Karin Schneiders Ausstellung The Milchhof Diagram bezieht sich auf den Buchstaben G – Grasping (Begreifen) innerhalb ihres fortlaufenden, von
A bis Z reichenden Lexikons. Begreifen findet hier durch Interventionen und Arbeiten statt, die sie eigens für die gegenwärtigen Räumlichkeiten des Kunstvereins Nürnberg entwickelt. Als Teil eines modernistischen Industriekomplexes, geschaffen für die Distribution von Milchprodukten, wurden sie von dem Architekten Otto Ernst Schweizer im Jahr 1929 konzipiert. Mit der großen Rasterglas-Fassade, die sich auf das Atrium des Gebäudes hin öffnet, und den Balustraden nimmt der Milchhof Anleihen sowohl an sakralen, als auch an theatralen Formen und erschafft Sichtbarkeitsregime, die auf Produktion, Transparenz und Kontrolle abgestimmt sind. Die Unterbrechung von Transparenz und der Einsatz von Licht durch Schneider, welche sich über das gesamte Gebäude erstrecken, vermittelt die Architektur der Kontrolle mit der Architektur der Ausstellung. Der Akt des Begreifens ist in Schneiders Milchhof Diagram eine Übung in der offenen Choreographie transversaler historischer und zeitgenössischer Beziehungen die, obschon beständig verblassend, höchst präsent sind.

Die Interventionen, die Schneider in ihrem Diagram vornimmt, greifen vor allem die visuelle Programmatik der Milchhof-Architektur auf. Der Architektur- historiker Immo Boyken bemerkte über den Milchhof, dass sich der Gebäudekomplex zu einem Prototyp industrieller Archtektur entwickeln würde, insofern sich die Gebäude selbst innerhalb des Vokabulars industrieller Produktion verorten. Schneiders größter Eingriff besteht darin, in die historische Glasfassade des Atriums wieder Milchglas-Fenster einzusetzen. Heute trennt und verbindet zugleich die Fassade das originale Milchhof- Verwaltungsgebäude von und mit seinem Anfang der 2000er Jahre entstandenden Anbau. Die Einführung der Opazität von Milchglas an der Schnittstelle der beiden Gebäude vollführt nun die Trennung des historischen Baus von seinem zeitgenössischen Echo, das eine gespiegelte Version ist, die aus dem Original in einem ähnlichen Design und mit einem ähnlichen Grundriss reproduziert wurde. Die große Fensterfront tritt als Unterbrechung in der seriellen Reproduktion von Architektur auf.

Im ersten Geschoss, gegenüber der Glasfassade, markieren hinter der Balustrade drei industrielle Neon-Lichtröhren einen Raum, in dem im originalen Entwurf des Gebäudes Tageslicht mehrere Wandmalereien erhellt hat, die um 1930 von Carl Grossberg realisiert wurden. Heute trägt dieser Ort Spuren eines ästhetischen Konflikts, im Zuge dessen Grossbergs geometrische Abstraktion durch völkische Wandmalereien ersetzt wurden. Diese entlang des ästhetischens Programms der nationalsozialistischen Partei produzierten Malereien zeigten Milchmädchen-Motive, von denen reliefartige Spuren an den weißen Wänden noch heute sichtbar sind.

Vom Atrium des Gebäudes gehen Büros ab, durch deren Fenster, die bis zur Decke reichen, Licht in das kirchenschiffartige Innere des Gebäudes fällt. Die Fenster des größten Ausstellungsraums des Kunstvereins Nürnberg, der sich in einem dieser Räume im Erdgeschoss befindet, sind mit flach gefalteten Versandkartons verkleidet und so vom Licht abgeschirmt. In dem derart eingefassten Raum ist vor einem auf die Wand gestrichenen schwarzen Monochrom ein Karton platziert, auf dem die Filmprojektion eines Privatstrands in Massachusetts, USA, zu sehen ist, deren Aufnahme bei Nacht entstand. Das Motiv des Films ist lediglich durch den anonymen Sound der rollenden Wellen erkennbar, welche die Architektur der Sichtbarkeit, der Distribution und des Zugangs, wie sie der Milchhof als historisches industrielles Zentrum vorgibt, ausdehnt. Schneider hat die Fotografie einer Welle, bevor sie bricht oder in sich zusammenfällt, im dritten Geschoss des Gebäudes angebracht. Ihre Bildgröße leitet sich von einem Glas-Quadrat aus der großen Fassade des Atriums ab.

Im Kabinett des Kunstvereins, im ersten von zwei zusammenhängenden Räumen, präsentiert Schneider ein einzelnes Marsupial – eine schwarze, gefaltete Keramikarbeit. Ihr gegenübergestellt sind zwei als Diapositive reproduzierte Marsupials in Lichtkästen, deren Rahmen die anthrazitfarbene Architektur des Gebäudes aufgreifen. Das ursprüngliche Marsupial (deutsch: Beuteltier), eine handwerklich hergestellte Arbeit, dient als Übergangsobjekt und kann zudem Kunstwerke anderer Künstlerinnen und Künstler physisch halten. Die eigens für den Kunstverein entwickelten Lichtkästen indes übersetzen die Marsupials in Information, die ihrer eigenen Materialität den Weg ebnet. Indem Schneider das Motiv des Marsupials aus ihren ursprünglichen Werken extrahiert und sie in die ästhetische Programmatik desMilchhof Diagram einschreibt, verortet sie ihre Praxis im Rahmenwerk des Milchhofs und der historischen Flugbahn seiner Umwandlung von einem Ort der Fabrikation zu einem post-industriellen Bürohaus.

Phantom Limb, ein 16-mm-Film, 1998 von Union Gaucha als Kollaboration von Karin Schneider und dem Künstler Nicolás Guagnini produziert, wird im zweiten Kabinett-Raum projiziert. Phantom Limb verbindet „periphere“ Narrative des sogenannten modernistischen Kanons, wie sie in Polen, Brasilien und Argentinien entstanden, in der Form einer fiktiven Dokumentation, die auch das koloniale Universum des Modernismus darstellt.

Der Film verbindet Beispiele des Unismus von Katarzyna Kobro und Wladyslaw Strzemi?ski, den Neokonkretismus von Lygia Clark und Hélio Oiticica sowie die Konkrete Kunst von Raúl Lozza und Enio Iommi.

Karin Schneider ist eine in Brasilien geborene und in New York lebende Künstlerin und Filmemacherin. Im Jahr 1997 war sie Mitbegründerin von Union Gaucha Productions (UGP), ein von Künstlerinnen und Künstlern geführtes Unternehmen für Experimentalfilm, das interdisziplinäre Kollaborationen zwischen Akteuren aus verschiedenen Feldern ermöglichte. Von 2005 bis 2008 war Schneider Gründungsmitglied von Orchard, einem kooperativ organisierten Raum für Ausstellungen und Treffen in New Yorks Lower East Side. Von 2010 bis 2014 trat sie als Mitbegründerin von Cage auf, einem Ort, der für neue Formen des sozialen Austauschs stand. Zu Schneiders aktueller Werkserie, Situational Diagram, entstand 2016 eine Buchpublikation sowie eine Ausstellung in der Dominique Lévy Galerie. Im Jahr 2017 entwickelte sie gemeinsam mit anderen eine neue Filmplattform, Ortvi.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 14:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag:  13:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstvereinnuernberg.de

28.09. - 16.12.2018

Karin Schneider: The Milchhof Diagram

Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft e.V.

Kressengartenstraße 2
90402 Nürnberg