„Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn.“
(Paula Becker, 24.7.1897, Tagebucheintrag)

Bereits zwei Jahre vor diesem Gedanken war Paula Becker den Werken des aufstrebenden Landschaftsmalers Otto Modersohn in einer Ausstellung in der Bremer Kunsthalle erstmals begegnet. Die „tiefe, tiefe Stimmung“ seinerLandschaften sowie seine Weichheit faszinierten die junge Künstlerin und weckten ihr Interesse – zunächst an seiner Kunst; bald auch an seiner Person. In Worpswede lernten sie sich kennen, schätzen und – schließlich – lieben. Sie heirateten und teilten in sechs Jahren Ehe sowohl Höhen als auch Tiefen miteinander – bis zum frühen Tod von Paula Modersohn-Becker nach der Geburt der gemeinsamen Tochter im Jahr 1907. Wie prägend im Rückblick ihre Beziehung auch für die Kunst des jeweils anderen war, verdeutlicht der jüngst veröffentlichte Briefwechsel, der Ausgangspunkt für die Ausstellung ist, die ab dem 25. August 2018 in den Museen Böttcherstraße zu sehen sein wird, und völlig neue, äußerst intime Einblicke in die vermeintlich bekannte Lebensgeschichte des Künstlerpaares gewährt.

Eines soll vorweggenommen werden: Die Beziehung zwischen Paula Becker und Otto Modersohn war – entgegen vieler Vorurteile – von großem Respekt und unermüdlichem Austausch in beide Richtungen geprägt. Die Briefe zeugen von einer Tiefe und Vielschichtigkeit, die selbst nach heutigen Maßstäben beeindruckend modern erscheinen.

Anders als landläufig angenommen erkannte Otto Modersohn die Begabung seiner Frau schon früh und bewunderte sie für ihre rasante künstlerische Entwicklung:

„Eine Künstlerin durch und durch. Ihr Farbensinn – wie bei keinem anderen hier, ich komme z.Zt. nicht mit. Ich bin einfach paff darüber.[...] »Diese kleine Deern soll besser malen wie du, der Deubel, das wäre doch!« Junge, Junge, jetzt fange ich an: Mir sind die Augen offen. Das wird ein Wettlauf. – Und diese kleine Malerin, hat nochmehr als Kunst.“
(Otto Modersohn, 7.12.1902, Tagebucheintrag)

Immer wieder setzte er sich intensiv mit formalen und technischen Aspekten ihres Werkes auseinander und förderte die heutige „Pionierin der Moderne“auf außerordentlich fortschrittliche und emanzipierte Art und Weise. Trotz Widerständen im Freundes- und Bekanntenkreis gestand Otto Modersohn seiner Frau ungewöhnlich viele Freiheiten in der Ehe zu: er finanzierte ihr beispielsweise neben dem eigenen Atelier auch den Großteil ihrer Parisaufenthalte. Wie wichtig diese Perioden außerhalb der Worpsweder Künstlerkolonie, getrennt von ihrem Ehemann, für die Entfaltung der Malerin war, verdeutlicht vor allem ihr Spätwerk. Mit ihrer Weiterentwicklung auf künstlerischer Ebene, ging auch eine zeitweise private Entfremdung einher. Nur ein Beleg dafür, wie untrennbar Kunst und Leben der Künstlerpaares Modersohn-Becker miteinander verbunden waren und daher immer im Dialog miteinander gelesen werden müssen.

Ebendiese Wechselwirkungen werden mit der thematischen Gegenüberstellung ausgewählter Kunstwerke und Zitate erstmals in den Museen Böttcherstraße fokussiert. Häufig wiederkehrende Motive und Themen wie Landschaften, Figuren, Familie oder Worpsweder Feste, strukturieren die Schau in vier Bereiche. Im direkten Vergleich lassen sich markante Unterschiede zwischen Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn ausmachen – aber auch überraschende Überschneidungen finden.

Zu sehen sind insgesamt rund 80 Gemälde und Zeichnungen, die sowohl aus der eigenen hochkarätigen Sammlung des Bremer Museums als auch aus den Beständen der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung und der Otto-Modersohn- Stiftung stammen und durch weitere private sowie öffentliche Leihgaben ergänzt werden. Darunter befinden sich viele bisher nur selten oder noch nie ausgestellte Werke.

Die Ausstellung wird von einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm ergänzt.