In der neuen Ausstellungsreihe Fotografie neu ordnen lädt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) zeitgenössische Fotografen ein, eigene Arbeiten mit Exponaten aus der Sammlung Fotografie und neue Medien in Beziehung zu setzen. Mit Jochen Lempert (*1958) und Peter Piller (*1968) gestalten zwei Fotografen den Auftakt, die in ihrer Herangehensweise an die Fotografie kaum verschiedener sein könnten: Motive aus der alltäglichen Natur und Kultur (Lempert) treffen auf Bilder des Absichtslosen (Piller). In Fotografie neu ordnen: Vögel werden Lempert und Piller gemeinsam künstlerisch-kuratorisch tätig. Sie begreifen die fotografische Sammlung des MKG als Fundus und stellen aus dem historischen Material eine Auswahl von Vogelaufnahmen zusammen, die sie mit ihren eigenen Fotografien neu kombinieren. Insgesamt zeigt die Ausstellung Fotografie neu ordnen: Vögel ab dem 27. Oktober 2017 rund 100 Exponate. Vögel sind ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk von Jochen Lempert: Seine Bewegungsstudien und Beobachtungen von Vögeln stellt er für die Ausstellung im MKG zu einer neuen Rauminstallation zusammen. Peter Piller hat in seinem Werk bisher vor allem mit gefundenen Bildern und den daraus entstehenden Bedeutungsverschiebungen gearbeitet. In seiner neuen, im MKG erstmals gezeigten Serie behind time (2017) greift er selbst zur Kamera und hält gerade jene Augenblicke fest, in denen ein Vogel nicht optimal zu sehen ist und die in der Tierfotografie als verfehlt gelten würden.

Jochen Lempert zeigt Arbeiten, in denen Vögel das zentrale Thema sind: Die Arbeit Anschütz (2005) ist betitelt nach den Bewegungsstudien von Ottomar Anschütz, der Störche im Flug beobachtete. Für Ptaki-Birds (1997-2005) fotografiert Lempert präparierte Vögel in Naturkundemuseen im Profil und stellt so neue Verwandtschaftsbeziehungen her. Den studierten Biologen treibt die Spannung zwischen Kultur und Natur an. Seit den frühen 1990er Jahren ergründet er die Verbindungen von Fotografie und Biologie. Er stellt die Sachlichkeit der Fotografie als Dokumentationsmedium infrage und unterstreicht gleichzeitig mit seinen Bildtiteln die Poesie der wissenschaftlichen Bezeichnungen. Seine Aufnahmen erscheinen absichtslos und beiläufig. Er fotografiert Lebewesen, die wir oftmals übersehen: Schnecken, Blattläuse, Leuchtkäfer oder die Stadttaube Martha (2002). Lemperts Schwarz-Weiß-Aufnahmen tragen die Spuren des Unbeabsichtigten. Er macht die Materialität seiner Arbeiten sichtbar, indem er sie ungerahmt an die Wand bringt.

Die hochaufgelösten C-Prints von Peter Piller wirken dagegen wie ein Beleg für die technischen Möglichkeiten der Fotografie. Für die Vogelbeobachtung, die bereits ein Hobby seiner Jugend war, legt sich Piller mit einer High-Tech-Ausrüstung in der Natur auf die Lauer – und wartet. Das Warten und die Langeweile sind konstitutiver Teil des künstlerischen Prozesses. In behind time (2017) erwischt er so den Moment, den ein Tierfotograf als misslungen bezeichnen würde: Jener Augenblick, in dem der Vogel wegfliegt und die Chance auf ein scharfes, detailliertes Bild verpasst ist. Piller arbeitete bisher vor allem mit gefundenen Bildern, die er neu miteinander arrangiert und dadurch Bedeutungsverschiebungen erzeugt, etwa in der Serie In Löcher blicken, in der Männer in Erdlöcher starren. Als Fundsammler interessiert sich Piller so für die unbestimmten Möglichkeiten und den Assoziationsraum eines Bildes – sei es in gesammelten Bildern oder in dem von ihm gefundenen, entscheidenden fotografischen Augenblick.

Gemeinsam ist den beiden Fotografen die Kombination von Bildern als gestalterisches Mittel, durch die neue Bedeutungen über die Grenzen der einzelnen Bilder hinweg entstehen. Während Lempert seine Bilder assoziativ in Gruppen versammelt, neu kombiniert und so zu vergleichendem Sehen anregt, eignet sich Piller vorhandenes Material an und arrangiert es als Tableau oder Serie.

Die Auswahl der Künstler wird der geradezu unendlichen Möglichkeit des Archivs gegenübergestellt. In der Präsentation gibt ein Tisch am Beispiel der Vögel Einsicht in die rund 75.000 Fotografien umfassende Sammlung des MKG. Die von Lempert und Piller ausgewählten Arbeiten reichen von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre. Aus dem Hamburger Atelier J. Hamann stammen Aufnahmen von Mandschurenkranich, Klunkerkranich, Uhu und Waldkauz. Die kolorierten Fotografien von etwa 1905 zeigen präparierte Vögel, die in Dioramen ausgestellt wurden. Walter Heges Vogelaufnahmen wurden 1933 in der nationalsozialistischen Publikation Deutsche Raubvögel veröffentlicht. Gleichzeitig fertigte er eine Vielzahl dokumentarischer Vogelfilme an – etwa Am Horst der wilden Adler (1932) oder Uhu als Jagdhilfe (1934) – zu denen er auch Fotografien abzog. Karl Stülcken wiederum veröffentlichte seine Aufnahmen in naturwissenschaftlichen Lichtbildreihen für Fachpublikationen, mit seinem Buch Der kleine Vogel Greif (1958) wurden die Fotos der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Fotografen: Die Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten von Jochen Lempert und Peter Piller sowie historische Aufnahmen von Harold Egerton, Johann H. W. Hamann, Walter Hege, Karl Stülcken und Hedda Walther u.a.

Die Ausstellung begleitet die Neueinrichtung der Sammlung Fotografie und neue Medien, die die Hermann Reemtsma Stiftung im Rahmen des Bündnisses Kunst auf Lager ermöglicht hat. Neben der Einrichtung eines klimatisierten Depots und eines Studienraumes steht nun auch eine Ausstellungsfläche für die regelmäßige Präsentation der fotografischen Sammlung zur Verfügung. Die Ausstellung zum Thema Vögel von Jochen Lempert und Peter Piller ist die erste der neuen Reihe Fotografie neu ordnen. 


Ausstellungsansicht, Foto: Henning Rogge
27.10.2017 - 04.02.2018

Jochen Lempert / Peter Piller: Fotografie neu ordnen - Vögel

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