Mit der Ausstellung »Social Fabric« der Berliner Künstlerin Nevin Aladag (*1972 in Van, Türkei) geht das experimentelle Ausstellungsformat ab dem 1. Dezember 2018 in die zweite Runde: Themen der diversen Gesellschaft, Identität und Gemeinschaft, die bereits im ersten Teil eine Rolle spielten, werden darin nun auf abstrakter Ebene verhandelt. Zu sehen sind vier textile Werke aus der gleichnamigen, aktuellen Serie sowie die beiden Videoarbeiten »Top View« (2012) und »City Language I« (2009). Darüber hinaus werden neue Fotografien der Serie »Best Friends« (2018) gezeigt, die im Sommer in Hannover entstanden sind.

Während im ersten Teil die aktuellen gesellschaftlichen Fragen am Sujet des Individuums in den Medien Fotografie und Video verhandelt wurden, nimmt der zweite Ausstellungsteil die verschiedenen Kulturen als Ganzes in den Blick. Das Handwerk in Form von Teppichen und musikalischen Klängen können dabei als Ausdruck bzw. Stellvertreter von Kultur verstanden werden. In der Serie »Social Fabric« collagiert Aladag verschiedene Textilien: von geknüpften Kelims über Schurwoll- und Seidenteppiche bis hin zu Tretford-, Sisal- und Wollteppichen. Deren Herstellungsverfahren und Produktionsorte reichen von traditionellen Knüpfungen aus Indien, dem Iran und der Türkei über kommerzialisierte orientalische Teppiche sowie industriell gefertigte Massenware des globalisierten Teppichsektors. Ohne sich zu überlagern, stehen die einzelnen Teile gleichwertig nebeneinander, ergeben eine »soziale Struktur« (»Social Fabric«). 

Schauplatz der Filme, Fotografien, Installationen, Skulpturen und Performances von Nevin Aladag, deren Werk auf der documenta 14 einem breiten Publikum vorgestellt wurde, ist oftmals der öffentliche Raum, in dem das Spannungsverhältnis zwischen Gemeinschaft und Individualität besonders deutlich wird und im Sound der Stadt seinen Ausdruck findet. In der Videoarbeit »Top View« erzeugen die unterschiedlichen Rhythmen von Füßen auf Pflastersteinen und Straßen Münchens einen gemeinsamen Klang, der zu einem Porträt des vielfältigen öffentlichen Stadtraumes wird. In »City Language I« erzeugt der städtische Raum in Istanbul mittels inszenierter Musikinstrumente neue Töne. Nicht der Atem oder eine spielende Hand erzeugen hier Klänge, sondern die Bewegung der Musikinstrumente durch die Stadt erzeugen darin Musik: Beispielsweise eine Flöte, die aus einem fahrenden Auto gehalten wird, sowie Klanghölzer, die eine Straße hinabrollen, oder Tauben, die an den Saiten einer mit Körnern betreuten »baglama« (einer türkischen Laute) rupfen.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Kettler Verlag, die Postkarten mit Werken der Ausstellungen »Teil 1: Best Friends« und »Teil 2: Social Fabric« enthält. Auch neue Fotografien, die im August 2018 in Hannover entstanden, sind darin zu entdecken.

Nevin Aladag wurde 1972 in Van (Türkei) geboren. Sie studierte von 1993 bis 2000 Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München bei Olaf Metzel. Seit 2002 lebt und arbeitet Aladag in Berlin. 2018 gewann die Künstlerin den Ernst Rietschel Preis für Skulptur. Aladag war unter anderen Teilnehmerin der documenta 14 in Athen und Kassel (2017), der 57. Biennale von Venedig (2017), der Sharjah Biennale (2013) und der 11. Istanbul Biennale (2009). 

Ihre Arbeiten wurden weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter in der Bundeskunsthalle, Bonn (2018); Kunsthalle Hamburg (2016/17); Kunstmuseum Linz (2016/17); Kunstmuseum Wolfsburg (2016); Marta Herford (2016); Kunsthalle Basel (2014/15); Schirn Kunsthalle Frankfurt (2014); Mathildenhöhe, Darmstadt (2012); Haus der Kunst München (2011); MOT –  Museum of Contemporary Art Tokyo (2011); Hayward Gallery, London (2010); Kunsthaus Zürich (2008); und Museo Tamayo, Mexico City (2006).

Arbeiten von Nevin Aladag sind in internationalen Sammlungen vertreten, unter anderen in der Pinakothek der Moderne, München; Kunstmuseum Stuttgart; Neue Nationalgalerie, Berlin; Sammlung für zeitgenössische Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Bonn; Museum Tinguely, Basel; Centre Pompidou, Paris; Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien; K11 Art Foundation, Shanghai und Hong Kong.

Die Ausstellung wird unterstützt vom Förderkreis der Kestner Gesellschaft.