Mit der Einzelausstellung von Martha Jungwirth (*1940, Wien) präsentiert das Kunstmuseum Ravensburg die bislang umfassendste Ausstellung einer der bedeu­tendsten österreichischen Künstlerinnen in Deutschland. Jungwirths farbmächtige Bildwelten oszillieren zwischen gestischer Abstraktion und Gegenständlichkeit.

Ihre kleinformatigen bis monumentalen Aquarell- und Ölbilder zeigen die Ergebnis­se eines komplexen Transformationsprozesses, in dem die wahrgenommene Reali­tät nicht reproduziert, sondern in ein eigenständiges, atmosphärisches Äquivalent aus Farb- und Formkompositionen überführt wird. Die Werkschau umfasst Schlüs­selwerke aus den 1970er Jahren bis heute und setzt einen Schwerpunkt bei Jung­ wirths Aquarellen, deren koloristische Variationsbreite sie von Anbeginn ihres Schaffens auslotet. Anfang 2018 wurde Jungwirth mit dem renommierten Oskar­ Kokoschka-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, das die Albertina in Wien in einer Retrospektive vorstellte.

Martha Jungwirths eindrückliche Malereien sind sinnliche Notationen von Gesehenem und Erfahrenem. Impulsgeber sind sowohl Eindrücke von Reisen oder Freunden wie auch Abbildungen politischer Ereignisse, kunsthistorischer Gemälde und die griechi­sche Mythologie. Im Zusammenspiel von Erinnerung, aktueller Sinneswahrnehmung und Emotion entstehen pulsierende Farbräume, in welchen die gegenständlichen Referen­zen partiell aufscheinen. »Wenn die äußere Bewegung, die Körperbewegung und die innere Bewegung zusammentreffen und wenn dieses zusammentreffen glückt, dann geht die Malerei los«, so die Künstlerin 1994. Jungwirths intuitiver, dynamischer Mai­ prozess schließt den kontrollierten Zufall ein und bleibt stets sichtbar. Tropfen, Farb­rinnsale und -flecken sind Bestandteil der Bildkomposition und verweisen auf den Ent­stehungsprozess der Werke. Im Ausstellungstitel PANTA RHEI (»alles fließt«) wird die Atmosphäre des Fluiden und Offenen, die ihre Arbeiten kennzeichnet, aufgegriffen. Der auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführte Aphorismus beschreibt das Wesen des Seins als stetigen Wandel und als Bewegung. Im Wechsel von Fülle und lee­re, opaker Dichte und ephemerer Auflösung gelingt es Jungwirth, in ihrer Malerei ver­ schiedene Wahrnehmungsebenen einzufangen und in dynamische Farbkompositionen zuübertragen.

Seit ihren künstlerischen Anfängen schätzt Jungwirth das Papier und seine Eigenfarbe als Malgrund. Häufig verwendet sie gebrauchte Kartons oder bereits abgerissene Pa­piere als Malfläche, da diese ihrer Affinität zum Ungeschönten und Rauen entsprechen. In den 1980er Jahren wendet sie sich verstärkt  großformatigen Aquarellmalereien zu. Im wässrigen, durchsichtigen Aquarell findet sie eine Technik, die den Moment der Be­wegung einzufangen vermag und ihrer Leidenschaft für ein nuancenreiches Kolorit ent­ spricht. Die übereinander gelagerten Farbformationen in 0. T. (aus der Serie Winds­ braut, ca. 1983/84), Proteus(ca. 1984) und Leeres Viertel (2005) scheinen auf dem Malgrund zu schwimmen und sich in einem Prozess der beständigen Metamorphose zu befinden. Ausgangspunkt der Arbeit Proteus und der Windsbraut-Serie bildete Jung­ wirths Ehemann, der Kunsthistoriker Alfred Sehmeiler (1920-1990). Während dessen Darstellung in Proteus an die Verwandlungsfähigkeit des titelgebenden griechischen Meeresgottes erinnert, verschmelzen in der Windsbraut-Serie die Anerkennung für Oskar Kokoschkas gleichnamiges Werk mit der persönlichen Leidenschaft. Das Aquarell Leeres Viertel entstand nach dem Besuch der größten Sandwüste der Erde, der Rub al­ Chali, übersetzt »leeres Viertel«, und lässt die Farbschichten zu einer vibrierenden Masse verschwimmen. Jungwirth bezeichnet das Reisen als »Malfluchten«, stellvertre­ tend für den Ausbruch aus dem Gewohnten, der ihr als wichtige lnspirationsquelle dient.

 In ihren Ölmalereien 0. T. (aus der Serie der affe in mir, 1990) und 0. T. (aus der Serie Regentinnen des Altmännerwohnheims, Frans Hals, 1964, 2014) wird das Wechselspiel zwischen Verdichtung und Auflösung, autonomer Malerei und gegenständlichem Bezug besonders deutlich. Sowohl im Selbstporträt wie in der durch das Gemälde von Frans Hals angeregten Arbeit entsteht aus virtuos gesetzten Pinselstrichen eine Figur, deren Erscheinung sich gleichsam verflüchtigt. Hingegen treten in den durch ein Medienbild des Putschversuchs in der Türkei 2016 und in den durch die Autobiographie des russi­schen Autors Vladimir Nabokov inspirierten Arbeiten 0. T. (aus der Serie Istanbul, 2016/17) und Erinnerung,sprich(2017/18) die gegenständlichen Referenzen in den Hin­tergrund und Jungwirths Vorlieben für Rot- und Violetttöne zu Tage. Um in den Arbei­ten dieser Künstlerin anzukommen und den verschiedenen Wahrnehmungs- und Ge­fühlszuständen nachzuspüren, muss man das Risiko eingehen, sich in ihnen zu verlie­ren.