Die Weserburg präsentiert ab Mai 60 Fotoarbeiten der Amerikanerin Cindy Sherman aus nahezu allen Werkphasen. Ein derart großes Konvolut an Bildern der weltbekannten Künstlerin wird damit zum ersten Mal in Norddeutschland zu sehen sein. Die Werke stammen aus der in Berlin beheimateten Olbricht Collection und stellen dort einen ganz besonderen Sammlungsschwerpunkt dar.

Cindy Sherman gilt in der Öffentlichkeit als bedeutende feministische Künstlerin. Die von Thomas Olbricht zusammengestellten Werke machen indes deutlich, dass das Gesamtwerk weit vielfältiger ist. In der Tat hat die Künstlerin die feministischen Diskurse der Gegenwart enorm bereichert. Doch geht es in dieser Ausstellung auch um existentielle Themen, um Träume, Ängste und bisweilen verstörende und erschreckende Gewalt- und Todesfantasien. Damit letztlich um ein tieferes Verständnis des Gesamtwerks dieser wichtigen Künstlerin.

Berühmt wurde Cindy Sherman Ende der 1970er Jahre mit ihren "Untitled Film Stills". In ihnen dokumentiert sie Frauendarstellungen, die an Szenen aus Spielfilmen oder Fernsehserien erinnern. Die Künstlerin selbst schlüpft in verschiedene Verkleidungen und Posen und verkörpert die sozialen Rollenmuster, in denen wir uns spiegeln und selbst wiederfinden. Die Ausstellung zeigt auch herausragende Beispiele der Werkgruppen "History Portraits", "Headshots", "Disasters" und "Sex Pictures" bis hin zu den Furcht einflößenden "Clowns", "Masks", "Horror and Surrealist Pictures".

Faszination und Desillusionierung charakterisiert in besonderer Weise die Serie der "Headshots", die in einer gelungenen Auswahl von elf Arbeiten vorgestellt wird. Cindy Sherman verkörpert in dieser Serie Frauen mittleren Alters, die noch einmal ihre jugendliche Attraktivität beschwören und zugleich Gefangene ihrer Lebenszeit sind. Sie präsentieren sich in absichtsvoller Selbstverständlichkeit vor einer Kamera, die die ungewollte Vermischung von gewünschter und wahrhaftiger Erscheinung enthüllt.

Cindy Sherman hält ihr Werk nach eigener Aussage nicht in einem aktiven und ausgewiesenen Sinne für feministisch. Ihre Beobachtungen als Frau in der heutigen Kultur sind zugleich Beobachtungen von Ängsten und Albträumen, von Gewalt und Todesfantasien. Sie mischen sich mit einem abgründigen Humor, der noch jedem ihrer Bildschrecken beiwohnt. Beispielhaft sind dafür die "Clowns", in denen sich Komik und Entsetzen, Faszination und Abscheu vermengen. Sie bilden einen Höhepunkt dieser fotografischen Inszenierung unserer Kultur.

Die bewusste Auswahl solcher Bilder innerhalb der Olbricht Collection bietet mehr als einen umfassenden Einblick in das abwechslungsreiche Konzept, mit dem Cindy Sherman stereotype Frauenbilder in ihrer Doppelbedeutung von eindrucksvoller Anverwandlung und beklemmender Entlarvung vorführt. Die schockierenden Bilder, in denen Sherman Körperteile von Puppen und Mannequins in grotesker Verstümmelung arrangiert, weisen über das Thema inszenierter Weiblichkeit hinaus. In ihnen ist sie als lebendes Modell ihrer erschütternden Bilderfindungen gar nicht zu sehen. Diese die Grenzen des Verstehens tangierenden Beispiele des Obszönen bis hin zu Zerstückelungsfantasien sind in der Ausstellung gleich mehrfach zu finden. Cindy Sherman geht in ihrem Werk also über die Faszination hinaus, sich der prägenden Macht vorgefundener Rollen auszuliefern. Sie vermag am Ende aufzuzeigen, wie wir uns allmählich an Muster gewöhnen, die uns zutiefst erschrecken.


Eröffnung: 
Freitag, 18. Mai 2018 um 19:00 Uhr