Die umfassende Ausstellung Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre präsentiert 80 Gemälde des Magischen Realismus. Diese Kunstbewegung entsteht nach dem Ersten Weltkrieg in Italien parallel zur Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Herausragende Werke wichtiger Protagonisten wie Felice Casorati, Antonio Donghi und Ubaldo Oppi sind ebenso in der Schau vertreten wie die einflussreichen Gemälde von Giorgio de Chirico und Carlo Carrà. Damit findet erstmalig in Deutschland eine umfangreiche Präsentation dieser Werke statt, die Besucher_innen können eine Stilrichtung der Klassischen Moderne neu entdecken.

Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges kehren in Europa und darüber hinaus viele Künstler_innen zu einer realistischen Darstellung zurück und wenden sich endgültig vom Expressionismus ab. Anknüpfend an die metaphysische Malerei von Giorgio de Chirico und Carlo Carrà sowie den im Pariser Neoklassizismus ausgerufenen „rappel à l‘ordre“, also die Rückkehr zurOrdnung, lassen die Maler_innen auf ihren Gemälden die Zeit stillstehen. Sie fügen ihren realistischen Darstellungen eine traumhafte, unheimliche, mitunter befremdliche Anmutung hinzu. Die Gemälde zeigen ihre Gegenstände klar und deutlich, atmosphärisch und thematisch bleiben sie jedoch rätselhaft. Entstanden sind stimmungsvolle Bilder von hoher malerischer Qualität in zuweilen einnehmend leuchtenden Farben. Voraussetzung war die Beschäftigung der Künstler_innen mit der Malerei des Quattrocento, beispielsweise von Piero della Francesca oder Masaccio, an deren detailgetreuer Abbildung und perspektivischer Zeichnung sie anknüpfen.

Die Ausstellung zeigt die Gemälde in thematischen Räumen: So stellt der erste Raum die einflussreichen Architekturdarstellungen von Carrà und de Chirico denjenigen von Ubaldo Oppi und dem deutlich später entstandenen Gemälde La città deserta (1929) von Carlo Sbisà gegenüber. Ein Schwerpunkt liegt auf Frauenporträts, sie alle zeichnet eine stolze und zugleich abgründige Schönheit aus, das gilt für Casoratis Cynthia (1924–25) ebenso wie für Donghis Donna al Caffè (1931). Auch intime familiäre und häusliche Szenen sind ein beliebtes Sujet des Realismo magico. Gezeigt werden Kinder, auf Felice Casoratis Die Schulkinder (1927 – 28) wirken sie wie kleine Erwachsene. Dazu kommen Tischszenen, die von Geselligkeit, aber mehr noch von Entfremdung und Einsamkeit berichten. Ein weiterer Ausstellungsraum ist der Maskerade gewidmet. Immer wieder verhandeln die Künstler_innen das Thema der malerischen Darstellung, genauer des Vorzeigens und Verbergens, des Spiels mit der Illusion, und wählen Harlekins, Clowns und Magier als Bildmotive. Die vielen gemalten Draperien und Stoffe verweisen in eine ganz ähnliche Richtung. Neben Aktdarstellungen, die kaum mehr lieblich sind, sondern vielmehr eine gewisse Brutalität und Vereinzelung erfahrbar machen – wie beispielsweise der verdrehte Körper auf Cagnaccio di San Pietros spektakulärem Gemälde Primo denaro – sind auch Stillleben ein für den Magischen Realismus prägendes Genre.

Diese bestimmenden Sujets stehen mit den inhaltlichen Ansätzen in enger Beziehung: Sie spiegeln immer auch den Zeitgeist in Italien nach dem Ersten Weltkrieg und in den 1920er und 1930er Jahren wider.

Die neun Themengruppen verdeutlichen, dass der Magische Realismus keineswegs eine in sich geschlossene Gruppe von Künstler_innen bezeichnet. Dennoch verbindet sie bei aller Vielfältigkeit der einzelnen künstlerischen Ansätze eine gemeinsame Stimmung.
Der Begriff „Magischer Realismus“, vom Kunsthistoriker Franz Roh 1925 geprägt, beschreibt diese rätselhafte Atmosphäre, in welcher die Dinge in der Schwebe bleiben: „Mit ‚magisch‘ im Gegensatz zu ‚mystisch‘ sollte angedeutet sein, dass das Geheimnis nicht in die dargestellte Welteingeht, sondern sich hinter ihr zurückhält.“

Mit der Machtübernahme Mussolinis 1922 entwickelt sich die Kunst in Italien vor der Folie einer faschistisch geprägten Gesellschaft. Es mag an der politischen Situation dieser Jahre gelegen haben, dass die durch ihre Zweideutigkeit häufig Befremden auslösenden Gemälde in den letzten Jahrzehnten wenig beachtet worden sind. Begleitet wird die Ausstellung von einem historischen Abriss zu Italien und den künstlerischen Gruppierungen und Ansätzen sowie von italienischen Plakaten aus der Zeit und einem vom Filmexperten Olaf Möller kuratierten Filmprogramm.

Peter Gorschlüter: „Ich freue mich, dass die Ausstellung einen Einblick in jene Zeit vermittelt, die in der kunsthistorischen Forschung lange Zeit ein Schattendasein führte, und eine neue um- fassende Betrachtung der Werke ermöglicht, die aus zahlreichen institutionellen wie privaten Sammlungen zusammengetragen wurden. In dieser Hinsicht ist auch das wissenschaftliche Symposium, das die Ausstellung begleiten wird, ein wichtiger Bestandteil unseres Ansatzes, dieseStilrichtung ausgiebiger zu betrachten.“