Die Kestner Gesellschaft präsentiert den Künstler Roman Signer (*1938 Appenzell) in einer umfangreichen Einzelausstellung mit neuen Arbeiten hauptsächlich aus den letzten drei Jahren. Das vielseitige Werk des international renommierten Schweizer Bildhauers wird mit dreizehn Skulpturen und Installationen sowie fünf Filmen auf beiden Ausstellungsebenen vorgestellt. Bekannt für seine Sprengaktionen arbeitet der Künstler seit den frühen 1970er Jahren an einem erweiterten Skulpturbegriff. Bei Roman Signer stehen Prozesse, Materialeigenschaften und die Arbeit mit gewöhnlichen Objekten im Fokus. Damit weisen sie Verbindungen zur Konzeptkunst, Land Art und Arte Povera auf. Roman Signer erweitert die drei Dimensionen der Skulptur um eine Vierte: die Zeit. Anhand von sich bewegenden Alltagsgegenständen, beispielsweise einem fahrenden Rasenmäher und fliegenden Modellhubschraubern, werden der Zeitverlauf und Spuren des Vorangegangenen auch als Metapher für Vergänglichkeit sichtbar und erfahrbar gemacht. Die Ausstellung »Roman Signer | Neue Arbeiten« zeigt auch zwei begehbare Installationen, die erstmals in der Kestner Gesellschaft präsentiert werden. 

Wiederkehrendes Vokabular
In Roman Signers Arbeiten treten Gebrauchsgegenstände als stets wiederkehrende Motive in neuen Zusammenhängen auf: Darunter präparierte Fahrräder, fliegende Eimer, tanzende Spazierstöcke, Helikopter und Drohnen. Die Objekte werden nicht in ihrer üblichen Funktion ausgestellt, sondern in ungewöhnlichen und zuweilen humorvollen Konstellationen. Beispielsweise zeigt die Installation »Schirm« (2016) zwei Ventilatoren, die eine Art Zwiegespräch über das Auf- und Zuklappen eines Regenschirms führen. In der Videoarbeit »Dachlawine« (2017) sind mit Wasser beladene Industriefässer zu sehen, die nach einer simultanen Sprengung von ihrer Verankerung loskommen und ein Satteldach herunterrollen. Übrig bleibt, nach einem großen Spektakel, das Metall in neuer Form. 

Physische Kräfte – Sprengstoff, Wasserkraft oder Motoren ebenso wie die Gravitationskraft – werden in Roman Signers Werken deutlich einbezogen und offenbaren ein skulpturales Potenzial. In diesem Fokus werden Geschwindigkeit, Kraft und Chronologie erfahrbar. Die Betrachterinnen und Betrachter können dabei die Zeit als Bewegung im Raum nachvollziehen. Besonders im Warten auf das Vorhersehbare und der schnellen Veränderung lässt sich die Zeit in Ausdehnung und Verdichtung erleben. Doch erscheint die Zeit auch in der »Spur« (2016) des Vorangegangenen und als die mögliche Zukunft, beispielsweise in einem »Kajak« (2016), das auf zwei Industriefässern durch die Ausstellungshalle rollen könnte.

Neue Arbeiten
Erstmals werden in der Kestner Gesellschaft zwei große, begehbare Installationen gezeigt: »Runder Raum« (2017) ist eine hölzerne Rotunde mit einem Durchmesser von 6 Metern. In einer neuen Aktion sprüht Roman Signer gelbe Farbspuren entlang eines Rads in halbkreisähnlichen Bögen, die hier auch in Bezug zu den runden Kuppelsaalfenstern des ehemaligen Goseriedebads treten. In der Installation »Milchstraße« (2018), die eigens für die Kestner Gesellschaft gebaut wurde, widmet sich der Bildhauer einem neuen Sujet: dem Weltall. Ein weißer Teppich und ein Korridor aus Holz laden die Besucherinnen und Besucher ein, entlang den Sternen zu laufen. 

Die Sternenbilder der Milchstraße hat er einem Atlas des US-amerikanischen Astronomen Edward Emerson Bernard (1857-1923) entnommen, der 1927 erstmals publiziert wurde. Komplexe Phänomene der Gravitation, räumlicher Ausdehnung und der zeitlichen Spur von Licht werden auch hier in einer, für den Schweizer Künstler typischen, spielerischen Leichtigkeit und Klarheit erschlossen. Dabei eröffnet das Durchschreiten des Sternenhimmels eine poetische Sicht auf die Welt, die in dem konsequenten Verfolgen von Versuchsanordnungen – sei es eine orchestrierte Sprengung oder der Bau einer tatsächlich begehbaren Milchstraße – eine Neugierde und Sehnsucht des Künstlers offenbart, die auch die Besucherinnen und Besucher zu Entdeckungen einlädt.

Zur Ausstellung hat Roman Signer eine Edition entwickelt, die er bei der Eröffnung in Aktion präsentiert. 


Roman Signer ist 1938 in Appenzell geboren. Er studierte an der Schule für Gestaltung in Zürich und Luzern sowie an der Akademie der Schönen Künste, Warschau. Seit seiner Teilnahme an der documenta 8 in Kassel (1987), an den Skulptur Projekten Münster (1997) und der Biennale in Venedig (1999) zählt er zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Einzelausstellungen zeigten unter anderen das Kunstmuseum St. Gallen (2018), die Kunsthal Aarhus (2017), das Middelheim Museum in Antwerpen (2016), das MAN Museum in Nuoro (2016), das Sprengel Museum Hannover (2010) und die Hamburger Kunsthalle (2009). In Hannover war der Künstler auch an der Expo 2000 und in den Herrenhäuser Gärten (2010) mit einem Projekt vertreten. Für sein Werk erhielt er unter anderem den Prix Meret Oppenheim (2010), den Ernst Franz Vogelmann-Preis für Skulptur (2008) und den Aachener Kunstpreis (2006). Roman Signer lebt und arbeitet in St. Gallen.

Die Ausstellung wird unterstützt von Pro Helvetia, der Schweizer Botschaft und dem Förderkreis der Kestner Gesellschaft.