Almost Alive – „fast lebendig“ erscheinen die Skulpturen, die von den wichtigsten internationalen Vertretern des Hyperrealismus erschaffen wurden. Die Kunsthalle Tübingen hat über dreißig Werke in einer fulminanten Schau versammelt und gibt damit erstmals einen Überblick über die Entwicklung dieser Skulpturengattung im 20. und 21. Jahrhundert. Dieser reicht von den späten 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Sie ist damit die erste Ausstellung weltweit zur Entwicklung dieser Skulpturengattung im 20. und 21. Jahrhundert.

Ein besonderes Augenmerk legt die in einer Kooperation zwischen der Kunsthalle Tübingen und dem Institut für Kulturaustausch Tübingen entwickelte Skulpturenschau (Kuratoren: Nicole Fritz und Otto Letze) auf den kulturwissenschaftlichen Kontext der Fragestellung. So zeigt sie, dass die Darstellungen menschlicher Körperlichkeit stets vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst wurden und rückblickend als Spiegel zeitgebundener Körperkonzepte gelesen werden können.

Während die Pioniere der hyperrealistischen Kunst in den 1960er Jahren den Körper als Produkt der Massengesellschaft vornehmlich als politisch-sozialen Körper in den Blick nahmen, tritt mit der Postmoderne in den 1980er Jahren der Körper als mentaler und emotionaler Resonanzraum in den Fokus. Künstler wie Marc Sijan, Sam Jinks oder Ron Mueck spiegeln in ihren veristischen, also wirklichkeitsgetreuen Skulpturen den Gegenwartsmenschen in seelischen Ausnahmezuständen und intimen existentiellen Momenten. Als Gegenbewegung zu den in den Medien massenhaft verbreiteten Bildern perfekt gestylter Körper thematisieren Gegenwartskünstler*innen heute verstärkt auch tabuisierte und ausgegrenzte Aspekte von Leiblichkeit. So stellen Robert Gober, Berlinde De Bruyckere oder Maurizio Cattelan den menschlichen Körper in ihren Werken fragmentiert und deformiert als verletzten Körper dar. Werke von Evan Penny, Tony Matelli oder Patricia Piccinini führen darüber hinaus auf verstörende Art und Weise vor Augen, dass die Grenzen zwischen dem menschlichen Körper und der Technik mittlerweile fließend und der Mensch im post-humanen Zeitalter in seiner jetzigen Gestalt selbst manipulierbar geworden sind.

Die über dreißig ausgestellten Skulpturen aus der ganzen Welt (USA, Kanada, Australien, Schottland, Italien, Spanien, Belgien u.a.) faszinieren nicht nur in ihrem veristischen Realitätsgehalt und ihrer handwerklichen Präzision. Sie zielen nicht zuletzt auf den Betrachter, um uns unsere voyeuristischen mediengesteuertes Rezeptionsverhalten und die Verletzlichkeit und Fragilität des eigenen Körpers bewusst zu machen.

Im Rahmenprogramm zur Ausstellung bringen wir in einer Abendveranstaltung Künstler, Politiker und Vertreter des entstehenden Cyber-Valleys in Tübingen zusammen und erweitern den Resonanzraum der Skulpturen durch Musik und einer Poetry-Slam Veranstaltung.