»Das darf man einfach nicht verpassen. Man muss die Japaner einfach gesehen haben. Kommen Sie so schnell Sie können.«Mary Cassatt an Berthe Morisot

Mit seinem diesjährigen Ausstellungshöhepunkt »Im Japanfieber. Von Monet bis Manga« widmet sich das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Zusammenarbeit mit dem museé des impressionismes in Giverny dem gewaltigen Einfluss Japans auf die westliche Kunst von den Impressionisten bis in unsere Gegenwart.

»Dieses Japanfieber zeigen die hinreißenden Meisterwerke der berühmten französischen Impressionisten wie Monet, Signac, Seurat oder van Gogh, die wir dank internationaler Leihgaben und der hervorragenden Bestände der Sammlung Rau für UNICEF in Remagen präsentieren können«, so Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. Und weiter: »Die Begegnung mit Japan bildet eine entscheidende Triebfeder des Impressionismus, den die Ausstellung in seiner Blütezeit von 1870 bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts in der Kunstkammer Rau unter dem Aspekt des Japonismus beleuchtet. In einem zweiten Ausstellungsteil, der nur in Rolandseck gezeigt wird, verfolgen wir das vielschichtige und spannende Phänomen sogar noch weiter bis in die Gegenwart. Denn das Japanfieber ist bis jetzt nicht abgeklungen, sondern inzwischen zu einem festen Bestandteil unserer visuellen Alltags- und Populärkultur geworden.»

»Vielfältige kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Brücken verbinden heute Deutschland und Japan», fügt der rheinland-pfälzische Kulturminister Prof. Dr. Konrad Wolf hinzu. Er fährt fort: »Zahlreiche deutsch-japanische Gesellschaften, bilaterale Hochschulkooperationen, Städte- und Länderpartnerschaften sowie japanische Hoch- technologiekomponenten in deutschen Produkten zeugen von diesem fruchtbaren Austausch. Erst im März diesen Jahres haben wir die höchste kulturelle Auszeichnung des Landes Rheinland-Pfalz, die Carl-Zuckmayer-Medaille, an die deutsch-japanische Schriftstellerin Yoko Tawada verliehen. In diesem Sinne wünschen wir der Ausstellung, dass Sie erfolgreich das Freundschaftsband zwischen unseren beiden Ländern weiter verstärkt, damit wir miteinander weiter wachsen können.«

Die Sammlung Claude Monets und der Japonismus
Das Fundament der Ausstellung bilden die japanischen Farbholzschnitte aus der Sammlung Claude Monets – einem der frühesten und wichtigsten Sammler japanischer Grafik im 19. Jahrhundert. Die Werke, die in seinem Wohnhaus in Giverny dauerhaft gezeigt werden, sind nun im Arp Museum Bahnhof Rolandseck erstmals in einem größeren Konvolut außerhalb Frankreichs zu sehen. Sie zeugen von der großen Wirkungsmacht, mit der die japanische Kunst die europäischen Künstlerinnen und Künstler des späten 19. Jahrhunderts inspirierte.

Mit Beginn der Meiji-Zeit (1868 – 1912), die sich 2018 zum 150. Mal jährt, öffnete sich Japan nach fast zwei Jahrhunderten der weitgehenden Isolation gegenüber der westlichen Welt. Neben den neuen Beziehungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zwischen Japan und dem Westen blieben auch die europäische Kunstszene sowie der Kunstmarkt von der Öffnung Japans nicht unbeeinflusst. An den großen Weltausstellungen in Wien (1873) und in Paris (1878) nahm die Meiji-Regierung aktiv teil, um neue Märkte für japanische Kunst und Kunsthandwerk zu erschließen. Schon 1872 führte der Kunstkritiker Philippe Burty denBegriff des Japonismus ein, als er eine Reihe von Artikeln für die Zeitung La Renaissance littéraire et artistique verfasste.

Der Einfluss Japans eroberte alle Bereiche des künstlerischen Schaffens, von der Architektur über das Möbeldesign, die Literatur und die Oper bis hin zur Gartengestaltung. In der westlichen Malerei löste dies eine wahre ästhetische Revolution aus. Künstler wie Monet, Signac oder van Gogh fühlten sich angezogen von den leuchtenden Farben, der Flächigkeit und den gewagten Perspektiven der japanischen Farbholzschnitte, beispielsweise von Hiroshige oder Hokusai.

Das Ausstellungskonzept
In der Kunstkammer Rau präsentieren drei Ausstellungskapitel den Japonismus in Europa von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert. Diese orientieren sich an der Idee von Marina Ferretti (führende Japonismus-Expertin und wissenschaftliche Leitung des musée des impressionismes in Giverny) und werden in Rolandseck von Dr. Susanne Blöcker fortgeführt und kreativ ergänzt. Im Zentrum dieses Ausstellungsteils stehen Atelieransichten impressionistischer Künstlerinnen und Künstler mit ihren Sammlungen japanischer Kunst. Davon ausgehend wird der Japonismus in zwei wichtigen Facetten vorgestellt: Er wirkt nach innen wie nach außen –verwandelt europäische Modelle in sinnlich-exotische Geishas und verändert den Blick auf und in die Natur. Das Arp Museum greift dabei nicht nur auf 47 hochkarätige und internationale Leihgaben japanischer und impressionistischer Kunst zurück, sondern schöpft ebenfalls aus den in der Sammlung Rau für UNICEF versammelten Meisterwerken.

Dass der Japonismus bis in die Gegenwart die westliche Kultur inspiriert, legt der zweite von Astrid von Asten kuratierte Ausstellungsteil »Japonismus: (K)eine Frage des Jahrhunderts?!« dar. Er wird exklusiv in Rolandseck gezeigt. In den historischen Räumen des Bahnhofs werden in einer auf Partizipation der Besucherinnen und Besucher angelegten Präsentation die aktuellen Inspirationen Japans – Manga, Anime-Filme und Cosplay (Costumeplay) – im Widerhall unserer europäischen Kultur dargestellt.

Japonismus und Impressionismus
Beginnend in der Kunstkammer Rau zeugen Atelier- und Interieuransichten von James Ensor bis zu Félix Vallotton im Verbund mit den japanischen Farbholzschnitten Claude Monets vom »Japanfieber« in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Gemälde belegen, dass der japanische Holzschnitt in dieser Zeit fast selbstverständlich in jedem Künstleratelier präsent ist und sie geben uns Auskunft über die privaten Sammlungen der Künstlerinnen und Künstler. Auch Félix Vallottons Gemälde »Max Rodrigues-Henriques im Atelier seines Stiefvaters Félix Vallotton«, 1900, zeigt im Hintergrund zwei Werke des japanischen Künstlers Kitagawa Utamaro. Die japanische Grafik, Fächer, Paravents oder Buddhaskulpturen bezogen viele der Künstlerinnen und Künstler bei Tadamasa Hayashi und Siegfried Bing, den führenden Pariser Händlern und Importeuren dieser Werke.

Der zweite große Themenkomplex in der Ausstellung behandelt das Thema der »Geisha«. Es wurde durch die Farbholzschnitte Kitagawa Utamaros und eine Monographie von Edmond de Goncourt von 1891 in Frankreich popularisiert. Die Geisha steht für sinnliche Exotik, Eleganz und Verführung. Künstler wie Signac oder Chase kleiden ihre Modelle in Kimonos und umgeben sie mit japanischen Accessoires wie Fächern, Schirmen oder Paravents sowie mit japanischem Porzellan.

Der Fächer als Medium findet ebenso das besondere Interesse der Impressionisten, darunter De Nittis, Signac und Bonnard. Er stellt eine Möglichkeit dar, die Kunst – ganz im Sinne der Japaner – in das alltägliche Leben zu integrieren.

Der dritte Ausstellungsteil in der Kunstkammer Rau widmet sich dem »veränderten Blick« und der Revolution des Sehens, die durch die japanischen Werke bei den westlichen Künstlerinnen und Künstlern ausgelöst wurden. Sie übernehmen die lebendigen Farben sowie die ungewohnte, oft asymmetrische und schräge Komposition der japanischen Farbholzschnitte und setzen diese neue Bildsprache mit Modernität gleich. Gewagte Naturausschnitte, hohe Horizonte und die überraschende Unmittelbarkeit des Augenblicks lassen Perspektive und Symmetrie nahezu vergessen. Monet konzentriert sich auf die Schönheit des Details und lässt im momenthaften Eindruck seines Gartens Himmels- und Wasserreflexe ineinander fließen. Die Landschaften von Seurat und Signac dehnen sich in pointillistischen Farbflächen teppichartig aus. Van Gogh verwendet in seinen Stillleben unschattierte Farbflächen und reine Farben.

Manga, Anime und Cosplay
Auf der Ausstellungsetage des historischen Bahnhofs Rolandseck verdeutlicht ein zweiter interaktiver Ausstellungsteil das ungebrochene Interesse an der japanischen Kultur bis heute. Inzwischen sind ihre Einflüsse und Inspirationen zu einem festen Bestandteil unserer deutschen und europäischen Alltagskultur geworden. Hierzu haben insbesonderejapanische Comics – sogenannte ,Manga‘ – beigetragen, die ihrerseits in der Tradition der Werke Hokusais und weiterer Holzschnittkünstler stehen. Eine große Auswahl an Manga von japanischen (KeiIshiyama, Nagabe, u.a.) und deutschen Zeichnern und Zeichnerinnen (u.a. Nana-Yaa, Sophie Schönhammer & Anna Backhausen, Ban und Gin Zarbo, Christina S. Zhu u.a.) der bekannten Verlage KAZÉ oder TOKYOPOP vergegenwärtigen uns die vielfältige Welt der durch Japan inspirierten Bildergeschichten, die auch schon die impressionistischen Künstler faszinierten. Eine Lese-Lounge lädt dazu ein, sich in aktuelle Mangaproduktionen zu vertiefen.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die für Japan typischen Zeichentrickfilme, Anime. Zu den bekanntesten und innovativsten japanischen Trickfilmstudios zählt das Studio Ghibli, das mit aufwendig und hochwertig produzierten Filmen wie Prinzessin Mononoke, Mein Nachbar Totoro oder Chihiros Reise ins Zauberland die Kinosäle in Deutschland füllte. Kaum jemand weiß jedoch, dass die Zeichentrickserien Heidi und Biene Maja in den 1970er Jahren ebenfalls (deutsch-) japanische Produktionen waren, die somit das Bild unserer Kindheits- helden entscheidend prägten. Isao Takahato und Hayao Miyazaki (zwei der späteren Gründer des Studio Ghibli) führten bei diesen Serien Regie. Sowohl die frühen, einfachen Serienproduktionen wie die kunstvollen Kinofilme werden innerhalb der Ausstellung zu sehen sein.

Ein besonderes Highlight bildet in diesem Kontext der spektakuläre Animationsfilm Miss Hokusai (Production I.G / KAZÉ), der 2016 auch in Deutschland erfolgreich gezeigt wurde. Der Film von Keiichi Hara würdigt darin das künstlerische Schaffen von O-Ei, der Tochter Hokusais, die – der klassischen Rollenverteilung in Japan folgend – immer im Schatten des berühmten Vaters stand. Da beide häufig auch gemeinsam arbeiteten, lassen sich in kunstvoll animierten Sequenzen zahlreiche klassische Holzschnittmotive aus dem Schaffen Hokusais wiederentdecken, die die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung aus der Präsentation in der Kunstkammer Rau noch bildhaft vor Augen haben.

Viele der heutigen Animefilme bewegen sich im Fantasygenre und bilden wie zahlreiche Mangafiguren den Ausgangspunkt für die Entwicklung des Cosplay (Costumeplay): Jugendliche und junge Erwachsene nähen und gestalten aufwändige und detailreiche Kostüme, um sich in ihre Lieblingscharaktere aus Manga und Anime zu verwandeln. Auf Cosplay-Events werden diese dann zum Leben erweckt und für Fotos inszeniert. In Interviews erläutern in der Ausstellung bekannte deutsche Cosplayer ihre Faszination und Hintergründe zum Phänomen. Kunst und Alltag werden durch die modernen Kultur- einflüsse Japans intensiv miteinander verwoben. Dieser Ausstellungsteil lädt dazu ein, das ursprünglich japanische Phänomen selbst zu erleben. So bieten Cosplay-Kostüme (Pikachu, Totoro, Sailor Moon, Dragon Ball Z u. w.) die Möglichkeit, in unterschiedlichen Foto-Settings in eine fremde Welt einzutauchen, dies im Medium eines Selfies oder Porträtfotos festzuhalten und die Aufnahme über soziale Medien unmittelbar zu verbreiten.

Eine Verfolgungsjagd und japanische Gartenkunst
Als Verbindung zwischen dem historischen Ausstellungsteil in der Kunstkammer Rau und dem zeitgenössischen Japan-Boom im Bahnhof hat die bekannte ZeichnerinPummelpanda eigens für das Arp Museum eine Magical Girl-Geschichte entworfen. Sie inszeniert ihre Heldin im Kontext einer spannenden Verfolgungsjagd, die sich als Bildergeschichte auf den Wänden im Tunnel zwischen dem Neubau von Richard Meier und dem historischen Bahnhof entfaltet.

Als Gartenkunst-Projekt im Rahmen der Ausstellung lädt zum Abschluss vor dem Museum ein einzigartiger japanischer Felsengarten, entworfen von dem international renommierten und von Japan inspirierten Gartendesigner Peter Berg, die Besucherinnen und Besucher dazu ein zu verweilen und die Eindrücke einer Ausstellung, die mit dem Thema des Japonismus nicht nur kulturelle Brücken über Ländergrenzen sondern auch über Generationen hinweg schlägt, in der ästhetisch gestalteten Natur und mit Blick auf das wunderbare Rheinpanorama Revue passieren zu lassen.

Der Ausstellungskatalog erscheint im Verlag Gallimard, Paris und kostet 29,- Euro.