Mit Women Between Buildings zeigt der Kunstverein in Hamburg die bislang umfassendste Einzelausstellung von Nicole Wermers in Deutschland. Ihre zumeist skulpturalen Arbeiten verbinden die Auseinandersetzung über urbanen Raum und seinen soziopolitischen, narrativen und historischen Aspekten mit Überlegungen zur Formensprache der Moderne und der Reflexion ihrer eigenen Rolle als Künstlerin in der Großstadt.

Wermers" Untersuchungsfeld sind die unsichtbaren Strukturen des öffentlichen Raums und ihre sinnlich wahrnehmbaren Manifestationen. Ihr besonderes Interesse gilt der in Architektur, Materialien und gestalteten Objekten innewohnenden Stimulanz- und Affektkultur, welche die schier unendliche Reproduzierbarkeit körperlicher Präsenz bei gleichzeitiger Virtualisierung und Entortung öffentlicher Räume, politischer Subjekte und kollektiver Körper zelebriert.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten der vergangenen10 Jahre, darunter Untitled Chairs aus der 2015 für den Turner Prize nominierten Ausstellung Infrastruktur, Vertical Awnings, Dishwashing Sculptures, aber auch zwei neue, speziell für die Ausstellung hergestellte Skulpturen.

Die formal an Brâncu?i und Wermers" eigene Skulpturenserie Kusinen erinnernden Vertical Awnings sind Markisenskulpturen mit ausziehbaren Stoffen, die aufrecht im Ausstellungsraum stehen. Textilien werden häufig eingesetzt, um sich öffentlichen Raum anzueignen, ihn aufzuteilen, zu privatisieren, zu beschatten, zu domestizieren oder überhaupt erst zu generieren. Dass sie sich dafür eignen, hat mit ihren Materialeigenschaften zu tun (Textilien sind flexibel, durchlässig und dehnbar), aber auch mit unserer Wahrnehmung von ihnen als harmlos und unbedrohlich. Eine textile Grenze erscheint immer als verhandelbar. Die bis zu 12 Quadratmeter abdeckenden Stoffbahnen der Vertical Awnings werden in aufgerolltem, kompaktem Zustand gezeigt. Raum ist hier abstraktes Potential, aber auch permanent neu zu definierende und verhandelbare Größe.

Wermers" Wandarbeiten mit dem Titel Moodboards sind zweckentfremdete, faltbare Wickelstationen öffentlicher Toiletten, die im Alltag Arbeitsflächen in engen Räumlichkeiten schaffen. In diese hat die Künstlerin verschiedenfarbigen Terrazzo gegossen. Der traditionell am unteren Ende des architektonischen Wertekanons liegende Fußboden wird auf die Ebene des Displays erhoben. Architektonische Hierarchien sowie historische und zeitgenössische Merkmale öffentlichen Raums werden neu durchmischt und gängige Verhaltensmuster unterlaufen. Ähnlich wie die Moodboards sind die Dishwashing Sculptures adaptierte Readymades, die mit Graden von Funktion und Zweckentfremdung spielen, diese aber in das häusliche Umfeld verlagern. In prekären Assemblagen von zum Trocknen aufgetürmten Töpfen, Porzellan und Küchengerät kontrastieren architektonische Ambitionen und gewagte Statik mit weiblich konnotierter reproduktiver Arbeit.

Die Serie Croissants & Architecture kombiniert Fotografien von Croissants in verschiedenen europäischen Cafés mit Vorder- und Rückseiten von Schleifpapier. Croissants sind Lifestyle-Gebäck, Symptome der ersten Gentrifizierungswelle der 80er Jahre und des globalisierten Geschmacks, mittlerweile ersetzt durch Avocado- Toast. In Kombination mit den negativen Raum erzeugenden Schleifpapieren, werden sich verändernde Dynamiken zwischen zwei- und dreidimensionalem Raum, Unbehagen und sinnlichem Genuss, aber auch weiblich bzw. männlich assoziierten Formen untersucht.

Die früheste der gezeigten Arbeiten, das Video Palisades (1998), die noch während Wermers" Zeit in Hamburg entstand, bildet den Auftakt und gleichzeitig eine inhaltliche Klammer der Ausstellung. Die Künstlerin eignet sich halböffentliche Orte mit einer auf den Kopf gestellten Kamera an, die den Eindruck erweckt, als würde sie auf der Decke laufen. Hotels, Firmenlobbies und das CCH Hamburg werden zu rätselhaften, austauschbaren Endlosarchitekturen, deren Details, ihrer Funktion enthoben, uns wie abstrakte Skulpturen oder Ornamente erscheinen. Wermers" Flaneuse produziert Raum, ganz im Sinne von Michel de Certeau, der in Die Kunst des Handels von "walking as making space" als einer der Praktiken des Alltags spricht.

Wermers" Auseinandersetzungen mit unseren durchgestalteten Lebenswelten, deren visuelle, haptische und hörbare Merkmale fast immer Resultat strategischer Überlegungen sind, lassen sich als "Gegenästhetisierung" lesen, als sinnlich- interpretierende Involvierung in die von ihr appropriierten und produzierten Gegenstände der Betrachtung. Wermers" Arbeiten erheben weniger den (minimalistischen) Anspruch auf einen diskreten Werkstatus, als vielmehr auf strukturelle Teilhabe an jenen Materialitäten und Oberflächen, in denen sich öffentliche und private, urbane und warenkulturelle, architektonische und mediale, institutionelle und soziale Räume und Umgebungen überlagern.

Zur Ausstellung erscheint bei Compagnia und Motto Books eine umfassende Publikation mit Texten von Sabeth Buchmann, Kerstin Stakemeier und David Bussel.

Nicole Wermers (*1971 in Emsdetten, lebt und arbeitet in London) hat bei Sigmar Polke und Claus Böhmler an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert sowie am Central Saint Martins College of Art and Design in London. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen war sie 2015 für den Turner Prize nominiert.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.