Die Provenienzforschung beschäftigt sich mit der Herkunftsgeschichte von Objekten und stellt insbesondere die Frage nach Kunstwerken, die den ehemaligen, meist jüdischen Eigentümern unter Druck abgepresst oder direkt geraubt wurden. Seit 2014 wurde die heute im Museum im Kulturspeicher beheimatete Würzburger Städtische Sammlung in einem dreijährigen Forschungsprojekt systematisch durchkämmt. Im Zentrum standen dabei die zwischen der Galeriegründung 1941 und dem Ende der NS-Zeit 1945 erworbenen Kunstgegenstände: über 5000 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier. In einem Raum der Städtischen Sammlung werden Ergebnisse dieser Forschungen nun anhand von 20 Fallbeispielen erstmals dem Publikum vorgestellt. Darunter sind vier Gemälde, die als NS-verfolgungsbedingt entzogen gelten müssen.

Der größte Teil des von Gründungsdirektor Heiner Dikreiter zusammengetragenen frühen Bestandes der Städtischen Galerie wurde von den Künstlern oder ihren Erben direkt gekauft undgalt daher von vornherein als „unbedenklich“; zahlreiche Werke kamen jedoch auch aus demüberregionalen Kunsthandel in München, Berlin oder Frankfurt am Main – und dies in einer Zeit, als zur Emigration gezwungene Juden ihre Habe weit unter Wert veräußerten, als der Kunsthandel von Werken überschwemmt war, die den Opfern des NS-Regimes geraubt worden waren, als Kunsthandlungen „arisiert“ und ihre früheren Besitzer ihr Geschäft, ihreExistenzgrundlage und nicht selten ihr Leben verloren.

Auf diese Werke richtete sich der besondere Fokus der Provenienzforschung. Die Ausstellung macht die Forschungswege deutlich: Detektivischer Spürsinn, aber auch Fleiß und Durchhaltevermögen sind nötig. Auktionskataloge müssen gesichtet, Literatur gewälzt und Aktenberge durchforstet werden. Oft können dabei weitere Puzzlesteine in der Herkunftsgeschichte eines Kunstwerkes gefunden werden, und manchmal gelingt es sogar, eine Objektgeschichte genau zu rekonstruieren.

Die Ausstellung erzählt die Biografien von Gemälden, aber auch von den Personen, in deren Eigentum sie einstmals waren und der Kunsthändler, durch deren Hände sie gingen. Der Blick auf die Bilder wird dabei auch zu einem Blick hinter die Bilder – denn nicht selten geben die Rückseiten der Gemälde wichtige Hinweise auf ihre Geschichte. Erzählt wird darüber hinaus die Gründungsgeschichte der Städtischen Galerie Würzburg aus einem neuen Blickwinkel. DasMuseum im Kulturspeicher setzt damit die mit der Ausstellung „Tradition & Propaganda“ 2013begonnene Aufarbeitung seiner Institutionsgeschichte in der NS-Zeit fort.

Die Provenienzforschung am Museum im Kulturspeicher geht weiter: Die Erwerbsjahre von 1946 bis 1975 stehen in dem von 2017 bis 2019 laufenden Forschungsprojekt im Fokus. Die Forschungen der Historikerin Beatrix Piezonka wurden wesentlich vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert. Weitere Unterstützung leistete die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern.


Öffnungszeiten:
Dienstag: 13:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 11:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 11:00 - 19:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: kulturspeicher.de

Max Slevogt, Bildnis eines bärtigen Mannes (Pater Nivard), 1902, erworben 1944 bei der Galerie Wolfgang Gurlitt in Berlin © Museum im Kulturspeicher, Foto: Andreas Bestle
15.09.2018 - 14.04.2019

Herkunft & Verdacht. Provenienzforschung am Museum im Kulturspeicher. Die Zugangsjahre 1941 bis 1945

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1
97080 Würzburg