Birgit Jürgenssen (1949-2003) gehörte neben Valie Export und Maria Lassnig zur Avantgarde der 1970er Jahre in Österreich. An kunsthistorische Traditionen, wie den Surrealismus, anknüpfend, entwickelte sie im Stillen ein eigenständiges Œuvre, das neben einem großen Fundus an Zeichnungen auch Skulpturen, experimentelle Objekte, Videos und vor allem Fotografie umfasst. Unter dem Titel Ich bin / I am zeigt die Kunsthalle Tübingen mit rund 200 Werken die erste umfassende Werkpräsentation der Künstlerin in Deutschland.

Dreh- und Angelpunkt im Werk von Birgit Jürgenssen ist dabei der Körper. Dieser ist nicht nur Gegenstand ihrer Zeichnungen sondern auch die Erfahrungsinstanz, aus der heraus sie diese entwickelt. In den Zeichnungen der 1970er Jahre hat sie mit seismografischem Spürsinn festgehalten, was dem begrifflichen und damit bewussten Erfassen vorausgeht: Zwischenmenschliche Beziehungen, Sexualität, gesellschaftsbedingte Schönheitsvorstellungen und Geschlechterverhältnisse werden von ihr mit subversivem Humor selbstironisch ebenso reflektiert wie tiefere Schichten ihrer eigenen Identität.

War der Blick auf das Werk der Künstlerin bislang vor allem auch durch Arbeiten zum Geschlechterverhältnis geprägt, ist es uns ein Anliegen, die Perspektive darauf weiter zu dimensionieren. Die Ausstellung und auch die Beiträge im begleitenden Katalog bearbeiten zum einen bislang wenig beachtete Werkblöcke wie die Fotografien und ihr Spätwerk. Zum anderen zeigen wir, dass Birgit Jürgenssen Bilder und Symbole unserer gesamten Kulturgeschichte mit eigener geistiger und emotionaler Energie aufgeladen und so für die Gegenwart aktualisiert hat. Ihr körperbezogener Ansatz erhält gerade heute, in einer Zeit, in der es durch die Digitalisierung zu einer zunehmenden Verflachung der Alltagswahrnehmung kommt, eine neue Aktualität. Ihr Werk, das aus dem Intimen kommt, steht nicht zuletzt für ein authentisches, innengeleitetes Leben und letztlich auch für den selbstbestimmten und emanzipatorischen Impuls der Kunst.