»Farbe ist meine Obsession, meine Freude und meine Qual.« Claude Monet

2018 fiebert die Kunstkammer Rau im Rausch der Farbe. Anhand von 62 Exponaten werden der Einsatz und die Bedeutung der Farben in der Kunst vom Mittelalter bis in die Gegenwart anschaulich gezeigt. Hochkarätige Werke Alter Meister aus der Sammlung Rau für UNICEF treffen auf moderne und zeitgenössische Werke aus der Sammlung des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. Im dialogischen Gegenüber ermöglichen sie einen umfassenden Blick auf dieses unerschöpfliche Thema.

Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck: »Die Ausstellung geht aus von der Symbolhaftigkeit der Farben in den Heiligenbildern des Mittelalters und führt bis zu den ekstatischen informellen Farb-Abenteuern von K. O. Götz. Im Farbklang mit den historischen Meisterwerken gelingt es der Schau, die modernen Werke neu zu Gehör zu bringen. Umgekehrt verhelfen die Werke aktueller Kunst den alten Meistern zu ungeahnten Klangfarben.«

Die Ausstellung wurde kuratiert von Dr. Susanne Blöcker.

Von der mittelalterlichen Holztafel zum barocken Blumenstillleben
Am Anfang der Präsentation stehen die Holztafeln des Mittelalters. Auf strahlendem Goldgrund, der auf das Paradies verweist, schweben die Heiligen in überirdischem Licht. Auch jene Betrachter, die damals nicht lesen konnten, erkannten die dargestellten Figuren an den Farben ihrer Bekleidung: so erscheint die Himmelskönigin Maria im blauen Mantel und Gottvater oder auch Jesus Christus im roten Gewand.

Mit dem Humanismus und den Erkenntnissen der Naturwissenschaften im Spätmittelalter gewannen Alltag und Umwelt Präsenz in den Bildern, wurde die Darstellung räumlicher Tiefe gefordert. Dank der neu entwickelten Ölmalerei arbeiteten sich die Maler in transparenten Farblasuren in die Tiefe ihrer Bildlandschaften vor. Dank des Effektes der Verblauung konnten Betrachterinnen und Betrachter nun den Blick scheinbar in die Ferne schweifen lassen. Dramatische Hell-Dunkel-Kontraste finden sich in frühbarocken niederländischen Landschaften, darunter eine Gewitterlandschaft von Jan van Goyen (1596–1656) oder eine Feuersbrunst von Aert van der Neer (1603–1677).

Farben waren und sind Teil unseres Alltags, unserer Kommunikation und bis heute hat sich ihre Symbolkraft in Bezug auf Blumen und Früchte erhalten: Rote Liebesrosen, weiße Todeslilien oder vieldeutige Nelken verwandeln die Wände der Kunstkammer in sprechende Blumenwiesen. In den Stillleben des Barock sind sie von Künstlern wie etwa Willem van Aelst (1627–1683) virtuos gemalte Zeichen des Reichtums und der Reiselust der großen Seefahrernationen, aber im Stadium des Verwelkens auch ein Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen. Der berühmte venezianische Maler Giovanni Domenico Tiepolo (1727–1804) steckt seine Blumen einer jungen Frau an den Hut und kennzeichnet sie auf diese Weise als Personifikation der Flora, die Göttin der Blumen und des Frühlings.

Vom Impressionismus zur zeitgenössischen Fotografie
Stellten die Maler seit dem Mittelalter ihre Farben überwiegend selbst oder mit Unterstützung von Gehilfen aus natürlichen mineralischen Pigmenten her, so änderte sich die Farbenproduktion grundlegend seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Durch die Entwicklung synthetischer Pigmente konnten zahlreiche neue Farbtöne entwickelt werden und Manufakturen übernahmen die Herstellung der Farben. Die Künstlerinnen und Künstler erwarben die Farben nun in Tuben, was die Voraussetzung für die Loslösung vom Künstleratelier und die Entstehung der Pleinair-Malerei war.

Claude Monet (1840–1926) war – inspiriert durch seinen Lehrer Boudin und die Maler der Schule von Barbizon – einer der Vorreiter dieser Malerei in der freien Landschaft. Er hielt in seinem Gemälde Waldweg 1865 mit kurzen, breiten Pinselstrichen einen Moment stimmungsvollen Spiels von Farbe, Licht und Schatten auf den Bäumen im Wald fest.

Noch kräftigere Farben entfalten sich in den nahezu abstrakten Bildern von Vlaminck, Dufy und Derain, den jungen wilden französischen Farbmalern des frühen 20. Jahrhunderts. Maurice de Vlaminck (1876 – 1958) geht es in seinem Gemälde Fauvistische Landschaft bei Chatou nicht mehr darum, die Landschaft möglichst realistisch darzustellen. Angeregt durch André Derain und sein großes Vorbild Vincent van Gogh, überzieht er die Leinwand mit starken Farben und Flächen. Dabei benutzt er keinen Pinsel mehr, um die Farbe aufzutragen, sondern drückt diese direkt aus der Tube auf die Leinwand und verstreicht sie mit dem Spachtel. Nur noch vage an der realen Farbgebung eines Objektes orientiert, entsteht so eine besonders sinnliche, beinahe musikalische Farbharmonie.

»Ich setzte alle Gefühle, die zu empfinden ich imstande war, in eine Orchestration reiner Farben um.« Maurice de Vlaminck (1876–1858) Im Laufe des 20. Jahrhunderts lösen sich die Farben schließlich vollkommen vom Gegenstand und werden selbst zum Bildinhalt. So entlädt sich der Rausch der Farbe in den informellen Farbexplosionen von K. O. Götz (1914–2017), der mit Einsatz seines ganzen Körpers, mit Rakeln, Schabern und Händen die Farbe auf die Leinwand aufbringt. Gegenüber dieser dynamischen gestischen Abstraktion vibriert in Gotthard Graubners (1930–2013) Farbraumkörper die monochrome Kraft der Farbe eher beruhigend. Die private Leihgabe verbindet die Kunstkammer Rau mit der zeitgleichen großen Graubner-Ausstellung im Neubau.

Die deutsche Fotokünstlerin Simone Demandt (* 1959) widmet sich in ihrer Serie Dunkle Labore/ Labs overnight von 2009 frei nach Ernst Bloch der Frage »Was treiben die Dinge ohne uns?«. So fängt sie die Lichtspuren in der nächtlichen Dunkelheit im menschenleeren Labor der Rechtsmedizin in der Heidelberger Universitätsklinik ein. 9 Stunden lang belichtete eine analoge Großbildkamera während der Nacht autonom das Fotopapier und verwandelte das gelbe Licht der Straßenlaterne, kaltblaues Monitorlicht, rote Kontrollleuchten von Messgeräten und tiefes Schwarz zu einem eindrucksvollen Bild, das dem durch die Künstlerin gelenkten Zufall geschuldet ist.

Hochkarätige Schenkungen und Dauerleihgaben
In dieser Schau werden die große Bandbreite und die Güte der Sammlungen des Arp Museums Bahnhof Rolandseck anschaulich. Die Sammlung Rau für UNICEF ist dabei einer der größten Schätze. Die hochkarätigen historischen Werke begegnen nun den modernen Stücken aus den eigenen Beständen. Bei der Auswahl standen qualitätvolle Schenkungen und Dauerleihgaben sowie jene Ankäufe im Fokus, die in freigiebiger Weise der Museumsfreundeskreis ermöglicht hat. Im elften Jahr des Bestehens würdigt das Arp Museum damit das eindrucksvolle Engagement jener, die durch ihre Großzügigkeit entscheidend zu seinem Erfolg beigetragen haben.

Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland: »Die Ausstellung zieht den Betrachter in einen "Rausch der Farben" mit all seiner Schönheit vom Mittelalter bis in die Kunst der Gegenwart. Gleichzeitig ist sie getragen vom Geist der Humanität des bedeutenden Philanthropen Dr. Gustav Rau, der mit seiner Sammlung nachhaltige Hilfe für Menschen in Not ermöglicht. Ich bin davon überzeugt, dass diese doppelte Faszination jeden Besucher berührt und inspiriert.«

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog herausgegeben von Oliver Kornhoff mit Beiträgen von Susanne Blöcker, Ernst Peter Fischer, Reni Mothes u.a. (24,90 Euro).

Die Ausstellung findet mit freundlicher Unterstützung von Farrow & Ball statt.