Mit der Ausstellung »Aleatory Structures« zeigt die Kestner Gesellschaft eine umfangreiche Überblicksausstellung der südamerikanischen Künstlerin Teresa Burga (*1935 in Iquitos, Peru). Erstmals in Deutschland werden mit über 100 Werken die letzten 50 Jahre ihres künstlerischen Schaffens vorgestellt. Burgas Lebenswerk ist von einer außergewöhnlichen Vielfalt gekennzeichnet, es umfasst Gemälde, Objekte der Pop Art, Skulpturen, kybernetische Installationen und Zeichnungen. Ihre Arbeit ist darüber hinaus in allen Schaffensphasen von einer analytischen Herangehensweise geprägt, die sich beispielsweise in der Verwendung von mathematischen Modellen und Diagrammen ausdrückt, anhand derer sie traditionelle Geschlechterrollen und künstlerische Autorschaft gleichermaßen dekonstruiert. Obwohl Burga ihrer Zeit häufig voraus war, wurde sie vielfach übersehen. Die Ausstellung möchte auch dazu beitragen, die Künstlerin zwischen Positionen ihrer Generation wie Martha Rosler oder Hanne Darboven im kunsthistorischen Kanon endgültig zu verankern.

Der Titel der Ausstellung »Aleatory Structures« (dt. zufällige Strukturen) spiegelt das scheinbar paradoxe Nebeneinander von radikaler Subjektivität und einem beinahe wissenschaftlichen Bedürfnis zur Vermessung in ihrem Werk wieder. Exemplarisch dafür steht die Arbeit »Autorretrato. Estructura. Informe. 9.6.72« (1972), eine komplexe Installation aus Zeichnungen, Fotografien und Kardiogrammen, für die sich Burga einer Reihe von medizinischen Tests unterzog, um ein möglichst exaktes Porträt von sich zu erstellen. Die Fülle an ausgestellten Daten führt dazu, dass sich der Körper der Künstlerin gleichsam entmaterialisiert und sie sich dem männlich-objektivierenden Zugriff (eng. male gaze) auf den weiblichen Körper vollkommen entzieht. In jüngeren Werkzyklen greift sie wiederum zurück auf die bunte Ästhetik der Pop Art und stellt verstärkt die Bedeutung künstlerischer Autorschaft in Frage, etwa wenn sie, wie in ihren Kinderzeichnungen (2013-2014), Bilder von Kindern nachmalt und ihre Zeichnungen neben den Originalen präsentiert.

Nach ihrem Kunststudium in Lima (1962-1964) erhielt Teresa Burga 1968 ein Fulbright-Stipendium, das ihre ein zweijähriges Studium am Art Institute of Chicago ermöglichte. Dort beschäftigte sie sich intensiv mit experimenteller und konzeptueller Kunst, auch in der Auseinandersetzung mit ihrem damaligen Lehrer Claes Oldenburg. In dieser Zeit entwickelte sich ihr Interesse für Computer- und Informationstechnologien, sie begann, Kommunikationstheorien als Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Schaffen zu nutzen. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat Peru, das von einer nationalistisch gesinnten Militärdiktatur geprägt war und es wenig Raum für freies, künstlerisches Schaffen gab, war sie gezwungen, anderweitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Burga arbeitete von diesem Zeitpunkt an beim Zoll, eine Tätigkeit, die ihrer Vorliebe für Mathematik, Strukturen und Organisation entgegenkam.

In den zahlreichen Werken der Ausstellung zeigt sich immer wieder Teresa Burgas Interesse an Kommunikation, insbesondere an der Übermittlung und Wirkungsweise von Informationen. Mit Bauanleitungen für Apparaturen, Handlungsanweisungen, Diagrammen und gezeichneten Zeitungsartikeln liefert sie den Besuchern eine Vielzahl von Daten und Fakten. Ebenso experimentiert sie damit, Kunst und Poesie bis auf die Grundstrukturen der enthaltenen Informationen zu reduzieren. Dabei protokolliert sie häufig minutiös den Produktionsprozess und entwickelt so eine Form der Subjektivität, die sich in einer ständigen Reflektion über die eigene Rolle als Künstlerin ausdrückt.

Teresa Burgas Arbeiten wurden lange Zeit sowohl im nationalen wie auch im internationalen Kontext nicht beachtet, was unter anderem auch auf die politischen und ökomischen Verhältnisse in ihrem Heimatland Peru zurückzuführen ist. Die Ausstellung in der Kestner Gesellschaft knüpft an die zunehmende Kritik an einer eurozentrisch ausgerichteten Kunstgeschichte und die Forderung nach einer Neubewertung insbesondere weiblicher Positionen an. »Aleatory Structures« steht damit programmatisch in einer losen Verbindung mit vorhergegangen Präsentationen von u.a. Rochelle Feinstein oder Christa Dichgans – allesamt Künstlerinnen, die viele Jahre warten mussten, bis sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wurden. 

Teresa Burga lebt und arbeitet in Lima, Peru. Ihre Arbeiten wurden weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter: Hammer Museum, Los Angeles (2017), Sculpture Center, New York (2017), Tate Modern, London (2015), MALBA, Buenos Aires (2015), Museum Ludwig, Köln (2015), Art Institute of Chicago (2015), Biennale Venedig (2015), Sala de Arte Público Siqueiros, Mexiko Stadt (2014), Palais des Beaux-Arts, Brüssel (2014), Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro (2014), Biennale Istanbul (2012), Württembergischer Kunstverein, Stuttgart (2011). 

Ausstellung und Katalog werden in Kooperation mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich realisiert.