Die Kunsthalle Mannheim integriert als eines der ersten deutschen Museen ihre siebenjährige Provenienzforschung in die Sammlungspräsentation.

Erstmals zeigt die Kunsthalle Mannheim Ergebnisse ihrer siebenjährigen Provenienzforschung als thematische Sammlungspräsentation im Westflügel des Jugendstilbaus. Das Besondere daran ist, dass die Kunsthalle als einer der ersten deutschen Museen diese Ausstellung in der Ausstellung in ihre neukonzipierte Schausammlung integriert, die anlässlich des Neubau-Grand Opening am 01. Juni 2018 (Einlass: 18 Uhr) eröffnet wird. Der Pionierleistung der 1909 gegründeten städtischen Kunsthalle bei Definition und Rezeption der Moderne in Deutschland entsprach die fast beispiellose Zerstörung einer der weltweit ersten bürgerschaftlichen Moderne-Sammlungen unter der nationalsozialistischen Diktatur.

Die Präsentation wurde von Provenienzforscher Dr. Mathias Listl kuratiert. Sie veranschaulicht in einer bewegenden Erzählung über vier Galerien hinweg, welche Auswirkungen der Nationalsozialismus bis heute auf die Kunsthalle und ihre Sammlung hat – und auch auf die mit dem Museum verbundenen Menschen: Sie wurden aus Ämtern gedrängt, zur Emigration gezwungen oder ermordet. Für nicht wenige unter ihnen war und blieb die Kunsthalle eine prägende Institution, die sie liebten und förderten. Das mit dieser Präsentation abgeschlossene Langzeit- Forschungsprojekt der Kunsthalle Mannheim wurde vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Die Schau beleuchtet die Folgen des Nationalsozialismus in drei Themenfeldern:
1. die nationalsozialistische Enteignungsaktion „Entartete Kunst“, 2. das Schicksal jüdischer Sammlerfamilien rund um die Kunsthalle und 3. die Provenienzforschung als fundamentales und spannendes Arbeitsfeld im Museum. Verdeutlicht werden dabei auch die teils widersprüchlichen Rollen des Mannheimer Kunstmuseums und handelnder Personen als Opfer wie als Täter sowie vom Schicksal anderer profitierender Mitläufer.

Durch die 1937 durchgeführten Beschlagnahmungen „entarteter Kunst“ hat die Kunsthalle den dauerhaften Verlust von über 500 Gemälden, Skulpturen und Graphiken, darunter Schlüsselwerken der Kunstgeschichte, zu beklagen. Mit der Ausstellung „Kulturbolschewistische Bilder“ verantwortete das Museum Anfang 1933 aber auch die allererste Propaganda-Ausstellung, die die Ideologie und Ästhetik der folgenden nationalsozialistischen Hetzkampagnen gegen die moderne Avantgarde definierte. Damals wurden 64 (ausgerahmte) Gemälde, 2 Plastiken und 20 Graphiken von 55 Künstlern aus der Sammlung öffentlich als „kulturbolschewistische Machwerke“ denunziert – in denselben Museumsräumen, in denen sie zuvor als sorgfältig ausgewählte, neu erworbene Gegenwartskunst für Publikums- und Pressedebatten, aber auch für überregionales Aufsehen und fachwissenschaftliche Anerkennung sorgten.

Am Schicksal von fünf jüdischen Familien aus Mannheim zeigt sich exemplarisch, wie unmittelbar und brutal der Nationalsozialismus in das Leben vieler mit der Kunsthalle verbundener Menschen eingriff. Sie alle trugen als Stifter zum Auf- und Ausbau der Sammlung bei und blieben dem Museum – trotz Flucht und Vertreibung – oftmals auch nach 1945 verbunden.

Als beispielhaftes Ergebnis des Provenienzforschungsprojekts werden in einem dritten Kapitel die Anstrengungen thematisiert, die die Kunsthalle Mannheim aktuell unternimmt, um das von den Nationalsozialisten begangene Unrecht aufzudecken und gemäß der Washingtoner Erklärung wiedergutzumachen. Seit 2011 erforscht die Kunsthalle systematisch die Herkunft aller Gemälde, Skulpturen und Graphiken in ihrem Bestand. Ziel des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts ist es, die Besitzerwechsel aller vor 1946 entstandenen Objekte möglichst lückenlos zu klären. Kunstwerke, die ihre politisch oder aufgrund der Abstammung verfolgten Vorbesitzer während des Nationalsozialismus unter Druck verkaufen mussten oder die diesen geraubt oder enteignet wurden, werden identifiziert, um sie den früheren Besitzern und deren Erben zurückzugeben oder faire Lösungen für eine Entschädigung treffen zu können.

Als ein stetig wechselndes Element innerhalb der Provenienz-Präsentation „(Wieder-) Entdecken“ begrüßt die Kunsthalle unter dem Titel „Zu Gast aus aller Welt“ jeweils ein Werk, das 1937 aus der Sammlung beschlagnahmt wurde und sich heute in einem anderen Museum oder einer Privatsammlung befindet. Den Auftakt bildet ein Gemälde des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck: „Junges Mädchen (Martha)“ (1912). Es befindet sich seit 1954 im Besitz des Duisburger Lehmbruck-Museums. 1916 zeigte die Kunsthalle das Werk in der ersten Museumsausstellung, die sie dem Künstler widmete. Es wurde vom Mannheimer Sammler Sally Falk erworben, der es wiederum 1917 im Zusammenhang einer umfangreichen Stiftung dem Museum schenkte.

Zur Eröffnung der Ausstellung erscheint der Katalog „(Wieder-)Entdecken – Die Kunsthalle Mannheim 1933 bis 1945 und die Folgen“, herausgegeben von Dr. Ulrike Lorenz und Dr. Mathias Listl. (Deutsch/Englisch, 120 Seiten, ca. 90 Abb., ca. xx Euro. Erhältlich ab 01.06.2018, 18 Uhr, im Museumsshop.)


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag (Feiertage): 10:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 10:00 - 20:00 Uhr 
Jeden 1. Mittwoch im Monat:10:00 - 22:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kuma.art

Franz Marc, Drei Tiere (Hund, Fuchs und Katze), 1912 Öl und Tempera auf textilem Bildträger, 80x105cm Foto: Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas
02.06.2018 - 26.04.2020

(Wieder-)Entdecken – Die Kunsthalle Mannheim 1933 bis 1945 und die Folgen

Kunsthalle Mannheim

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