Richard Riemerschmid hat vor allem Möbelgeschichte geschrieben. Wegweisend war seine Idee, Möbel in formschönem Design für eine automatisierte Maschinenproduktion zu entwickeln, um sie entsprechend kostengünstig anbieten zu können. Nicht nur das gehobene Bürgertum, sondern auch die breite Masse sollte in den klaren Formen des eleganten Jugendstils leben können.

Anlässlich des 150. Geburtstags von Richard Riemerschmid am 20. Juni 2018 präsentiert das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg jetzt einige seiner Wohnentwürfe.

Drei Möbel-Ensemble aus der Zeit zwischen 1900 und 1906 sind in der Ausstellung zu sehen, die die beeindruckende Entwicklung Riemerschmids während dieser kurzen Zeitspanne deutlich machen. Das sogenannte „Nürnberger Zimmer“ mit Tisch, zwei Stühlen, Büfett-Schrank und Kommode steht am Anfang. Es entstand im Jahr 1900 als Beitrag für einen Wettbewerb, den dieNürnberger König Ludwig‘s Preisstiftung ausgeschrieben hatte. Aufgabe war,eine Einrichtung für einen Wohnraum von 16 qm Größe zu entwerfen, dessen Kosten 350 Mark nicht überstiegen.

Riemerschmid überzeugte durch einfache Eleganz. Die Kunstwelt war begeistert, potentielle Kunden leider nicht. Ihnen waren die Möbel zu schlicht, zu nackt und besaßen zu wenig Dekor. Sie verkauften sich schlecht, aber Riemerschmid hatte seinen Berufung gefunden: ansprechendes Wohndesign in reduzierter Formensprache zu bezahlbaren Preisen.

Eine Zimmereinrichtung von 1906 zeigt exemplarisch, wie ihm das gelang. DasJunggesellenzimmer mit Bett, Nachtschränkchen, Kleiderschrank und Bücherregal ist eigens für die maschinelle Produktion konzipiert: Einzelne Teile wurden automatisiert gefertigt und konnten auch nur teilmontiert erworben werden. Mit geringem handwerklichen Geschick – so wurde geworben – sollte jeder Kunde in der Lage sein, seine Möbel zu Hause fertig zusammen zu bauen. Ausführungen in verschiedenen Materialien erweiterten den Kundenkreis. Je nach Kaufkraft konnte man auf Modelle aus Tanne, Fichte, Eiche oder Mahagoni zurückgreifen. Ungenauigkeiten in der Verarbeitung, die bei einer maschinellen Herstellung immer auftreten, berücksichtigte Riemerschmid von vornherein im Design. Ebenfalls neu: Kunden brauchten die Zimmereinrichtung nicht auf einmal zu erwerben, einzelne Möbel konnten über einen langen Zeitraum ergänzt werden. Zudem unterbreitete Riemerschmid konkrete Vorschläge zum Arrangement der Möbel auf beengtem Wohnraum.

Die Gartenstadt-Bewegung
Anklang fanden solche Ideen vor allem in der Gartenstadtbewegung, der auch Riemerschmid anhing. Ihr Ziel war, bezahlbaren Wohnraum für Arbeiterfamilien in der Nähe des Arbeitsplatzes zu schaffen. Ein Garten zur Selbstversorgung gehörte selbstredend dazu. Diese neuen Reihenhäuser mit einer Grundfläche von durchschnittlich 50 bis 75 qm vermochten wuchtige Schränke nicht zu fassen. Dunkles Holz und reichlich Dekor ließen Zimmer zudem kleiner erscheinen. Riemerschmids Entwürfe passten dagegen genau und nutzten den wenigen Platz optimal.

Riemerschmid wurde zu einem wegweisenden Protagonisten der deutschen Gartenstadt-Bewegung. Schon 1902 ist er an der Gründung der Gartenstadtgesellschaft beteiligt, ebenso an der 1907 beginnenden Gesamtplanung zur ersten deutschen Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Und auch in die Planungen für die Gartenstadt Nürnberg ist er von Anfang an involviert. In der Ausstellung runden Stadtpläne, Grundrisse, historische Aufnahmen sowie Tagebucheinträge und an Riemerschmid verliehene Auszeichnung das Bild dieses Künstlers, Möbelentwerfers, Architekten und Stadtplaners ab. Abschließend werden noch Möbel und Designobjekte gezeigt, die in dem Meisterkursen entstanden, die Riemerschmid zwischen 1903 und 1905 als Nachfolger von Peter Behrens am Bayerischen Kunstgewerbemuseum in Nürnberg gab.

Richard Riemerschmid gilt als einer der bedeutendsten deutschen Jugendstilkünstler, der sich in der Gestaltung für ein schlichtes, vegetabiles Dekor begeisterte. Auf der anderen Seite ging er mit seinen Ideen zu sozialen Wohn- und Lebensverhältnisse weit über die Vorstellungen des Jugendstils hinaus. Seine Ideen wurden wegweisend für Schulen wie das Bauhaus, an denen die Entwicklung ansprechender und funktionaler Designobjekte zu bezahlbaren Preisen gelehrt wurde.

Mit Richard Riemerschmid (1868-1957) wird nach Henry van de Velde und Peter Behrens der dritte große Jugendstilkünstler anlässlich seines 150. Geburtstags im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg mit einer Möbelausstellung geehrt.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 10:00 - 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: gnm.de

21.06.2018 - 06.01.2019

Richard Riemerschmid. Möbelgeschichten

Germanisches Nationalmuseum

Kartäusergasse 1
90402 Nürnberg