Zentrales Thema der Ausstellung ist die Berührung in unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen — als sensorische Wahrnehmung, als Ausdruck von Empathie, als körperlicher Übergriff, als Heilverfahren oder als Geste in der Computertechnologie. Gezeigt werden zeitgenössische künstlerische Positionen, die am Begriff der Berührung aktuelle Widersprüche in der Gesellschaft aufzeigen. Einerseits nimmt die haptische, vermeintlich hautnahe Kommunikation über sensorische Touch-Oberflächen stetig zu und macht das Berühren zu einem wichtigen Bestandteil unserer alltäglichen Kommunikation. Andererseits ist das Berührtwerden ein grundlegendes, menschliches Bedürfnis, das durch ein sich diversifizierendes Angebot an Berührung einschließenden Körper- und Heilpraktiken bedient wird.

Die Ausstellung stellt die Verbindung zwischen diesen Bereichen her und spürt auf, wie sie sich bedingen: Welche Rolle nimmt Berührung in der Kommunikation ein? Und welchen Einfluss hat mediale Kommunikation auf unser Sozialverhalten und unser Bedürfnis nach unmittelbarem körperlichen Kontakt? Smartphone-Benutzer innen sind das Berühren von technischen Geräten gegenwärtig vielleicht mehr gewohnt als das von menschlicher Haut. Diese Veroberflächlichung erzeugt ein Begehren nach sinnlicher Stimulation, das seine Befriedigung auch in virtuellen Formen der Berührung sucht. Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklung untersuchen Künstler innen neue Formen des Zugriffs auf den Körper.

Im Aushandeln von Nähe und Distanz in der Berührung offenbaren sich kulturelle und soziale Vorstellungen und Wertesysteme, wie beispielsweise die Konstruktionen von Klasse oder Geschlecht. Obwohl der Tastsinn dem Sehen vorausgeht, wird in der westlichen Welt das Potenzial der Erkenntnisgewinnung durch die haptische im Vergleich zur visuellen Wahrnehmung wenig reflektiert. Das wird von einigen feministischen und queeren Theorieansätzen und künstlerischen Positionen kritisiert und hinterfragt. Annäherungen, wie die der Künstlerin VALIE EXPORT in ihrem Tapp- und Tastkino, lassen die Frage aufkommen, ob die Dominanz des Visuellen eine Folge bzw. Bedingung der über Jahrhunderte etablierten patriarchalen und kolonialen Machtstruktur unserer Gesellschaft sein könnte.

Maja Zimmermanns Videoarbeit „und mit manchen geh ich in die Sauna" (2018) zeigt Gespräche mit Personen, deren Arbeitsalltag wesentlich auf konkreten, physischen Berührungen basiert. Die Fortsetzung der Arbeit „Hands On — Techniken des Berührens" (2015) gibt einen Einblick in verschiedene Formen von Beziehungsarbeit unterschiedlicher Dauer und Intensität. Pflege- und Sexualassistent innen, Assistenznehmer innen und Masseur innen reflektieren über ihre Position in einem komplexen Zusammenspiel von Selbstbestimmung, Abgrenzung und der Versicherung, da zu sein'. Beschreibend loten sie eine in viele Richtungen offene Zone der ,professionellen Nähe' aus, welche die zeitlichen, emotionalen und physischen Grenzen dieser Arbeitsverhältnisse täglich neu bestimmt.

Julien Prévieux thematisiert die Geschichte der physischen Gesten, wie dem Wischen und Heranzoomen, die von Technologiefirmen patentiert wurden. Sein Interesse gilt der gestischen Sprache, die in der Interaktion mit Maschinen und technischen Geräten hervortritt. In der Videoarbeit „What Shall We Do Next? (Sequence #2)" (2014) schwanken sechs Performer innen zwischen individueller und synchronisierter Geste und Sprache, während sie Fragen in den Raum werfen, wie: „Do wave to my digital devices more frequently than to my friends?"

Neuproduktionen in der Ausstellung:
Emma Haugh: „Sex in Public", 2018
Sarah Browne: „Step", 2018
Stephanie Kiwitt: „Aanwervingslokaal", 2018
Christin Kaiser: „Zwinge", 2018
Luise Marchand: „COPE", 2018
Maja Zimmermann: „und mit manchen geh ich in die Sauna", 2018
Robin Kirchner: „Pehlivan", 2017-18

Projektgruppe der nGbK: Bakri Bakhit, Nadja Quante, Thomas Rustemeyer, Anna Voswinckel, Maja Zimmermann