Architekturtraktate, Perspektiv- und Baulehren, Muster- und Säulenbücher: Der Bestand an Architekturbüchern in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums umfasst mehr als 1.000 Bände. Er gehört zu den bedeutendsten und umfangreichsten Sondersammlungen an Architekturbüchern in öffentlichem Besitz. Die Studioausstellung präsentiert ab 19. Juli 2018 eine kleine Auswahl von rund 30 Büchern und knapp 20 Einzelblättern, die einen Einblick in theoretische Schriften, praktische Anleitungen und großformatige Ansichtswerke zur Baukunst geben. Die Präsentation basiert auf dem umfangreichen, 2014 erschienenen Bestandskatalog von Eduard Isphording.

„Architekturbücher begeistern mich seit meiner Studentenzeit. Und die Auswahl in der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums ist einzigartig,hier kann man große Entdeckungen machen“, schwärmt Generaldirektor und Bauforscher Prof. Dr. G. Ulrich Großmann. „Das Besondere ist, dass dieseWerke noch keine Massenware waren und individuell gedruckt wurden. Jedes Exemplar eines Buches ist daher anders.“

Die Ausstellung gliedert sich in drei Themenkomplexe:

1. Theorie der Architektur
Das berühmte Traktat „De Architectura Libri Decem“ von Vitruv steht amAnfang der Studioausstellung. Antike Architekturtheorie ist heute vor allem durch diese Quelle bekannt. In ihr formulierte Vitruv, dass menschliche Proportionen als Maß aller Baukunst dienen sollen. Besonders war, dass er seine Theorien auf Latein und nicht auf Griechisch verfasste und damit einer breiteren Leserschaft zugänglich machte. Das GNM zeigt Vitruvs Abhandlung in einer illustrierten Florentiner Ausgabe von 1522.

In der Renaissance erfuhren die Aufzeichnungen neue Beachtung und beeinflussten die zeitgenössische Architektur nachhaltig. Bücher italienischer Renaissance-Baumeister wie Alberti, Serlio und Palladio, deren Theorien auf Vitruv fußen, ergänzen die Sektion. Die erste Perspektivlehre in deutscher Sprache schrieb Albrecht Dürer. Seine „Underweysung der messung“ legteden Fokus auf die korrekte Darstellung und Berechnung der Perspektive –wie eine Erstausgabe von 1525 veranschaulicht.

In der Folgezeit stieg die Anzahl an Publikationen zu Spezialthemen an. Es erschienen Werke explizit zu Sakral-, Profan- oder auch Gartenbaukunst, wie Beispiele aus dem 16. bis 18. Jahrhundert belegen. Beachtenswert ist ein kleines Büchlein von Joseph Furttenbach d.J. von 1694, das sich mit den Folgen der Reformation für den Kirchenbau auseinandersetzt. Ein protestantischer Gottesdienst folgt anderen Regeln als ein katholischer. Dementsprechend unterscheiden sich auch die architektonischen Anforderungen. Auch Profanbauten hatten sich ihrer Funktion unterzuordnen, sie sollten wehrhaft oder repräsentativ, für militärische oder zivile Zwecke geeignet sein. Die Natur wurde ebenfalls architektonischen Vorstellungen unterworfen, wie Pläne geometrisch gestalteter Gärten und Parkanlagen verdeutlichen.

Symmetrie und Achsialität waren die Maßgabe. Beispiele von Vredemann de Vries aus dem 17. Jahrhundert zeigen sein Bemühen, sogar die antike Säulenordnung auf den Gartenbau zu übertragen.

2. Architektur als Bedeutungsträger
Um 1800 begann sich in Zentraleuropa die Einstellung zum Mittelalter zu wandeln. Das Interesse an Geschichte stieg, historische Ereignisse wurden mythisch aufgeladen, die Größe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation heraufbeschworen – und historische Bauwerke wandelten sich zu nationalen Wahrzeichen. Zwei Beispiele sind in der Ausstellung exemplarisch zu sehen: die Marienburg (im heutigen Polen) und der Kölner Dom.

Monumentale Ansichten, detailliert ausgearbeitete Aufrisse und romantische Blicke aus der Distanz erschienen und unterstützten die Vorstellung einer geschichtsträchtigen, bedeutungsschweren Architektur. Die Bauwerke wurden zum Stolz der Bevölkerung.

3. Architektur als Aufgabe
Mit der Überhöhung einzelner Bauwerke ging die Frage ihrer Erhaltung - im Falle des Kölner Doms sogar ihrer Vollendung – einher. Wie umgehen mit vor Jahrhunderten begonnenen und bis dato nicht fertiggestellten Kathedralen?

Existierten Pläne, die bei einem Wiederaufbau helfen könnten? Erstmals stellten sich Architekten Fragen, die heute die Denkmalpflege beschäftigen. Der Erhalt und die Wiederherstellung wichtiger Kulturgüter wurde Thema. Erste Denkmal-Inventare entstanden. Mit dem frühesten von Ferdinand von Quast, dem ersten Denkmalpfleger Preussens, endet die Schau – und öffnet zugleich den Raum für Überlegungen, wie wir heute mit Kulturgut umgehen.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 10:00 - 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: gnm.de

19.07.2018 - 08.09.2019

Maß und Proportion. Architekturbücher aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums

Germanisches Nationalmuseum

Kartäusergasse 1
90402 Nürnberg