Julius von Bismarck mit Richard Wilhelmer & Benjamin Maus, Disnovation.org, Ólafur Elíasson, Forensic Architecture, Juliane Herrmann, iocose, Felix Kubin, Olaf Metzel, Tony Oursler, Trevor Paglen, Michael Schirner, Andreas Slominski, Holger Wüst, Stefen Zillig

Mit Betreten des NRW-Forums verfolgen Suchscheinwerfer die Besucher auf Schritt und Tritt. „Highlighter“ ist eine Arbeit des dänisch/-isländische Konzeptkünstlers Ólafur Elíasson, der sich vornehmlich mit physikalischen Phänomenen in der Natur beschäftigt, und für seine spektakulären Installationen weltweit berühmt ist. Die Arbeit verbindet die verschiedenen Ausstellungsbereiche und erzeugt ein diffuses Gefühl von Paranoia.

Der Musiker, Komponist und Hörspielmacher Felix Kubin versieht die Ausstellung mit verstörenden Klangelementen, die ausgelöst werden, sobald man bestimmte Bereiche betritt. Die Arbeit kreiert eine verstörende Stimmung und stellt eine Erwartungshaltung her, die, wie Psychologie und Kognitionswissenschaft zeigen, maßgeblich daran beteiligt ist, was und wie wir wahrnehmen. 

Der amerikanischen Künstler Tony Oursler kreiert verwirrende Situationen und verwickelt die Betrachter in kleine Psychodramen. Mit seinen Videoprojektionen und multimedialen Installationen erforscht er die Auswirkungen der Technologie auf den menschlichen Geist und befragt Massenmedien in Beziehung zu psychologischen und sozialen Störungen. Oursler beschäftigt sich in seiner Arbeit immer wieder mit dem Okkulten und der Zauberei und sagt von sich selbst, dass seine Sammlung von Geisterfotografien zu den besten weltweit gehöre. 

Julius von Bismarck, gefeiert für seine raumgreifenden Installationen und Aktionen im Freien, lässt gemeinsam mit Richard Wilhelmer und Benjamin Maus einen Fake Star über dem NRW-Forum aufsteigen. Das neue Projekt untersucht auf poetische Weise die Auswirkungen des postfaktischen Zeitalters und unsere kollektive Wahrnehmung der Wahrheit. Der bisher unentdeckte neue Stern, der eigentlich ein Drache ist, wirft die Frage auf, ob die Behauptung eines Fake Stars automatisch die Wahrheit aller bisher als echt geltenden Sterne in Frage stellt. Die Lichtinstallation besteht aus einem Drachen, der je nach Windstärke vollautomatisch von einer computergesteuerten Bodenstation aus startet und landet. Er erhebt sich etwa 100 Meter hoch und trägt eine LED-Leuchte, deren Strom von einem kleinen Propellergenerator gespeist wird - einem "Sternenkraftwerk", das mit erneuerbaren Energien betrieben wird.

Disnovation.org ist ein Kollektiv aus Paris, bestehend aus Programmieren und Künstlern, gegründet von der Künstlerin und Designerin Maria Roszkowska zusammen mit dem Künstler Nicolas Maigret. Das Kollektiv zwischen Kunst, Forschung und Hacking hat es sich zur Aufgabe gemacht, Situationen zu erschaffen, die die herrschenden Diskurse über technologischen Fortschritt hinterfragen. Eigens für die Ausstellung programmieren sie einen Bot, der basierend auf aktuellen Diskussionen im Netz neue Verschwörungstheorien erfindet.

Die Künstlergruppe iocose nutzt Crowdsourcing (Auslagerung von Aufgaben an eine Gruppe von Internetnutzern), um Verschwörungstheorien zu entwickeln. Für die Serie „A crowded Apocalypse“ hat die Gruppe weltweit Menschen beauftragt, sich mit Plakaten und Pappschildern zu fotografieren, auf denen konspirative Thesen zu lesen sind, von denen jede nahezu bedeutungslos ist. Anders als bei Verschwörungstheorien eigentlich der Fall, entsteht die konspirative Narration beim Crowdsourcing nicht nur durch das eine Big Picture, sondern die Masse an Bildern. Die internationalen Künstler Matteo Cremonesi (IT), Filippo Cuttica (UK), Davide Prati (DE) and Paolo Ruffino (UK) arbeiten seit 2006 als iocose mit verschiedenen Medien, vor allem mit Websites, Videos und sozialen Netzwerken.

Das Kunst- und Rechercheinstitut Forensic Architecture ist dafür bekannt, mit architektonisch-forensischen Mitteln Kunst zu machen. Durch seine detaillierten und kritischen Untersuchungen zeigt Forensic Architecture, wie öffentliche Wahrheit produziert wird - technologisch, architektonisch und ästhetisch - und wie man damit kritisch, investigativ umgehen kann. Für die Arbeit „77qm_9:26“ haben sie zum NSU-Mord in Kassel recherchiert. Die Gruppe hat das komplette Internetcafé nachgebildet und Ungereimtheiten dokumentiert. Die Arbeit wird seit der Documenta vergangenen Jahres erstmals wieder in Deutschland gezeigt. Forensic Architecture hat ihren Sitz an der Goldsmiths University of London. 2010 von Prof. Eyal Weizman gegründet, besteht die Gruppe heute aus Architekten, Künstlern, Filmemachern, Journalisten, Softwareentwicklern, Wissenschaftlern, Juristen und einem ausgedehnten Netzwerk von Mitarbeitern aus den verschiedensten Bereichen und Disziplinen. 

Michael Schirner präsentiert sogenannte Digigraphien. Er manipuliert Bilder aus Archiven und verändert damit Momente der Weltgeschichte und des kollektiven Gedächtnisses, die bis heute von Verschwörungstheorien umweht sind. Entscheidende Personen retuschiert er komplett aus den Bildern, wie beispielsweise Uwe Barschel aus der Badewanne im Hotel in Genf. Dadurch zwingt er den Betrachter, das Abwesende zu imaginieren, und je imaginärer etwas ist, desto intensiver ist die Imagination. 

Die Dokumentarfotografin und Filmemacherin Juliane Herrmann öffnet für die Serie “Man among Men” die Türen in eine Welt, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleibt: die der Freimaurer. Fünf Jahre lang hat sie Freimaurer weltweit dokumentiert und dabei den Fokus auf die Frage gerichtet, was Menschen heute zu der geschlossenen Gesellschaft hinzieht. Ihre Antwort: die Suche nach einem Gefühl von Identität und Zugehörigkeit. Neben Interieurs der Logenräume porträtiert sie Mitglieder, rituelle Stillleben sowie die alltäglichen Kulissen des Lebens in den Logen.

Holger Wüst beschäftigt sich in seinen Werken mit politischen und gesellschaftlichen Themen, die er in großformatigen Collagen aus Fotos dokumentiert. Oft setzt er sich mit geschichtsphilosophischen Fragen und Utopien der Revolution auseinander. Seine neue Arbeit „Ideologiekritische Studien“ ist eine Fotomontage, die Hörsaalgebäude mit diversen Diskussions- und Austauschgruppen aus den sozialen Netzwerken verbindet.

Der Künstler Andreas Slominski ist bekannt für seine Fallen-Objekte, die oft aus banalen Alltagsobjekten bestehen, und seine scheinbar absurden Aktionen. Der Künstler, der durch Tarnung und Täuschung Irritationen in der scheinbaren Harmlosigkeit von Information und Dingen aufdeckt, schleust ins NRW-Forum eine Banane ein, die, so seine Behauptung, mit dem Urin des Kurators präpariert ist. Ob sie es wirklich ist, oder nur eine weitverbreitete Paranoia vor verunreinigtem Essen bedient, bleibt unklar.

Der Bildhauer und Objektkünstler Olaf Metzel gilt mit seinen performativen Skulpturen als streitbar, provokant und immer politisch. Eine große Installation in Form einer Blechskulptur reflektiert das Deutungsmonopol der Medien und deren Bilderwelten. 

Trevor Paglen ist ein US-amerikanischer Künstler, dessen Arbeiten sich hauptsächlich mit Militär und Geheimdiensten der USA beschäftigen. Trevor Paglen widmet sich hochbrisanten aktuellen Themen und erregt damit große Aufmerksamkeit in den Medien. Im NRW-Forum präsentiert er eine Arbeit in Form einer Liste mit den Namen militärischer Organisationen von 2001 bis heute, die als „Top Secret“ klassifiziert sind. 

Steffen Zillig präsentiert mit der Arbeit „Geordneter Rückzug“ die Geschichte einer Geheimgesellschaft und deren Plan einer organisierten Flucht von der Erde. Auf 18 Bildern erzählen Comics im Stil der 1970er Jahre vom Scheitern einst aufklärerischer Ideale und davon, wie die Angst um den Verlust gesellschaftlicher Errungenschaften umschlägt in elitäre Isolation und verschwörerische Weltflucht.  

Die Ausstellung wird kuratiert von Florian Waldvogel in Zusammenarbeit mit Alain Bieber. Florian Waldvogel (*1969) war zuletzt Direktor des Kunstvereins Hamburg (2009-2013), wo er unter anderem Ausstellungen von John Bock oder Tobias Zielony kuratierte. Zuvor (2006 bis 2008) war er unter Nicolas Schafhausen als Kurator am Witte de With – Center for Contemporary Art in Rotterdam tätig. 2015 wurde er an der Hochschule für bildende Künste Hamburg zur Ausstellungspraxis von Kasper König promoviert, dessen Meisterschüler und Assistent er Ende der 90er Jahre an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule war.   

Es erscheint ein Katalog im Kettler Verlag mit interdisziplinären Beiträgen unter anderem von Florian Waldvogel, Dr. Margarete Jäger, Günther Jacob, Birte Mühlhoff, Karl Hepfer, Tom Kummer, Bernard Williams und Textauszügen von Michel Foucault, Umberto Eco und Hannah Arendt. Der Reader belgeitet die Ausstellung mit philosophischen, künstlerischen, sprachwissenschaftlichen, psychologischen und soziologischen Betrachtungen zum Thema (ca. 300 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-86206-712-1).

Michael Schirner, BYE BYE, GEN87, 2002 – 2011, Digigraphie by Epson
21.09. - 18.11.2018

Im Zweifel für den Zweifel: Die große Weltverschwörung

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