Die Fotografien von Ann-Kathrin Müller bestimmen unser Verhältnis zur Wirklichkeit neu. Mit einer Analogkamera eingefangen, entwickelt sie ihre Aufnahmen mittels traditioneller Verfahren im Labor. Im historischen Entstehungsprozess beziehen sich ihre Werkreihen auf die Vergangenheit und Geschichte des Mediums. Mit der jüngsten Arbeit Szenarien unter freiem Himmel (2017), die im Kunstmuseum Stuttgart erstmals präsentiert wird, zieht die Künstlerin einen Spannungsbogen von der dokumentarischen Fotografie des 20. Jahrhunderts zu filmischen Bildstrategien in der Gegenwartskunst. Damit steht die Erzählkraft im Zentrum ihrer Werkreihen. 

Wie sehr Ann-Kathrin Müller mit ihrer Heimat verbunden ist, zeigt sich in einer ihrer frühesten fotografischen Reihen. Entstehungsort der ersten beiden Aufnahmen von Vantage Point (2014) ist das Haus Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Der weiß lumineszierende Vorhangstoff wird in der ersten Fotografie dieser Serie hinter einer Blende vom Tageslicht durchsetzt. Das für die Fassadengestaltung des Architekten Le Corbusier prägende Langfenster, das sich als horizontale Öffnung des Betonbaus in die Bildachse drängt, bleibt hinter dem Faltenwurf verborgen. Seine gerade verlaufenden Linien wiederholen sich innerhalb der Werkreihe, mit der die Künstlerin ihre abstrakte Formsprache begründet. Die zweite Fotografie vonVantage Point zeigt Ann-Kathrin Müller vor einer konstruktivistischen Komposition des Stuttgarter Malers Willi Baumeister. Damit setzt sie sich und ihr Werk in Bezug zur Entwicklung des Neuen Bauens um 1920. Der architekturhistorische Hintergrund der Arbeiten bildet die Grundlage eines formgebenden Werkaspekts, der sich im kompositorischen Aufbau der massiven Betontreppe im Stile des schweizerisch-französischen Architekten aus der Serie Die Exkursion (2015) wiederholt.

Die meisten der Fotoarbeiten haben ein quadratisches Format. Das Quadrat stellt – ganz im Sinne Malewitschs und Kandinskys – eine der klarsten und objektivsten geometrischen Formen dar. Im Konzept von Ann-Kathrin Müller bildet es den Rahmen zu der dreiteiligen Serie Tamerlan (2014–2015). In ihr reihen sich ein historisches Porsche-Modell, eine in alle Richtungen sich ausbreitende Palme und das Bild einer jungen Frau mit Bademütze aneinander. Der geometrische Gleichklang der Bildform und die monochrome Farbgebung in Schwarz und Weiß verleihen den Werken eine harmonische Ausgeglichenheit.

Die größte Arbeit in der Ausstellung, die zur Folge Die Exposition (2015–2016) gehört, zeigt eine Filmszene, in der die amerikanische Schauspielerin Carrie Fisher in der Star-Wars-Episode »The Force Awakens« zu sehen ist. Der Bezug zu George Lucas? Science-Fiction-Heldenepos legt nahe, dass sich die konzeptionelle Fotografie Ann-Kathrin Müllers an filmische Bildstrategien anlehnt. So enstammen die zwölf in der Nähe von Neapel auf phlegräischen Nebelfeldern entstandenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Werkreihe Szenarien unter freiem Himmel (2017) dem Film »Reise in Italien« (1954) von Roberto Rossellini. Ann-Kathrin Müller verwendete für diese Werkreihe eine Hasselblad-Kamera, jenes Modell, mit dem bereits Buzz Aldrin 1969 Neil Armstrong auf dem Mond aufnahm und damit Geschichte in einem fotografischen Dokument festhielt. Wie die Bilder von der ersten Mondlandung ist auch das Landschaftsmotiv im kulturellen Bewusstsein der Gegenwart verankert. Die Verwendung der schwedischen Systemkamera ist nicht allein ästhetisches Anliegen, sondern Teil eines künstlerischen Prinzips. Die Fotografie wird im Werk von Ann-Kathrin Müller zum Medium der Erinnerung.

Ann-Kathrin Müller (*1988 in Nürtingen) studierte von 2008 bis 2013 Kunsterziehung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Andreas Opiolka, Volker Lang und Udo Koch. Zwischen 2015 und 2016 war sie Meisterschülerin von Ricarda Roggan. 2016 wurde sie mit dem Kunstpreis der Péter Horváth-Stiftung, 2017 mit dem Förderpreis der Peter und Alison Klein Stiftung ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie ein Stipendium der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg und ist Stipendiatin der Stiftung Kunstfonds Bonn. Die »Frischzelle_24« ist nach zahlreichen Gruppenausstellungen, u.a. an der Kunsthalle Baden-Ba- den und dem Folkwang Museum Essen, Ann-Kathrin Müllers erste museale Einzelausstellung.