Mit der Präsentation Elementarteile. Aus den Sammlungen zeigt das Museum Angewandte Kunst erstmalig seit seiner Wiedereröffnung im April 2013 eine dauerhafte Ausstellung mit
70 – 80 ausgewählten Stücken aus allen Sammlungsgebieten des Museums. Diese
umfassen einen reichen Bestand an Kunsthandwerk aus Ostasien, Islamischer Kunst, Design, Grafik und Buchkunst aus rund 5000 Jahren und verschiedenen Teilen der Erde. Dabei stechen die Sammlungen im internationalen Vergleich vor allem durch die herausragende Qualität ihrer Einzelstücke und ihre Heterogenität hervor.

Die Präsentation macht es sich zur Aufgabe, im Sinne der Neupositionierung des Museum Angewandte Kunst unter der Leitung des Direktors Matthias Wagner K museale Präsentationsweisen angewandter Kunst kritisch zu hinterfragen. Die Standartstruktur klassischer Katalogisierung von Objekten gliederte sich bisher nach Epochen oder territorialer Herkunft, nach einer Chronologie der Entstehung, dem Material, einer Produktionsweise, eines Stils oder nach den Produzenten. Eine solche Herangehensweise und Sortierung nach vornehmlich historischen Gesichtspunkten muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob die Phantasie und das Denken der Betrachter damit nicht eingeschränkt und die Möglichkeit eines Museums als Ort für zeit- und unzeitgemäßen Betrachtungen im Sinne von Friedrich Nietzsches Fröhliche(r) Wissenschaft nicht verhindert wird.

Seit nunmehr einem Jahr ist die kuratorische Praxis im Museum Angewandte Kunst eine andere, es geht um Prozesse, Themen und Spannungsfelder in Bezug auf angewandte Kunst, denen mit Ausstellungen unterschiedlich langer Dauer begegnet wird. Dieses Tun bekommt mit der neuen Präsentation Elementarteile. Aus den Sammlungen eine Konstante und ein Zentrum. Statt die ausgewählten Exponate nach einem bestimmten Interpretationsansatz oder musealen Gattungsbegriff zu sortieren, wird jedes Elementarteil aus seiner Beschränkung auf die Repräsentation der traditionellen Museumsordnung gelöst, um es einer Offenheit in der Betrachtung und einem Anders-Denken zuzuführen. Der Direktor und die Kuratoren des Museum Angewandte Kunst sowie Mitglieder des Kunstgewerbevereins Frankfurt am Main e.V. haben aus allen Sammlungsbereichen, Geografien und Zeiten Exponate ausgewählt, die losgelöst von traditionellen Klassifikationen gezeigt und in ihrer Einzigartigkeit zugänglich gemacht werden.

Entstanden ist ein dynamischer Ort, der architektonisch an eine Explosion der Stunde null erinnert und sich aus seinem Zentrum heraus entwickelt. Ein charakteristisches Werk der europäischen Renaissance wie der perlmuttverzierte Pultkasten mit eingravierten Szenen aus Ovids "Metamorphosen" lässt sich dort genauso entdecken wie eine chinesischen Vase der Ming-Zeit oder Peter Ghyczys orangefarbenes „Sitzei“ aus dem Jahre 1968. Ein Höhepunkt der Möbelkunst des 18. Jahrhunderts wie der raffinierte Verwandlungstisch von Abraham und David Roentgen, der als Schreib-, Frisier- , Noten- und Lesetisch genutzt werden konnte, findet sich in Nachbarschaft des schlangenförmigen Objekts “California Loop“ aus der Studioglas-Bewegung, das als Kind der 60er und 70er Jahre Ausdruck überschwänglichen Lebensgefühls und zugleich technischer Meisterschaft ist. Das kostbare und handbeschriebene Psalterium aus der Provence des 13. Jahrhunderts begegnet unter anderem einem Designstück wie der Radio-Phono-Kombination SK 4 von Dieter Rams aus dem Jahr 1956.

Die Präsentation gewährt durch ihr konsequentes Nebeneinander von Unterschiedlichem einen unvoreingenommenen Einblick in das Zentrum der Sammlung wie in eine Herzkammer des Museums. Es zeigt seine Objekte im Urzustand noch vor jeder thematischen Sortierung, die als Elementarteile jeweils für ihr eigenes Potential sprechen. In ihrer Gesamtheit verkörpern sie ein Reservoir im Sinne eines Vorratsspeichers für immer neue Betrachtungen und Themen aktueller und zukünftiger Ausstellungen.

Mit der Präsentation Elementarteile. Aus den Sammlungen legt das Museum Angewandte Kunst seine kuratorische Praxis offen, lässt den Besucher vertraute Stücke wiedersehen, neue Entdeckungen machen und ist darüber hinaus eine Einladung zur fröhlichen Wissenschaft für Jedermann.