Das grafische Werk von Francisco de Goya (1746-1828) zählt zu den bedeutendsten der Kunstgeschichte. Die Grafische Sammlung der Kunsthalle zu Kiel besitzt einen 156 Blatt umfassenden Goya-Bestand. Aus diesem Bestand zeigt die Kunsthalle vom 15. September 2018 bis 13. Januar 2019 eine Auswahl aus den berühmten Serien La Tauromaquia – Die Kunst des Stierkampfs (1815/16) und Los Disparates – Torheiten(1815–1824). Die 35 präsentierten Blätter beider Grafikfolgen vermitteln in der Zusammenschau eindrucksvoll die Weltsicht und die künstlerische Meisterschaft Goyas im Umgang mit den grafischen Techniken.

Im Werk von Goya nehmen die grafischen Arbeiten eine besondere Rolle ein. Der Künstler schafft diese aus persönlichem Interesse heraus, ohne einen Auftraggeber. So ist er nur seiner eigenen künstlerischen Idee verpflichtet und kann seine scharfe Beobachtungsgabe und Kritik bildnerisch innovativ umsetzen. Goya hat einen sehr genauen Blick auf die gesellschaftlichen Missstände seiner Zeit, die Verlogenheit und Eitelkeit der Menschen. Der Künstler versteht das Dasein als absurd und sinnlos. Diese Sichtweisen lassen Goyas Werk immer noch aktuell und modern erscheinen.

In der Stierkampf-Folge zeigt Goya die Geschichte und Entwicklung sowie den traditionellen Ablauf einer corrida de toros. In dieser Zeit gelten Stierkämpfe, trotz einiger Kritik, als beliebtes für die breite Masse. Der Begriff Tauromaquia umschreibt die Kunst des Stierkampfes. Dieses Regelwerk bildet sich zu Goyas Zeiten heraus, und legt den Ablauf eines Kampfes von Matador und Stier fest. Da die Blätter der Stierkampf-Folge von Goyas als politisch unbedenklich gelten, erscheinen sie – im Gegensatz zu den Disparates - noch zu Lebzeiten Goyas unmittelbar nach ihrer Fertigstellung 1816.

Die Torheiten – Los Disparates (1815–1824) hingegen werden erstmals 1864, nach Goyas Tod, unter dem verharmlosenden Titel Los Proverbios– „Sprichwörter“ veröffentlicht. Goya hatte ihre Publikation zurückgehalten, da der kritische Charakter der Grafiken ihm zu brisant erschien.

In den Torheiten schildert der Künstler die sprichwörtliche Scheinheiligkeit und das Abgründige im Menschlichen. Goya überführt seine Beobachtungen und Stimmungen in rätselhafte und fantastische Bilder, die eine Gedankenwelt voller Finsternis und Verunsicherung offenbaren. Die Blätter entstehen in einer Zeit, als der Künstler von Krankheit gezeichnet ist. Isoliert durch seine völlige Taubheit und enttäuscht von der politisch-restaurativen Entwicklung in Spanien zieht sich Goya aus der Öffentlichkeit zurück.

Beide Grafik-Folgen, La Tauromaquia – Die Kunst des Stierkampfssowie Disparates – Torheiten, zeigen das außergewöhnliche Können Goyas im Umgang mit den grafischen Techniken, insbesondere mit dem damals neuen Aquatinta-Verfahren. Die Aquatinta ermöglicht es, im Gegensatz zur einfachen Radierung, größere Flächen in feinen Abstufungen von Hellgrau bis gänzlich Schwarz zu drucken. Mit dieser Technik schafft Goya in den Disparates - Torheiten eindrucksvolle und suggestive Bildwelten von fast malerischer Ausdruckskraft. Sehr starke Helldunkel-Kontraste bestimmen die Stierkampf-Folge, in deren Zentrum Stier und Mensch stehen. Im Gegensatz zu dem abbildenden, schildernden Charakter der Stierkampf-Folge, zeigen die Blätter der Torheiten düster-fantastische Szenen.

Die in der Sammlung der Kunsthalle verwahrte Stierkampf-Folge wird in der sehr seltenen 4. Auflage von 1905 präsentiert und gilt nach der 1. Auflage als der in seiner Druckqualität beste Abzug. Außerdem kann die Grafische Sammlung die Torheiten sowohl gebunden als auch in Einzelblättern zeigen. Beide stammen aus 3. seltenen Auflage von 1891.