Dachkonstruktionen sind versteckte Meisterwerke der Architektur. Die Baumeister konnten nur das planen, was von den Zimmerleuten auch zu überdachen war. So sind die Dächer ein Spiegelbild der technischen Leistungsfähigkeit und ein stadtgeschichtliches Zeugnis von erstaunlicher Aussagekraft. Fast alle historischen Dächer wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. In großmaß- stäblichen Modellen rekonstruiert die Ausstellung die historische Dachlandschaft Münchens.

Die Modelle sind jüngst im Rahmen einer Dissertation am Lehrstuhl für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege der Technischen Universität München entstanden. Sie beruhen auf der wissenschaftlichen Auswertung archivalischer Quellen und historischer Planzeichnungen. In der Regel rekonstruieren sie den bauzeitlichen Zustand im Maßstab 1:20. Zur Auswahl sind zwölf Bauwerke gekommen, mit denen die technischen Spitzenleistungen in den Fokus zu nehmen sind.

Bei der Peterskirche als der ältesten Pfarrei der Stadt treffen zwei jeweils zeittypische Konstruktions- weisen unmittelbar aufeinander: Das mittelalterliche Dachwerk über dem Kirchenschiff (nach 1327) und das Dach über dem barocken Chorhaus, das um 1630 mit damals modernen Bindern gesichert wurde. Sozusagen unter einem Dach wird eine Entwicklung anschaulich, die für den süddeutschen Raum allgemeingültig ist.

Die von Zerstörungen verschonte Wallfahrtskirche St. Mariae Himmelfahrt in Ramersdorf bietet den Glücksfall, die Analyse aus dem Bestand ableiten zu können. Die heute noch tragende Dachkonstruktion war in den Jahren um 1370 um das Gewölbe gezogen worden. Sie erweist sich als ungemein trickreich und orientierte sich offenbar an norditalienischen Vorbildern. Für den Modellbau wurde 2012 ein komplettes Aufmaß des Dachwerks erstellt.

Parallel entstanden im späten 15. Jahrhundert gleich drei große Bauwerke, die das Bild der Stadt maßgeblich geformt haben. Dies sind der aus Zeughaus und Marstall gebildete Komplex der Stadthäuser am Anger, also das heutige Münchner Stadtmuseum, das Alte Rathaus mit seinem eingewölbten Saal – daraus stammen die Figuren der Moriskentänzer – und weithin sichtbar die Frauenkirche. Über die Entstehungszeit der Frauenkirche lange hinaus zählte ihr sogenanntes Hallensteildach (1477–1478) zu den weltweit größten Dachkonstruktionen überhaupt. Im direkten Vergleich zur Frauenkirche ist das Modell der Martinskirche in Landshut ausgestellt. In diesem Gegenüber wird ein technologischer Austausch erkennbar, der zwischen den konkurrierenden Herzögen von Oberbayern und Niederbayern stattgefunden hat.

Mit dem um 1570 errichteten Antiquarium der Münchner Residenz wird ein einzigartiges Werk der höfischen Repräsentationsarchitektur aufgerufen. In der Dachkonstruktion zeichnet sich bereits ein Problem ab, das immer wieder auftritt, wenn Formen der Renaissance nördlich der Alpen aufgegriffen werden: Die flach geneigten Dächer Italiens sind zwar im hohen Maß elegant, für unser Klima aber ungeeignet.

In München wurde das erste „italienische“ Dach um 1668 für die Theatinerkirche entworfen. Die flache Neigung trägt entscheidend dazu bei, die freistehende Kuppel überhaupt erst zur Geltung zu bringen. Zusammen mit der Doppelturmfassade kennzeichnet sie die Silhouette der Stadt.

Mit dem schon vor 200 Jahren abgerissenen Turnierhaus am Hofgarten wird ein Bauwerk in Erinnerung gerufen, das die in München früh erlangte und durchaus kühne Meisterschaft verdeutlicht, ungemein weit spannende Tragwerke errichten zu können. Hier ist es schon in der Zeit um 1660 gelungen, einen für Tausende von Zuschauern geschaffenen Bühnenraum einzudecken, ohne das Blickfeld mit störenden Stützpfeilern zu verstellen.

Die heute mehr denn je gültigen Auflagen des Brandschutzes haben bereits den Wiederaufbau des 1823 ausgebrannten Nationaltheaters geleitet. Mit dem Beginn einer akademisch gelehrten Bauphysik konnten nun internationale Standards mit den Überlieferungen heimischer Zimmermannskunst verbunden werden.

Mit der Ludwigskirche steht am Ende ein historisches Dachwerk, das den technischen Fortschritt des 19. Jahrhunderts vollends dokumentiert. Neben neuen Eisenkonstruktionen der Ingenieurszeit um 1840 stehen gleichwohl noch handwerkliche Traditionen, an denen man in München beharrlich festgehalten hat.

Die Reihe der historischen Dächer wird mit einem Blick auf die Zeltdachkonstruktionen des Olympiageländes erweitert.

Zu jedem Modell gibt es eine Vergleichsabbildung sowie baugeschichtliche und technische Erläuterungen. So soll auch dem Laien verständlich werden, wie eine Dachkonstruktion funktioniert, was zum Beispiel einen Stehenden vom Liegenden Dachstuhl unterscheidet, warum der Dachstuhl selbst aber gar nicht so wichtig ist für die Kraftableitung und was unter all den schön klingenden, aber nicht selbsterklärenden Fachbegriffen (wie z.B. Pfette!) überhaupt zu verstehen ist.

Alle Modelle wurden zwischen 2007 und 2017 von Dr. des. Clemens Knobling gebaut. Seine Dissertation „Münchner Dächer“ befindet sich in der Drucklegung. Er hat die Modelle dem Münchner Stadtmuseum geschenkt.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: muenchner-stadtmuseum.de