Im Spannungsfeld von Illusion und kritischer Distanz
Steckt in der virtuellen Realität die Zukunft, gleicht der technologische Wandel einer Revolution in der Kunst? Die neuen Möglichkeiten von Virtual Reality haben in den letzten Jahren zu einer enormen Weiterentwicklung der immersiven Kunst geführt. Mit dem Voranschreiten der technischen Möglichkeiten der Digitalisierung ist das illusorische Erlebnispotential immer umfassender geworden. Die Rolle, welche die Kunst hier spielt, wird in der Kunstszene derzeit vehement diskutiert: Bildet sie die neuen technischen Möglichkeiten nur ab, lässt sie uns in virtuelle Welten abgleiten - oder formuliert sie Kritik, regt sie zu Reflexion an oder zeigt sie sogar Alternativen auf?

Auf über 1000 m2 widmen sich in der Ausstellung "Schöne neue Welten. Virtuelle Realitäten in der zeitgenössischen Kunst" im Zeppelin Museum Friedrichshafen vom 11. November 2017 bis 8. April 2018 internationale KünstlerInnen und Kollektive aus sieben Ländern dem Verhältnis von virtuellen und realen Räumen. Die Ausstellung thematisiert den bildtechnologischen Wandel und die lange Tradition der immersiven Kunst von stereoskopischen Aufnahmen um 1900 bis zur Virtual Reality Kunst des 21. Jahrhunderts. Die Ausstellung wurde kuratiert von Ina Neddermeyer, Leiterin der Abteilung Kunst des Zeppelin Museums. Die Gestaltung der Ausstellungsräume übernahm die Berliner Kooperative für Darstellungspolitik.

"Schöne neue Welten" nimmt in der dichten Abfolge von aktuellen Ausstellungen zum Thema eine Sonderstellung ein: Das Zeppelin Museum hinterfragt kritisch die rasante Entwicklung von Kunst und Technik und ihr wirtschaftliches Potenzial, sie bettet das Thema in eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen ein. "Schöne neue Welten" zeigt Kunst, die "reflexiv ist und die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit im Virtuellen spiegelt", so Ina Neddermeyer, Kuratorin der Ausstellung.

Die Verschränkung von realen und virtuellen Welten
Die insgesamt elf Positionen der Ausstellung, viele davon hybride Grenzgänger, die verschiedene Kunstgattungen digital verschränken, greifen heute virulente gesellschaftliche Fragen auf: Sie widmen sich dem Thema der globalen Flüchtlingsströme. Sie stellen Fragen nach Teilhabe, nach Identität und Körperbewusstsein etwa bei Transgender-Personen. Sie leuchten aus, ob ein Real-Life Erlebnis durch ein Second-Life-Erlebnis ersetzbar ist. Sie fragen, wie sich der Umgang mit Sexualität im Zeitalter von Virtual Reality verändern könnte und untersuchen die Rolle von Virtual Reality als Bestandteil aktueller Kriegsführung. Die Positionen spiegeln das Thema Rassismus und Segregation und beziehen sich auf politische Entwicklungen der Gegenwart, wenn sie etwa ein Erinnerungs-Werk aus virtuellen Bildern schaffen, die auf ganz persönlichen, dramatischen Foltererlebnissen fußen.

Virtual-Reality, VR-Technologie und der damit verbundene bildtechnologische Wandel sind heute nicht nur ein großes Thema für die Kunst, sondern auch in Wirtschaft, Medizin, Militär, der Unterhaltungsindustrie oder der Pornobranche. Virtuelle Realität, so zeigt die Ausstellung "Schöne neue Welten", hat ein utopisches Potenzial. Sie rührt an grundlegende Fragen der Conditio humana: Wie findet man sich in einer simulierten Welt zurecht? Wie unterscheidet man Realität und Simulation? Befindet sich der menschliche Körper in einem Wettstreit mit digitalen Systemen? Letztlich, so die Museumsdirektorin Dr. Claudia Emmert, "ist die Kontrolle über den virtuellen Raum zugleich auch immer verbunden mit einer Kontrolle über den realen Raum. Virtualität und Realität sind damit auf das Engste miteinander verschränkt".