Die Macht der Farbe, die Wirkung des Lichts, die Sprache des Materials – und das Überwinden der Grenzen von Fläche und Raum: Ohne Zweifel zählt Gotthard Graubner (1930–2013) zu den wichtigsten Pionieren abstrakter Malerei in Deutschland in den letzten Dekaden. Auf der documenta Kassel fand er in den Jahren 1968 und 1977 viel Beachtung. Internationaler Erfolg wurde dem Künstler schließlich 1982 im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig zuteil. Sein späteres Schaffen fand in der besonderen, naturgeprägten Umgebung der Insel Hombroich den perfekten Ausgangsort. Graubner war aber auch dem Künstlerbahnhof Rolandseck sowie dem Werk von Hans und Sophie Taeuber-Arp seit den 1970er Jahren eng verbunden. Umso mehr freut sich das Arp Museum Bahnhof Rolandseck, sein Werk nun fünf Jahre nach seinem Tod in einer ersten größeren Einzelausstellung zu würdigen.

»Nach einem sehr erfolgreichen Jahr zum zehnjährigen Jubiläum freue ich mich nun mit dem Team des Arp Museums auf ein buntes Themenjahr zum »Farbenrausch«! Und mit Gotthard Graubner präsentiert das Haus zum Auftakt einen der heraus- ragendsten abstrakten Maler Deutschlands, für den die Farbe zum zentralen Ausdrucksmittel wurde. Und selbstverständlich wird zum Saisonstart auch der Patron des Hauses mit einer Freundschaftsausstellung vorgestellt. Ich bin stolz auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums, die diese im wahrsten Sinne atemraubende Präsentation konzipiert und umgesetzt haben«, so Manfred Geis, Stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Landes-Stiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Der Farbmagier Gotthard Graubner
Die Bilder lösen sich als Kissen sanft von der Wand und treten in den Raum, in die dritte Dimension hinein. Farben verlaufen in einander und verlassen doch nie die Harmonie ihres eigenen Spektrums. Kleine farbige flächige oder schlierige Einsprengsel wachsen aus der nebligen Tiefe der Bildschichten hervor und verleihen dem Objekt ein Eigenleben, beseelen es.

Atmen – das ist ein zentraler Begriff im Werk Gotthard Graubners, den er selbst gern gebrauchte. Pneumatisch pulsierend und schwingend: Seine Werke strahlen eine diffuse Aura aus, sie atmen, sie leben, sie verbinden Innen und Außen im Kosmos der Farbe. Umfangreiche Materialexperimente, verschiedene Schichtungen und zufällige Reaktionen von Materialien wie Papier, Leinwand, Perlonüberzügen, der Gebrauch großer Pinsel, Besen, Lappen wie auch von Schwämmen lassen ihn als einen Alchemisten unter den Malern erscheinen.

»Überaus bildhaft veranschaulicht Gotthard Graubner die substanzielle Rolle von Farbe in seiner Malerei. Sie wird buchstäblich zur eigengesetzlichen Akteurin, zur autonom gestaltenden Protagonistin. Sie agiert, sie kommuniziert, sie breitet sich aus, sie bestimmt, sie bahnt sich den Weg. Erst die Farbe haucht der Leinwand Leben ein.« So Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, über die Ausstellung. Und weiter: »Wir freuen uns darauf, wenn die ausgewählten Leinwände, Objekte und Fotografien Graubners der klaren Architektur Richard Meiers ein neues Leben einhauchen. Dass wir in unserem Themenjahr "Farbenrausch" und 5 Jahre nach Graubners Tod ihn erstmals in einer größeren Ausstellung präsentieren werden – noch dazu über einen längeren Zeitraum, der das Licht im Wandel der Jahreszeiten auf seine Werke fallen lässt – erlaubt mit Sicherheit eine spannende Wiederentdeckung dieses großen Meisters der Abstraktion aus dem Rheinland.«

Atemberaubende »malerische Organismen«: Zu den Werken in der Ausstellung
Die von Jutta Mattern, Kuratorin für die zeitgenössische Kunst im Arp Museum, konzipierte Ausstellung »Mit den Bildern atmen« lädt dazu ein, die auratischen Werke des Farbmagiers in den lichten, großzügigen Räumen des Richard Meier- Baus buchstäblich am eigenen Leib zu erfahren. Dabei schlägt das Motiv des Atmens als zentrales Element der Meditation eine Brücke zu Graubners Interesse an fernöstlichen Religionen.

Den Ausgangspunkt der Werkschau bilden zehn Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Sammlung des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, die Gotthard Graubner während einer Reise 1976 nach Bhutan aufnahm. Auf der Suche nach spiritueller Erfahrung fangen die Aufnahmen in starken Hell-Dunkel-Kontrasten die Bewegungen buddhistischer Mönche des Klosters Wangdue Phodrang beim Tanz ein. In der Verbindung von Dynamik und Stillstand vermitteln sie auf subtile, poetische Weise das Meditative der rituellen Tänze sowie die Verschmelzung von Körper und Raum. Später beeindruckte den Künstler besonders eine persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama 1982, bei dessen Besuch im Bahnhof Rolandseck.

Dieses Moment des Meditativen begleitet die Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung und überträgt sich auf die Begegnung mit Graubners farbintensiven malerischen Erkundungen. Die Präsentation umfasst 51 Werke Graubners, von flachen grafischen Arbeiten bis zu den objekthaften Farbraumkörpern, die sein Oeuvre bestimmen. Hinzu kommen 6 Objekte im Kontext des Buddhismus, der Graubner zu einigen Werken in der Ausstellung inspirierte.

Die Palette von Graubners Arbeiten steigert sich von Braun- Grau- Grün und Schwarztönen in seinen früheren Arbeiten zu kraftvoll leuchtender Farbigkeit. Durch den subtilen Auftrag verschiedener Farbnuancen in zahlreichen Schichten entsteht eine erstaunliche Wirkung, die sich je nach Lichtstimmung und Betrachterstandpunkt verändert. In der bewussten Wahl verschiedener Materialien betont Graubner stets die stoffliche Qualität seiner Werke. Deren Oberflächen versetzt er durch seinen unverkennbaren Umgang mit Farbe in Schwingungen.

Die »Objekt-Bilder« und Farbraumkörper entfalten so im Spiel zwischen der plas- tischen Tiefe des körperhaften Malgrundes und der optischen Tiefe der scheinbar entmaterialisierten Farbfläche ihre faszinierende Wirkung. Im Experiment mit Maltechnik, Oberfläche und Material verwandelt der Künstler die formalen Bildmittel zum Bildinhalt: die Farbe repräsentiert nichts, sondern wird in ihrer Wirkung selbst zum Gegenstand.

Graubners Kunst zielt auf ihr sinnliches Erscheinen im Akt der Wahrnehmung. Je nach Ort, Lichtverhältnissen und der persönlichen Befindlichkeit der Betrachterinnen und Betrachter verändert sich das Kunsterlebnis, das persönlich mitzuerleben jeder Ausstellungsbesucher eingeladen ist. Der Neubau des Arp Museums von Richard Meier mit seinem Zusammenspiel von Kunst, Natur und Architektur bietet den Werken Gotthard Graubners dabei eine einzigartige Bühne.

Der Ausstellungskatalog erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln und kostet 29,80 Euro.

Ein Mediaguide zur Ausstellung kann in der App »arp museum« kostenpflichtig heruntergeladen werden (Kosten: 3,49 Euro als Download, 4,50 Euro mit Leihgerät).