Das Museum DKM präsentiert auf 300 m2 (vier Ausstellungsräume) eine Auswahl aus den großformatigen Fotoserien von Tom Fecht (*1952). In der Ausstellung TiefenZeit werden exemplarische Beispiele aus den Werkserien Eclipse, Electric Cinema, Incertitude und Gravitational Fields und thematisch verwandte Still-Leben bzw. Portraitstudien gezeigt. Fecht beschäftigt sich seit 2008 mit der Nachtfotografie, sein kreatives Potential schöpft er u.a. aus planetarischen und metereologischen Naturphänomenen, darunter Eklipsen, Mondphasen und besondere Schwerkrafteffekte im Wechselspiel der Gezeiten, oft unter extremen Licht- und Wetterbedingungen. Inspiration und Ausgangspunkt seiner Kunst zugleich ist sein Atelier im Finistère, an einem unberührten Küstenstreifen der französischen Atlantikküste.

Fechts Arbeiten legen Phänomene offen, die unsichtbar hinter den Oberflächen von Himmel und Meer wirken und diese auf unwiederholbare Weise magisch gestalten. Minimale Wellenbewegungen und Blitze werden in ihren unerschöpflichen Mustern und fraktalen Brechungen sichtbar. Zugleich erlauben sie, sich emotional von einer kaum mehr erfassbaren Weite ergreifen und überwältigen zu lassen.

Im größten Ausstellungsraum des Museum DKM begegnen die Besucher dem Triptychon TIME, einer Sequenz aus drei großformatigen Arbeiten der Serie Eclipse. Die Fotografien aus dem Jahr 2012 beeindrucken mit ihrem Format von je ca. 200 x 300 cm. Die Aufnahmen sind zwar am Tag, aber in der nächtlichen Schwärze einer meteorologischen Sonnenfinsternis entstanden. Allein die partiell durch die Wolkendecke dringenden Sonnenlichtbündel lassen die Wellenbewegungen einer ansonsten undurchdringlich erscheinenden schwarzen Wassermasse sichtbar werden. Ergänzt wird das erstmals ausgestellte Triptychon durch eine für sich selbst stehende Arbeit aus der Serie Eclipse von 2014. 

Bei der Serie Electric Cinema sind es Blitze, die auf die Leinwand eines belebten Nachthimmels geworfen erscheinen. Stalagmiten gleich aus dem Horizont gewachsen werfen sie Fragen nach Ursprung und Erdung ihrer elektrischen Entladung auf. Das Lichtspiel von Mond und Blitzen kontrastiert mit der bewegungslos tiefschwarzen, wie ein schwerer Balken sinkenden, Meeresoberfläche. Die Bilder sind Teil einer 10-teiligen Serie mit schweren Gewitterfronten über dem süditalienischen Mittelmeer und dem Nordatlantik vor der Irischen Küste (2008–2012).

Einen ganz besonderen Bezug zu den Sternen stellt die Portraitstudie Star Pointer der Flamenco- Tänzerin Ana Parrilla (1943–2004) her. Die Portraitierte zitiert mit ihrer Geste eine historische und heute beinahe vergessene Tanzfigur des andalusischen Flamenco: während der Zeigefinger der linken Hand auf einen entfernten Stern verweist, wird der Sternenstrahl im selben Moment über die rechte Handfläche der Tänzerin in das Gesicht ihres Liebhabers gespiegelt.

Während Star Pointer einen einzigen besonders ausgewählten Stern als Liebesversprechen thematisiert, ist die ins Unendliche gehende Vielzahl längst verloschener Sterne Gegenstand der Werkserie Incertitudes (Ungewissheiten). Diese nächtlichen Langzeitaufnahmen entstehen bei vollständig bedecktem Himmel. Bei der fotografischen Illusion der Incertitudes handelt es sich damit nicht um die Abbildung eines unsichtbaren Sternenhimmels, sondern um eine foto-chemische Reaktion einer über Stunden eingefangenen kosmischen Strahlung – jenseits des sichtbaren Spektrums. Die Lichtwellen längst erloschener Sterne werden auf Ihrer Reise zur Erde von den lichtempfindlichen Silberkristallen fotografischer Gelatinen eingefangen und in ihrer schwer fassbaren Unzählbarkeit sichtbar gemacht. Je länger das Bild betrachtet wird, umso deutlich tendiert deren Anzahl ins Unendliche. Die 125 x 210 cm großen Barytabzüge der Serie gestatten es dem Betrachter sich mit der Unmöglichkeit zu befassen, die Millionen der genauso sichtbaren wie unzählbaren Silberkristalle einzeln und nackten Auges zu erfassen.

Das Diptychon Gravitational Pull (Anziehungskräfte) beruht auf Gravitations-Zeiteffekten, unwiederholbaren Wechselwirkungen mariner Gezeiten, Schwerkraft und Licht. Eine Lang- zeitbelichtung hält das reflektierende Mondlicht auf dem sinkenden bzw. steigenden Meeresspiegel fest. Nur die Amplituden sich wiederholender Lichtspuren werden mittels kristalliner Gitter ausgefiltert und vom Bildträger fixiert. Durch die sich dynamisch verändernden Faktoren von Lichteinfall, Wasserpegel, Windstärke und Wellenschwingung entfaltet sich auf den monochromen Bewegungsbildern eine fotosynthetisch-lunare Biolumineszenz von besonderer Tiefenwirkung. Die beiden schwarz-weiß wirkenden Hochformate des Diptychons – je 305 x 125 cm – sind de facto Farbaufnahmen, die bei Annäherung optisch in Schwingung geraten, die sich in immer neuen Konstellationen unzähliger Details und ständigem Tonwertwechsel offenbart. Während sich der Schwerpunkt für den Betrachter ständig weiter nach oben verschiebt, verliert er sich in den chaotischen Unschärfen eines zunächst gestochen scharf erscheinenden Bildraums.

Fecht gelingt es durch raffinierte, in jahrelangen Prozessen entwickelte Techniken, Naturereignisse aufzunehmen, die für das menschliche Auge kaum zu erfassen sind. Dadurch überschreiten Fechts Arbeiten nicht nur die ästhetischen und technischen Grenzen der Landschaftsfotografie, es kommt zur magischen Aufladung der Natur in der Tiefe der Zeit.

Tom Fecht hat Kybernetik, Kunstgeschichte und Informatik in Deutschland und den USA studiert. Parallel zu seinem Studium gründete er Mitte der 1970er Jahre die Elefanten Press Galerie in Berlin gefolgt vom gleichnamigen Verlag. Sein eigenes künstlerisches Debüt begann mit der Teilnahme an Jan Hoets Documenta IX 1992, zu der er das bis zum Jahre 2000 laufende Projekt Mémoire nomade - Namen und Steine zur Erinnerung an die Opfer von AIDS in Zusammenarbeit mit der Deutschen AIDS-Stiftung initiierte. Vor dem Hintergrund seiner früheren Ingenieurstätigkeit wandte sich Fecht Ende der 1990er Jahre verstärkt der Fotografie zu. In seinen Arbeiten treffen Empathie, Poesie und ein ungebrochenes Interesse an physikalischen Phänomenen im Ausloten der technischen Grenzen von analoger, digitaler und wissenschaftlicher Fotografie aufeinander. Arbeiten des Künstlers befinden sich u.a. in der Sammlung der neuen Nationalgalerie Berlin und des MUCEM (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers) in Marseille; alle Fotoarbeiten des Künstlers seit 2012 sind Unikate.


Öffnungszeiten:
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 12:00 - 18:00 Uhr
jeden ersten Freitag im Monat: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag bis Freitag: für Gruppen nach Vereinbarung 

Weitere Informationen direkt unter: dkm.de