Wie kann es sein, dass ein T-Shirt heute weniger kostet als ein großer Kaffee, ein Kleid so viel wie ein Eisbecher, eine Hose so viel wie ein Kinoticket? Und was erzählt der Preis über das Leben der Menschen, die diese Kleidung herstellen? Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der globalen Textilindustrie und will dazu anregen, sich engagiert mit dem Thema Mode-Konsum und seinen sozialen und ökologischen Folgen zu beschäftigen. Konzipiert wurde die Ausstellung im Jahre 2015 vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg vor dem Hintergrund der Großbrände in Textilfabriken in Pakistan und Bangladesch. Erst der Tod Hunderter Menschen lenkte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die problematischen Arbeitsbedingungen, unter denen ein großer Teil unserer Mode in Billiglohnländern entsteht.

Wie der Name sagt, ist Fast Fashion eine geradezu rasend schnelle Mode: Vom Entwurf bis zur Auslieferung des Produkts müssen heute nicht einmal mehr zwei Wochen vergehen. Und so schnell Entwurf, Produktion und Handel, so rasch Gebrauch und Verschleiß – Billigmode heizt den Textilkonsum an und hat einen neuen Typus des schnellen Modekonsumenten hervorgebracht.

Ökonomisch betrachtet, ist Fast Fashion ein Erfolgsmodell global agierender Konzerne und ermöglicht enorme Profite. Doch die sind oft nur möglich, weil sie zu Lasten der Menschen in den Produktionsländern gehen – hergestellt unter teilweise unwürdigen Arbeitsbedingungen, mit Löhnen unterhalb des Existenzminimums und einer denkbar schlechten Umweltbilanz. Auf deranderen Seite leistet die Textilindustrie in vielen Ländern „Pionierarbeit“: Sie gibt vielen Menschenohne Ausbildung Arbeit und Einkommen und zieht weitere Branchen nach.

Als Gegenmodell zur Fast Fashion gewinnt die Slow Fashion-Bewegung zunehmend an Bedeutung. Produzenten und Konsumenten bemühen sich hier um mehr Verantwortung und Respekt gegenüber Menschen, Rohstoffen und Umwelt. Doch es geht nicht allein um die schonende Herstellung und Auswahl von teilweise äußerst seltenen und kostbaren Rohstoffen, um ihre kunstfertige Verarbeitung, um faire Entlohnung und fairen Handel. Es geht auch um kulturelle Identitäten und indigene Traditionen, um selten gewordene Handwerkskunst und um alternative Ansätze für ein sozial nachhaltiges Wirtschaften.

Die Ausstellung bringt Fast und Slow Fashion zusammen. Der vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zusammengestellte erste Teil des Ausstellungsparcours gliedert den Themenkomplex Fast Fashion in mehrere Stationen. Fashion & Victims stellt die Welten der Textilarbeiter in den Billiglohnländer und die Welt der Schnäppchenjäger unserer Überflussgesellschaft vor. Global & Lokal zeigt die Herstellungsschritte für ein Produkt und die Kette der Länder, die daran beteiligt sind. Mangel & Überfluss folgt der Spur unserer abgelegten Mode auf die Altkleidermärkte Haitis und Afrikas. Lohn & Gewinn beleuchtet die Diskrepanz von Mindestlohn und Existenzlohn und die prekäre Situation der Textilarbeiter beispielsweise in der Türkei, in Bulgarien und Marokko. Chemikalien & ökologischer Fußabdruck informiert darüber, was wir auf der Haut tragen: Kleidung, die unter Einsatz von bis zu 7000 Chemikalien und lebensgefährlichen Pestiziden hergestellt wird.

Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode stellt neben Beispielen aus unterschiedlichen Modesegmenten neun zeitgenössische künstlerische Positionen unterschiedlicher Genres vor, die sich kritisch mit Fast Fashion und ihren Folgen auseinander setzen. Auf diese Weise ergänzen sich wissenschaftliche Recherchen, dokumentarisches Material und künstlerische Reflexion. Es werden Arbeiten aus den Bereichen Fotografie, Film- und Videokunst gezeigt.

Der zweite Teil der Ausstellung zum Themenkomplex Slow Fashion ist aus den Sammlungsobjekten des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt zusammengestellt: Es geht um Mode, die Tradition und Gegenwart textilen Gestaltens ausgewählter Herkunftsregionen repräsentiert, zugleich um alternative Materialien und umweltschonende Herstellungsprozesse. Diese Mode erfreut sich einer wachsenden kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Beachtung: Kantha-Stickereien aus Nordindien und Bangladesch; Alpaka-Designs aus Chile; der „langsamste Stoff der Welt“ – IKAT aus Ost-Indonesien; Bilum- Kleidung aus Papua Neuguinea; Lotos-Seide aus Myanmar; Brokat-Webereien aus Thailand;Batik-Arbeiten aus Indonesien; Rindenbast-Textilien aus Uganda, Faso Dan Fani aus Burkina Faso.

Der Parcours führt die Besucher durch den gesamten Konsumprozess vom Laufsteg über Fotostudio, vom Schaufenster bis zur Umkleidekabine. Videoinstallationen und Fotowände von diversen Künstlern, Infografiken und Schautafeln zusammengestellt von Wissenschaftlern, Umweltschützern, Designern und Medienexperten – und natürlich Mode-Artikel geben einen ebenso aufklärenden wie anschaulichen Einblick in die Schnelllebigkeit des Geschäfts, in die globale Vernetzung der Branche, in die Lebensverhältnisse der Textilarbeiter einerseits und in die Kaufhaltung der Textilkonsumenten andererseits. Ein Katalog bündelt 30 Fachessays über ökologische, ökonomische, ethische, soziale und gestalterische Zusammenhänge.

Begleitet wird Fast Fashion von einem Veranstaltungsprogramm, das die „Fair Trade City“ Köln inbesonderer Weise einbezieht, das sind Modeschaffende und Händler, Produzenten und Konsumenten, Künstler, Schulen und Hochschulen, die sich für einen fairen Modekonsum engagieren. So befassen sich die Studenten der ecosign / Akademie für Gestaltung mit den Auswirkungen von Fast-Fashion-Unternehmensstrategien. In Kooperation mit dem Museum, sollen aus vorgegebenen Materialien – im Fokus stehen dabei indigenes Handwerk und traditionelle Stoffe – freie Arbeiten entstehen. Ziel ist eine Transferleistung zwischen Material und technischen Fähigkeiten auf der einen und nachhaltiges gestalterisches Know-how auf der anderen Seite. Die Ergebnisse werden im Slow Fashion-Bereich der Ausstellung zu sehen sein.

Der gemeinnützige Bonner Frauenverein Femnet e.V. setzt sich seit über zehn Jahren politisch und finanziell für die Rechte von Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie ein. Femnet porträtiert neun Näherinnen aus Bangladesch und Kambodscha, die von ihrem Alltag und von ihrem Engagement als Gewerkschafterinnen für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilbranche erzählen.

Im Rahmen einer Kooperation mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum und dem Museumsdienst der Stadt Köln befassen sich die Schüler der Internationalen Friedensschule Köln gGmbH mit den Problemfeldern in der Produktionskette von Textilien. Eine fächerübergreifende Zusammenarbeit verschiedener Klassen ermöglicht die Präsentation der Wertschöpfungskette aus der Perspektive der Schüler mit dem Ziel, Alternativen aufzuzeigen und insbesondere andere junge Menschen für einen nachhaltigeren Umgang mit natürlichen Ressourcen zu sensibilisieren.

Auch das gemeinnützige Kölner KUNSTHAUS KAT18 konnte für die Mitwirkung an der Gestaltung der Ausstellung gewonnen werden. In der Ateliergemeinschaft arbeiten derzeit 24 Künstler mit Behinderung.

Modeschauen geben den Besuchern Einblick über Kölner Fair-Trade-Labels und Designer. Monatliche Thementage widmen sich insbesondere der Slow Fashion aus ausgewählten Regionen. Auf Tauschbörsen können sich die Besucher mit Weihnachtsgeschenken oder Karnevalskostümen versehen; Vorträge, Filme und Podiumsdiskussionen lassen Designer und Hersteller, Händler und Non-Governmental-Organisationen zu aktuellen sozialen und politischen Entwicklungen zu Wort kommen.

Key Visual © RJM 2018
12.10.2018 - 24.02.2019

Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode

Rautenstrauch-Joest-Museum

Cäcilienstraße 29-33
50667 Köln