Im Rahmen der CHINA TIME Hamburg hat das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) Künstler eingeladen, sich mit chinesischen Tuschetraditionen wie Tuschemalerei, Buchdruck und Steinabreibung und der Sammlung Ostasien des MKG auseinanderzusetzen. Das Print the Landscape Public Art Project sowie die Künstler Shan FanDagmar RauwaldLiu Ding, Yang Yongliang und Zhou Fei beleuchten in der Ausstellung Inky Bytes. Tuschespuren im Digitalzeitalter Aspekte der Digitalisierung und Urbanisierung, zwei Schwerpunktthemen der diesjährigen CHINA TIME Hamburg (1.–23.9.2018). Die digitalen Medien und Techniken stellen traditionelle Bildgebungsverfahren auf den Prüfstand und haben eine intensive Beschäftigung mit den traditionellen Künsten ausgelöst. Über die Hälfte der zeitgenössischen Positionen entstehen exklusiv für die Ausstellung im MKG. Sie spiegeln die Vielfalt künstlerischer Arbeitsprozesse im Umgang mit den Tuschetraditionen. Ein zentrales Thema ist die Stadt als Landschafts- und Lebensraum. So schaffen Künstler aus China und Hamburg ihre ganze eigene Lesart der Stadt Hamburg, indem sie die Keramik-Fliesen im St. Pauli Elbtunnel, Flutmarkierungen, Kirchenmauern, Stolpersteine und sogar Kanaldeckel mit Tusche auf Papier abreiben. Zu sehen sind neben Steinabreibungen u.a. Installationen, Malerei, Videos, Möbel, Gewänder, Holzdrucke, Plakate, Hängerollen und Porzellane. Über die künstlerischen Bezüge hinaus reflektiert die Ausstellung mit über 150 Exponaten, welche Wirkkraft die hochkarätige Sammlung historischer chinesischer Kunst im MKG, die einstmals als Vorbilder-Sammlung für Künstler und Kunsthandwerker diente, heute in der Stadt Hamburg hat und welche globale Perspektive sie entfalten kann. Das MKG versteht sich dabei als Schnittstelle, die Akteure der Kunstszene in Hamburg sowie zwischen Hamburg und China miteinander vernetzt. Zur Ausstellung erscheint Anfang Oktober ein Katalog in deutscher und englischer Sprache.

Print the Landscape Public Art Project (2017-2018): Das Zhejiang Art Museum initiiert 2017 in Hangzhou mit lokalen Künstlern das Print the Landscape Public Art Project. Das ca. 1.500 Jahre alte Reproduktionsverfahren der Steinabreibung wird genutzt, um Oberflächen von berühmten Felsen, Stelen und der Vegetation der Gartenstadt Hangzhou am Westsee abzudrucken. Unter der Leitung von Zhang Xiaofeng (China Academy of Art, Hangzhou) wird das Print the Landscape Public Art Project im Juli 2018 in Hamburg fortgesetzt. Chinesische und lokale Künstler nehmen gemeinsam Abreibungen von den Wandfliesen im St. Pauli Elbtunnel, von Flutmarkierungen in Övelgönne und von Bäumen an der Großen Moorweide. Ein Schwerpunkt der Hamburger Abreibungen sind Steine, die an das Schicksal der Hamburger Bevölkerung unter der Nazi-Diktatur erinnern. Durch Bomben beschädigte Mauern des St. Nikolai Mahnmals treffen hier auf Stolpersteine aus den Fußgängerzonen der Hansestadt. Die monochromen Steinabreibungen aus Hangzhou und Hamburg brechen mit der Ästhetik der digitalen Bilderflut. Sie lösen die Strukturen der Stadtlandschaften aus der durch unzählige Fotos vertrauten und dominanten Farbigkeit und ermöglichen einen frischen Blick auf scheinbar Vertrautes. Eine Auswahl der Werke aus beiden Städten wird zusammen mit einer VR(Virtual Reality)-Dokumentation der Aktionen präsentiert: das weltweit älteste Reproduktionsverfahren trifft hier auf aktuellste Filmtechnologie.

Shan Fan (*1959): Shan Fan, der seit 1984 zwischen Hangzhou und Hamburg pendelt, lebt die Beziehung Hamburg-China wie kein zweiter. Für das jüngste Werk Ting Yin – Ton hören (2018) macht der Künstler mit Hilfe von Mikrofonen hörbar, wie er Bambus im Wind mit Öl zu Papier bringt. Der performative Prozess der Pinselführung wird so nicht nur visuell, sondern auch akustisch wahrnehmbar. Die Ausstellung zeigt seine Serien Malerei der Langsamkeit (2014/2015) und Malerei des Augenblicks (2006–2008), in denen Shan Fan Bambus mit Öl, Tusche oder Bleistift wiedergibt, zusammen mit historischen Bambus-Darstellungen aus demLehrbuch der Malerei aus dem Senfkorngarten (Erstauflage 1697) und aus der Sammlung von Kalligrafien und Malereien aus der Zehnbambushalle (Erstauflage 1633). Deutlich tritt hier die gegenseitige Bedingtheit von Materialität und Zeitlichkeit hervor: Was mit Tusche in wenigen Sekunden auf dem Papier entsteht, braucht in Ölfarbe auf Leinwand Stunden. Das Motiv des Bambus ist eines der häufigsten Bildthemen der ostasiatischen Tuschemalerei. Bambus, der sich im Wind beugt, aber nicht bricht, gilt in Ostasien als Sinnbild für tugendhafte, anständige Menschen von geistiger Größe. Shan Fans Pinselspuren folgen nur scheinbar dem etablierten Bildkanon – was chinesisch anmutet, ist primär durch einen konzeptionellen und transkulturellen Ansatz geprägt. Deutlich wird dies auch in den gezeigten Videoinstallationen Entropie (2006) und Zerbrochener Spiegel – wieder ganz (2018).

Dagmar Rauwald (*1965): Die Hamburger Künstlerin Dagmar Rauwald reflektiert in ihrer partizipativ angelegten Installation das aktuelle Kunstschaffen und den Umgang mit Sammlungen chinesischer Kunst außerhalb Chinas. Im Raum für die Kunst der Ming-Dynastie (1368-1644) inszeniert sie rund um die Präsentation chinesischen Porzellans einen künstlerischen Chat mit dem Titel Fortläufigkeit (Ongoingness, 2018), in dem sie mit anderen Kunstschaffenden die historische Ostasien-Sammlung des MKG, ihre Herkunft und Präsentation diskutiert. Auch die Besucher können sich beteiligen. Der Chat nimmt zentrale Fragen auf, denen sich das MKG heute stellt: Welche Funktion haben Museen als Wissens- und Objektspeicher in Zeiten der Digitalisierung? Woher stammen die Objekte und wie gelangten sie in das Museum? Wie lassen sich digitale und reale Museumsbesuche besser miteinander verknüpfen? Wie lässt sich eine historische Sammlung chinesischer Kunst heute für die Weltöffentlichkeit sichtbar und erfahrbar machen?

Liu Ding (*1976) inszeniert den Raum für die Kunst der Qing-Dynastie (1616-1912) im MKG neu als Orchideenraum (The Orchid Room). Mit dem Thema der Orchidee setzt sich der Künstler zeitgleich auf der 2. Yinchuan Biennale (9.6.– 19.9.2018) auseinander, wo er Orchideen mit Werken der Gelehrtenkultur zusammenbringt. Damit bezieht er sich explizit auf den Orchideenraum im Zhongshan Park in Beijing, wo 1959 Orchideen aus Shanghai importiert und ungeachtet des ungeeigneten Klimas kultiviert werden. Die darin implizierte Kritik an der Mobilität von Kultur als einem Privileg der Elite wird im Orchideenraum in Hamburg aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Hier fokussiert Liu Ding stärker die Bedeutung der Orchidee in der Gelehrtenkultur. Die Pflanze steht ähnlich wie der Bambus für die edle Gesinnung, Erhabenheit und Zuverlässigkeit des chinesischen Gelehrten. Das Kopieren der tradierten Bildvorlagen mit Orchideen in Tusche dient also nicht nur der Schulung der Hand, sondern auch des Geistes. Die Gleichzeitigkeit und Verschiedenheit der beiden Orchideenräume in Yinchuan und in Hamburg stellt den Umgang, die Flexibilität und die Bedeutung von klassischem chinesischem Kulturgut in Frage.

Yang Yongliang (*1980): Yang Yongliangs Werke entstehen durch die Weiterverarbeitung von zahlreichen Digitalfotos, die er auf Spaziergängen durch seine Heimatstadt Shanghai aufnimmt. Das Video Aufziehender Nebel (Rising Mist, 2014) thematisiert die berühmte Leere ostasiatischer Tuschelandschaften, in denen Wasser und Nebel durch den unbemalten Bildgrund visualisiert werden. Gleichzeitig weist er aber auch auf ein gravierendes Problem chinesischer Großstädte hin: Der Smog sitzt häufig so dicht über Ballungszentren wie Beijing oder Shanghai, dass sie im weißlichen Dunst verschwinden. Dort wo einst Poeten und Maler Inspiration fanden, dominieren nun Baustellen, Industrieabfall und Hochhäuser den Blick. Yang Yongliang leistet hier eine ästhetisch wirkmächtige Kritik an der rasanten Urbanisierung und Industrialisierung Chinas auf Kosten der Natur. Die Ausstellung stellt seine Arbeit in Bezug zu zwei monumentalen Landschaftsdarstellungen: Sommerberge – Weite Ferne (1722) von Huang Ding und Reisende in den Bergen im Herbst (1742) von Yuan Yao. Im Vergleich mit den beiden historischen Arbeiten wird deutlich, wie Yang seine digital angefertigten Stadtansichten modular und mit Rückgriff auf materielle, formale und motivische Elemente des Malereikanons weiterverarbeitet. Er schafft eine Bildsprache, die mit etablierten Sehgewohnheiten arbeitet und diese gleichzeitig in Frage stellt.

Zhou Fei (*1971): Die Künstlerin projiziert in ihrer Arbeit Erzählungen eines Steins (2018) das Bild einer sich wandelnden und modernisierenden Stadt auf einen in Tusche gemalten Gelehrtenstein, der traditionell in privaten Gärten zu finden ist. Öffentlicher und nichtöffentlicher Raum verschmelzen in diesen übereinander geblendeten Ansichten. Das Motiv des ausdrucksstarken, naturbelassenen Steins in Kombination mit dem urbanen Thema schärft den Blick auf die zunehmende Verstädterung Chinas. In Lotos (2018), ihrer zweiten Bildprojektion auf eine unbemalte Hängerolle, zeigt die Medienkünstlerin das Auf- und Verblühen einer in Tusche gemalten Lotosblüte. Medium und Zeit einer chinesischen Tuschemalerei sind hier umgekehrt: Hält ein traditionelles Bild die verschiedenen Stadien einer Blume in einem Moment mit mehreren Blüten fest, wird diese Momentaufnahme von Zhou Fei in die Zeitlichkeit eines Videos übertragen.

Über die CHINA TIME HamburgDie CHINA TIME Hamburg ist eine Initiative des Hamburger Senats, mit der die Hansestadt seit 2006 ihre ausgewiesene Chinakompetenz alle zwei Jahre einem breiten Publikum präsentiert. Das Programm mit Veranstaltungen in den Bereichen Kunst und Kultur, Politik, Recht und Wirtschaft sowie Gesundheit und Bewegungskunst lässt die Besucher Interessantes aus dem Reich der Mitte sowie Hamburgs langjährige und enge Beziehungen zu China erfahren. Zahlreiche regionale und überregionale Institutionen, Unternehmen, Stiftungen, Initiativen, Vereine und Verbände beteiligen sich mit Vorträgen, Podiumsrunden, kulturellen Projekten und praktischen Angeboten. Die CHINA TIME ist die größte Veranstaltungsreihe mit Chinabezug in Deutschland. 2018 ist das Motto „Pulse of the City“, der Fokus liegt auf den Themen Urbanisierung, Stadtentwicklung, Zukunftstechnologien und Digitalisierung als Ausgangspunkt für gesellschaftlichen Wandel. Weitere Informationen unter http://chinatime.hamburg.de