Die Freundschaft von Hans Arp und Kurt Schwitters jährt sich 2018 zum 100. Mal. Anlässlich dieses wichtigen Jubiläums zelebriert das Arp Museum Bahnhof Rolandseck im Grafik-Kabinett auf der oberen Ausstellungsebene des Richard Meier-Baus ein neues und besonderes Rendez-vous des amis seines Hauspatrons mit dem MERZ-Begründer Kurt Schwitters (1887–1948). Neben der engen geistigen und künstlerischen Verwandtschaft beider Künstler offenbart die Ausstellung auch erstmals bislang unbekannte Mysterien und Zusammenhänge im wechselseitigen Schaffen der beiden Protagonisten.

Der Krieg hatte die Welt bis 1918 in Atem gehalten und hinterließ ein Bild der Zerstörung. Zu jener Zeit trafen sich Hans Arp und Kurt Schwitters zum ersten Mal im Berliner Café des Westens und kamen überein, dass die Welt nur durch Kunst und nicht durch Politik verändert werden könne. Aus den Trümmern der Zerstörung sollte etwas Neues entstehen und so folgten zwei Jahrzehnte des intensiven freundschaftlichen und kreativen Austauschs. Als Gegenreaktion auf das Erbe des Krieges wollten sie sich von den Fesseln der akademischen Kunstformen befreien und mit den Kunstbewegungen von DADA und MERZ auf die erschütterte Realität reagieren. Schwitters Motto lautete: »Man kann auch mit Müllabfällen schreien«. Die »Nichtkunst« wurde zu ihrer Waffe gegen die Konventionen der wilhelminischen Gesellschaft und brach mit dem zeitgenössischen, etablierten Kunstbegriff. Die Collage, bei Schwitters vor allem aus kunstfremden Materialien zusammengesetzt, wurde zum wichtigen Medium ihres Schaffens und steht im Zentrum der hiesigen Kabinett-Ausstellung. Ergänzt wird sie von gemeinsam verfassten Texten und Solo- Arbeiten Arps und Schwitters. Geprägt von Witz, Humor und Ironie wissen viele ihrer gemeinsamen und in Wechselbeziehung entstandenen Werke eine amüsante Geschichte zu erzählen, »eine Haltung, die – heute aktueller denn je – mit Lachen die bestehenden Geistesordnungen zu hinterfragen suchte«, pflichtet Museumsdirektor Dr. Oliver Kornhoff bei.

In der neuen Präsentation der Sammlung Arp, in die das Rendez-vous des amis eingebettet ist, begleiten die Besucherinnen und Besucher fünf ausgewählte Zitate von Kurt Schwitters bereits durch die Werkschau. Sie sind kombiniert mit den einzelnen Themenkomplexen der Sammlungspräsentation: Konstellation, Das Atelier des Künstlers, Metamorphose, Relief und Die Menschliche Gestalt und lassen einen neuen Blickwinkel auf die Werke Hans Arps zu. Denn ohne dass sie ursprünglich als Kommentare zu seinen Arbeiten gedacht waren, unterstreichen sie ihre künstlerische Verwandtschaft. Ergänzend geben zwei Hörstationen die Gedichte Kaspar ist tot und Anna Blume wieder und stimmen die Besucherinnen und Besucher akustisch auf den Dialog der beiden Künstler ein.

»Daher beim Lilienknicken linke Hand am linken Griff!« ist das zentrale Zitat der Ausstellung und stammt aus Schwitters Memoiren Anna Blumes in Bleie, verfasst 1922 in Weimar, während des Konstruktivisten Kongresses. Hans Arp, der den Text mit Kommentaren ergänzte, unterzeichnete diese Passage mit PRA, so nannte Schwitters Hans Arp. Noch vor dem Kabinett, links am Eingang, ist ein Plakat zu sehen, das Schwitters 1929 für die Verkehrsbetriebe Hannover anfertigte. Es weist einen fast identischen Wortlaut auf: »Rechte Hand am linken Griff so steig ein beim Abfahrtspfiff steigst Du aus, merk dir den Kniff Linke Hand am linken Griff«. Jedoch ist der Text weder von Arp noch von Schwitters, sondern das Ergebnis eines Wettbewerbs, den die Berliner Verkehrsgesellschaft Ende der 1920er-Jahre veranstaltet hatte, um den Fahrgästen die wichtigsten Verhaltensregeln nahezubringen. Wie es zu dieser Überschneidung kommt, ist bis heute rätselhaft. Mit diesem Mysterium beginnt die eigentliche Ausstellung hinter den Türen des Grafik- Kabinetts. Hier trifft man auf eine fächerartige Architektur, die den Raum als Objekt eingenommen hat. Es ist ein Rückgriff auf Kurt Schwitters Merzbau, aber keine Reproduktion von diesem. In Anlehnung an den verwinkelten Merzbau sind thematische Gruppen in den Ecken der Ausstellungs-Architektur eingerichtet. Um sie herum dreht sich das ganze Geschehen der Schau.

Die ausgestellten Werke stammen zur Hälfte aus der Sammlung des Arp Museums. Gezeigt werden 12 Arbeiten von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp wie auch zwei Avantgarde Publikationen aus dem eigenen Bestand. Hinzu kommen großzügige Leihgaben wie jene vom Sprengel Museum Hannover und dem Kunsthaus Zürich, den beiden Hauptleihgebern der Ausstellung. 80 Prozent der Leihgaben wurden noch nie ausgestellt oder dürfen aus konservatorischen Gründen nicht mehr ausgeliehen werden. Die Motivation, die Arbeiten dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck dennoch als Leihgabe zur Verfügung zu stellen, gebührt dem einzigartigen kuratorischen Konzept von Astrid von Asten, der Arp-Kuratorin des Museums. Ihr gelingt es, den Dialog zwischen Arp und Schwitters mit neuen Erkenntnissen aufzubereiten und neben diesem Zweiklang erstmals auch Sophie Taeuber-Arp eine Stimme zu verleihen. »Es wird gedichtet, gemerzt und gearpt, den ganzen Tag« beschreiben Hans Arp und seine Frau Sophie Taeuber-Arp in einemBrief an Tristan Tzara 1923 ihre geistige Nähe zu Schwitters – ein Zitat, das in dieser Ausstellung retrospektiv auch die Position von Taeuber-Arp in einen neuen Blickwinkel rückt.

Die Ausstellung im Überblick:
Die thematischen Werkgruppen, die in den Winkeln der Ausstellungs-Architektur im Raum angebracht sind, korrespondieren mit den umliegenden Wänden. Der Bereich Hommage widmet sich der gegenseitigen Huldigung beider Künstler in ihren Werken. Die Puppe, Schwitters tragend weist ein Bildfragment von Schwitters auf und ist eine posthume Hommage an Schwitters. Das stark vergrößerte Diagramm Merz-Arp ist ebenso eine Hommage von Schwitters an Arp. Als Reproduktion erschien es 1939 in der Zeitschrift plastique, die unter anderem von Sophie Taueber-Arp herausgegeben wurde und die Affinität von Schwitters zum Namen Arp zeigt.

Gegenüber an der Wand sind die sieben Lithografien Arpaden von Hans Arp zu sehen. Sie sind Bestandteil der fünften Merzmappe, die Schwitters 1923 herausgab. Merz 5 ist der Bereich des Objekts im Raum gewidmet. Ausgestellt sind das Titelblatt, auf dem die Namen der Arpaden nachzulesen sind: Schnurrhut, Das Meer, Ein Nabel, Die Nabelflasche, Schnurruhr, Eierschläger und die Arabische Acht. Daneben ist eine Seite des Umschlags der Publikation zu sehen. Inmitten dieser Formate erscheint ein Papier déchirés von Hans Arp. Er zerriss die fünfte Merzmappe und schuf daraus wiederum eine Collage.
Korrespondierend zeigt sich auf der gegenüberliegenden Wand, wie spielerisch Schwitters mit den Motiven der Arpaden umgegangen ist. Den arpschen Nabel baute er in eine Collage ein und fügte ihm einen Bindfaden zu und auch die Schnurruhr, eine Kombination aus wilhelminischen Schnurrbart und einem stilisierten Ziffernblatt, integrierte er in eine Collage.

Gegen den Uhrzeigersinn gehend erwartet die Besucherinnen und Besucher die i- Ecke und hält eine weitere Überraschung bereit. Arps i-Collage scheint in seinem Œuvre nicht recht in das Bild zu passen, denn die Verwendung von Typografie im Bildkontext ist für ihn ungewöhnlich und selten bekannt. Die Collage entstand 1920, im selben Jahr, in dem auch Schwitters mit den i-Zeichnungen begann, denen er sich mit Hingabe widmete. Zwischen Arps Collage und den i-Zeichnungen von Schwitters muss es offenbar einen Zusammenhang geben. Dem i in Schwitters Werk widmet sich in Folge dessen die gesamte Ecke der Ausstellungsarchitektur. Es muss nicht mehr »entformelt« werden wie die gefundenen Alltagsmaterialien, die Schwitters in seinen Collagen verarbeitete. Schwitters erwählt – ähnlich wie bei einem Ready- made – einen Ausschnitt aus gefunden Materialien und definiert es als i.

Es folgt der Bereich zur Selbstdarstellung des Künstlers. Die Dokumentation von Schwitters Vortrag von der Ursonate 1944 in London, aufgenommen von seinem Sohn Ernst Schwitters, wird hier neben weiteren Porträts von Schwitters gezeigt. Darunter ein frühes »entformeltes«, neu zusammen gesetztes Porträt, sowie ein Kunstporträt von El Lissitzky in der Biografie veranschaulichen das Selbstverständnis des Künstlers. Daneben wird der Übergang vom »entformeln« und »vermerzen«, in der Frühzeit hin zu der konstruktiven Phase in Schwitters Werk offensichtlich.

In dieser Schaffensphase weisen seine Arbeiten enge Parallelen zu denen von Sophie Taeuber-Arp auf, die jeweils 1920 entstanden sind. Die überlaufende Dreiecksform und das verzogene rote Quadrat sind eine Vergleichbarkeit, die außerhalb ihrer Lebzeiten noch nie gezogen wurde! Ähnliches ist im Nebeneinander von Schwitters Lampenbild und Taeuber-Arps Komposition mit Kreisen und Halbkreisen festzustellen. Die klaren, geometrischen Formen finden auch hier in Schwitters Werk ihre Entsprechung. Diese Erkenntnis ist ein Novum und findet ihre Resonanz erstmals in dieser Ausstellung.

Ein besonderes Augenmerk ist zudem auf die Merzzeichnung MZ 474 De schoenmaker von 1922 zu richten, die noch nie außerhalb des Sprengel Museums gezeigt wurde. Sie befindet sich in der langen Vitrine am Ende des Raumes und nimmt wiederum den Bezug zu den Arpaden auf der gegenüber liegenden Wand auf, wie es auch das Merzbild von 1919 beabsichtigt. Daran anschließend befinden sich in der Vitrine teils originale, teils reproduzierte Merzhefte, wie auch die Memoiren Anna Blumes in Bleie, die hier im Original zu sehen ist.

Zum Abschluss gibt die Kuratorin noch ein weiteres Rätsel mit auf den Weg. Kurt Schwitters verfasste 1919 oder 1920/21 den Roman Franz Müllers Drahtfrühling und veröffentlichte kurz darauf ein Fragment des Romans in der Zeitschrift Der Arat. In einer längeren Fassung, die 1922 in Der Sturm publiziert wurde, ist Arp jedoch als PRA einer der Protagonisten des Romans. Obwohl Schwitters seinem Freund bereits 1921 vom Ableben der fiktiven Figur Franz Müller berichtete, führen Arp und Schwitters 1923 gemeinsam die Geschichte fort - Alles stimmt, aber auch das Gegenteil scheint richtig zu sein, ein Credo, das die gesamte Ausstellung vereint.