin uncube.

Im DAM wird der Brutalismus mit ungewöhnlich großen Modellen und Betongüssen neu bewertet, die an der Technischen Universität Kaiserslautern für die Ausstellung gebaut wurden. Zu sehen sind Gebäude aus Japan, Brasilien, dem ehemaligen Jugoslawien, Israel und Großbritannien, wo der New Brutalism von Alison und Peter Smithson erfunden wurde.

Was ist Brutalismus?
Der Begriff Brutalismus hat ursprünglich nichts mit dem Wort »brutal« zu tun, sondern stammt vom französischen Wort brut für »direkt, roh, herb«. Die britischen Architekten Alison Smithson und Peter Smithson haben das Wort Brutalismus im Jahr 1953 als erste in einem Zeitungsartikel erwähnt. Ihre Schule in Hunstanton, eingeweiht 1954, gilt als das erste brutalistische Gebäude. Es ist nicht »brutal«, sondern eher brut im ursprünglichen Sinne: Alle Bauelemente, bis hin zu den Waschbecken, werden ungeschönt zum Einsatz gebracht. In dieser Haltung erkannte der britische Kritiker Reyner Banham eine neue »Ethik« in der Architektur.

Der frühe Brutalismus der Schule in Hunstanton wurde schon bald von einer neuen Bedeutung des Wortes Brutalismus überlagert. Vorreiter war der Architekt Le Corbusier. Er experimentierte mit sehr groben, sichtbaren Betonoberflächen, dem béton brut. Angespornt davon entwickelten Architekten in aller Welt Gebäude aus Sichtbeton. Aus der »neuen Ethik« wurde eine Ästhetik, ein Stil, eine Modewelle. Natürlich wirkten viele dieser Bauten durchaus auch brutal.

Die Ausstellung SOS Brutalismus ist die Antwort darauf, dass brutalistische Bauten häufig als hässlich oder technisch veraltet gelten und schneller abgerissen werden als Gebäude aus allgemein akzeptierten Phasen der Architekturgeschichte. Allein in Frankfurt traf es seit 2010 drei stadtbildprägende Bauwerke: Historisches Museum, Technisches Rathaus und AfE-Turm.

Alles nur Schrott? Um den Brutalismus neu bewerten zu können, wurde eine weltweite Bestandsaufnahme gestartet. 


Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag - Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Mittwoch: 11:00 – 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: dam-online.de

Kallmann McKinnell & Knowles / Campbell, Aldrich & Nulty: Boston City Hall, Boston, Massachusetts, USA, 1962–1969 Foto: Bill Lebovic 1981
09.11.2017 - 02.04.2018

SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!

Deutsches Architekturmuseum

Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main