Das Georg Kolbe Museum widmet seine diesjährige Herbstausstellung den zarten Männern in der Skulptur der Moderne mit rund 80 Plastiken u. a. von Adolf von Hildebrand, George Minne, Hermann Blumenthal, Wilhelm Lehmbruck, Georg Kolbe und Gerhard Marcks. Die Ausstellung findet zum Gedenken an die Errungenschaften der ersten deutschen Republik anlässlich des Themenwinters „100 Jahre Revolution ? Berlin 1918|19“ statt.

In auffallender Vielzahl bearbeiteten die Bildhauer am Beginn des 20. Jahrhunderts den Topos des unversehrten, aber verletzlichen Jünglings. In einem Umfeld des kriegerisch-militanten Selbstbewusstseins der späten Kaiserzeit und noch junger Demokratiebewegungen suchten die vorwiegend männlichen Künstler nach Verfeinerung von Körper und Geist. Der Kult um die Jugend, der sowohl in militanten wie in pazifistischen Kreisen in der Zeit um 1900 blühte, beflügelte dieses Ideal des zarten Mannes. In den literarischen Figuren von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Georg Trakl oder im Kreis um Stefan George finden sich in der Literatur zahlreiche Parallelen zu diesen ungewöhnlich sanften Männerbildern. Die Konzeption eines empfindsamen männlichen Körperideals erscheint als bewusste Gegenbewegung zu den heroisch-starken Männerbildern der Zeit.

Bereits im späten 18. Jahrhundert kam es mit der Klassik zu einer Rückbesinnung auf die Antike und die Plastik der Renaissance. Bildnisse von Amor, Narziss, Pygmalion oder Ganymed als zarte Jünglingsfiguren erfreuten sich großer Beliebtheit in öffentlichen und vor allem auch privaten Skulpturensammlungen. Die moderne Skulptur löste sich jedoch von solchen narrativen Zusammenhängen und bot offener als zuvor Menschenleiber, die von einem inneren wie äußeren Begehren durchdrungen sind. Die zarten Männer von Hildebrand, Minne und vielen ihrer Zeitgenossen versinnbildlichen ein Erwachen, begegnen jedoch ebenso einem virulenten Zweifel an ihrer Zeit. Georg Kolbes Denkmalsentwürfe zum Ersten Weltkrieg zeigen nicht Krieg und Verwüstung, prangern nicht das Elend an, sondern würdigen die in der Realität oftmals noch fast jugendlichen Opfer und bieten ihren trauernden Familien Andachtsbilder von überirdischer Schönheit. In den 1920er-Jahren öffnete die Darstellung von zarten, hochsensitiven Männerkörpern eine neue Geschlechtlichkeit jenseits tradierter Lebensentwürfe und Rollenzuweisungen. In der noch jungen Demokratie kulminierte dieses lebensbejahend pluralistische Lebensgefühl vor allem in Künstlerkreisen, das mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem harschen Regime der Nationalsozialisten ein jähes Ende fand. Mit Werken von Hermann Blumenthal, Joachim Karsch, Gerhard Marcks oder Renée Sintenis formierte sich eine neuere Bildhauerei, die das Verletzliche, teils innerlich wie äußerlich Verletzte, in ihren sanften Körperkonzeptionen mitdachte. Erschütternd sind die Beispiele aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der die geforderte Weltordnung endgültig keinen Platz mehr für die Zögerlichen, die Zaudernden und die Zweifler vorsah.

Die Ausstellung umfasst rund 80 Werke von Bildhauern aus drei Generationen. Die darin vermittelten Männerbilder stehen teils in herbem Widerspruch zur äußeren Wirklichkeit und ihrer kanonisierten Geschichtsschreibung, gleichzeitig zeigen sie die Vielfalt moderner Geschlechterrollen, die Ausdruck einer bis heute aktuellen Emanzipationsgeschichte sind.

Gerhard Marcks_ Johannes, 1936_Gerhard-Marcks-Haus Bremen
19.09.2018 - 03.02.2019

Zarte Männer in der Skulptur der Moderne

Georg Kolbe Museum

Sensburger Allee 25
14055 Berlin