Josefin Arnell, Ulu Braun & Roland Rauschmeier, Omer Fast, Isa Genzken, Nathaniel Mellors, Shana Moulton, Janis Rafa, Stephen G. Rhodes, Rachel Rose, Hito Steyerl, Ryan Trecartin

"beyond future is past" umfasst 11 aktuelle Positionen internationaler Künstlerinnen und Künstler aus dem Bereich Video/Film. Einerseits lassen sich die Beiträge in ihrem ebenso lustvollen wie konzentrierten Umgang mit den Bildwelten und Sehgewohnheiten unserer Gegenwart vergleichen. Jedoch geht es nicht um eine aneignende Wiederholung, wie es die Appropriation Kunst betrieb, um Re-enactment oder vordergründig um Medienkritik. Vielmehr zeugen sie von einem subjektiven Zugriff, mit dem das allseits verfügbare Bild- und Datenmaterial neu angeordnet, montiert, verschaltet oder übersetzt wird. Allein die Auswahl selbst kann bereits Gestaltung sein. Andererseits sind die Videos und Filme in ihrer ästhetischen Sprache und Wirkung verschieden, schon aufgrund der individuell genutzten technischen Mittel. Werk- wie rezeptionsästhetisch läge eine Einteilung in zwei getrennte Gruppen nahe, in eine "analoge" und in eine "digitale". 

Über die Dauer der Ausstellung werden die Videos/Filme im Wochenwechsel einzeln nacheinander kinoartig vorgeführt. Das ungewöhnliche, entschleunigte Konzept, sich jede Woche auf nur eine Arbeit zu konzentrieren, eröffnet einen größtmöglichen Raum zur intensiven Betrachtung, zumal nahezu alle Beiträge die Länge eines Kurzfilms haben. Der Programmablauf selbst fasst die Videos/Filme im weitesten Sinne als fünf Paare: Je zwei aufeinanderfolgende Arbeiten, die sich in ihrer Gruppenzuordnung unterscheiden, wenngleich sie augenscheinlich zahlreiche Schnittmengen zeigen – überraschende Beobachtungen, die zum wiederholten Besuch der Ausstellung einladen. Das Programm mündet Ende Februar in eine Solopräsentation dreier Videos von Shana Moulton, die bereits im Januar mit einer Performance in der Kunsthalle zu Gast ist. 

"beyond future is past" spürt der Frage nach, inwiefern eine Unterteilung in "analog" und "digital" heute überhaupt noch relevant ist. Die Ausstellung nimmt Phänomene der Gegenwartskunst in den Blick, denen wir neugierig, aber auch zwiespältig begegnen und die mit bislang noch wenig differenzierten Begriffen wie "Postdigital", "Postinternet" oder "Metamoderne" zu fassen versucht werden. "Postinternet" etwa bezeichnet zunächst nicht mehr als das Leben in einer Welt nach der Erfindung des Internets. Kunst, die mit dem Netz zu tun hat, muss nicht notwendig in diesem stattfinden, sondern resultiert aus dem permanenten Umgang mit dem Netz. Tatsächlich ist das Digitale heute ein Metamedium, das unseren Alltag nicht nur durchdringt, sondern über unser Denken und Handeln hinaus auch unsere Körper und die uns umgebenden Dinge formt. War das Digitale vormals noch eine fremde Welt aus nicht ganz täuschend echten Imitationen, ist es heute die Signatur der Welt – realer, materieller als ihr Gegenüber. Die Authentizität der Kopie steht außer Frage. Die Realität des Originals dagegen muss aktuell eher bezweifelt werden. 

Ob nun "analog" oder "digital" sind die in der Kunsthalle Münster gezeigten Videos/Filme darin verbunden, die Digitalität aus analogen Zusammenhängen zu exhumieren. Gewissermaßen betreiben sie ästhetisch eine Archäologie der Zukunft, um in der Beiläufigkeit ihrer eigenen analogen wie digitalen Existenz unsere Wahrnehmung für die Gegenwart zu kalibrieren. Neben aller Faszination für die einzelnen Beiträge der fünf gemischten Paare und das abschließende Solo mag man sich fragen, ob nicht vielleicht unser Blick selbst heute digital geworden ist. Dass zumindest unser Verstand gleichermaßen analog und digital arbeitet, gilt als wissenschaftlich bewiesen: analog in den Zellen, wo nicht viel Platz benötigt wird und digital zwischen den Zellen durch das Feuern der Neuronen. Deshalb nur vermochte unser Gehirn zu wachsen. Läge nicht dann in einem solchen Blick die Chance, unsere im Analogen beheimatete Lebensform am Digitalen neu zu programmieren? … eine Chance, deren Konsequenzen zwar unabsehbar sind, die aber eine Praxis befördern würde, in der nicht das Digitale an sich, sondern wenn überhaupt nur dessen Nachteile zu verhindern sind. Für unseren je eigenen Lebensentwurf könnte daraus abgeleitet werden, sich nicht länger entscheiden zu müssen zwischen der weitest möglichen Verweigerung der Digitalisierung oder ihrer bedingungslosen Wirkmacht – kein Entweder-oder, sondern nur beides zugleich, wie zwei Seiten einer Medaille, die auf einer Seite liegen.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 14:00 - 19:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: stadt-muenster.de/de/kunsthalle

09.12.2017 - 10.03.2018

beyond future is past

Kunsthalle Münster

Hafenweg 28
48155 Münster