1938: Das Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten auch in Österreich und in den tschechoslowakisch-deutschen Grenzgebieten, der Konferenz von Évian, der Novemberpogrome, des „Gesetzes zur Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, aber auch das Jahr, in dem sechs bedeutende Fotografinnen und Fotografen geboren wurden, denen diese Ausstellung gewidmet ist. Hier gratulieren ihnen jüngere Künstlerinnen und Künstler mit Werken, die den Erfahrungen der Älteren Echoräume bieten.

Die Ausstellung entwirft in einer Abfolge von sechs Räumen, die jeweils von einer Jubilarin bzw. einem Jubilar und den jeweiligen Gratulanten bespielt werden, einen Rundgang durch die vergangenen 60 Jahre. Sie bietet zudem Begegnungen mit unterschiedlichen medialen Formen der Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte und Gegenwart:

Dass das Porträt immer auch ein Spiel ist und die Möglichkeit bietet, Rollen und Machtverhältnisse zu erproben, zeigen Johan van der Keuken in der Serie Wij Zijn 17 / Wir sind 17 aus dem Jahr 1955 und Fotografien aus dem Zyklus Gesellschaft beginnt mit drei von Andrzej Steinbach, entstanden 2017.

Vom Angestelltenalltag in der BRD der ausgehenden 1960er-Jahre und vom Wandel der Selbstverortung eines Zeitungsverlages berichtet die Serie Menschen im Fahrstuhl von Heinrich Riebesehl und die filmische Arbeit Der Preis des Aufstiegs, 2018, von Arne Schmitt.

Die 1968 auf den Straßen Prags scheiternde Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ und das Selbstverständnis des nordkoreanischen Staates in Dialektik von Kommunismus und Sexualität thematisieren die Fotografien von Josef Koudelka Prag 1968 und die textbasierte Internetarbeit Cunnilingus in Nordkorea des Künstlerduos Young-Hae Chang Heavy Industries.

Die von der Erfahrung der Atombombe gezeichneten urbanen Ansichten Daido Moriyamas aus den 1970er-Jahren begegnen dem Zusammenspiel einfachster, wie gefunden anmutender „physikalischer Links“, mit denen Delia Jürgens auf poetische Weise an der Materialisierung virtueller Realität arbeitet.

Boris Mikhailov befragt 1992 in der fotografischen Serie I not I nach dem Ende des Kalten Krieges das Bild des heroischen Helden der Geschichte. 2018 fordert Der Limbulator des Künstlerduos Beep Off dazu auf, Begriffe in einem Wertesystem zu ordnen, und belohnt mit personalisierten optischen Botschaften.

Schließlich sucht Helga Paris 1998 in Kindergesichtern aus Berlin-Hellersdorf nach Zukunft und erarbeitet Hana Miletic gemeinsam mit dem Molem Kollektiv, einer Gruppe jugendlicher Asylsuchender, 2013 eine Art Gruppenselbstporträt in einer Erzählung über das Zustandekommen einer Turnschuhsammlung.

Der siebte Raum ist ganz dem Geburtsjahr der Jubilare gewidmet. Mit Werken aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover, die 1938 und 1939 entstanden sind, und in beigestellten biografischen Notizen verweist er auf die von nationaler Hybris und Rassenideologie, vom Nationalsozialismus herbeigeführten Brüche in den Biografien von Künstlerinnen und Künstlern. Sie stehen hier exemplarisch für Erfahrungen von Verfolgung, Flucht, Vertreibung und Exil.

Es erscheint die Publikation „Heinrich Riebesehl, Menschen im Fahrstuhl“ (Spector Verlag, 28 Euro).