IIn der Reihe wichtiger Künstler der DDR, wie Werner Tübke, Arno Rink oder Wolfgang Mattheuer, zeigt die Kunsthalle Rostock nun Willi Sitte und Fritz Cremer im Dialog.

Etwa 60 Gemälde aus dem Frühwerk des Hallensers Willi Sitte werden mit dem Œuvre des Berliners Fritz Cremer in Beziehung gesetzt. Als überzeugte Antifaschisten befassten sich beide intensiv mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und trugen dabei nicht wenige Konflikte mit der SED-Führung aus. Die ausgestellten Gemälde und Plastiken stehen somit auch für den Kampf der Künstler für die künstlerische Eigenständigkeit, für ihre unbeirrte Suche nach einem künstlerischen Ausdruck, der dem Menschen gerecht wird. Denn der Mensch – das menschliche Sein – war für beide zeitlebens das Hauptmotiv. Mit Willi Sitte (1921–2013) verbindet man vor allem großformatige und kraftvoll farbige Darstellungen von liebenden Paaren, Badenden und Sportlern. Die in dieser Ausstellung gezeigten Werke, die alle zwischen 1950 und 1960 entstanden sind, zeigen jedoch eine weit weniger bekannte Facette im Schaffen des Künstlers: Sie ist Ausdruck einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit der Malerei der klassischen Moderne. Zu seinen Vorbildern zählten in jener Zeit insbesondere Fernand Léger und Pablo Picasso.Sitte beschäftigte sich in dieser Schaffensphase aber ebenso intensiv mit zeithistorischen Themen. Über fünf Jahre thematisierte er immer wieder die Flutkatastrophe in seiner „heimlichen Heimat“: 1944 hatte er sich als Wehrmachts-Deserteur der Resistenza angeschlossen und, bis er 1946 nach Halle kam, in Norditalien gewirkt. In der Ausstellung ist die erste Fassung der Hochwasserkatastrophe am Po von 1952/53 samt zahlreichen Studien zu sehen. Das wichtigste politische Werk in dieser Zeit ist Lidice. Das heute verschollene Triptychon ist die erste Darstellung eines NS-Pogroms und thematisiert eine Vergeltungsaktion der SS für das tödliche Attentat auf den stellvertretenden böhmischen Reichsprotektor Reinhard Heydrich, bei der in dem Dorf Lidice 172 Männer getötet und die Frauen ins KZ verschleppt wurden. Dem Hauptgemälde ging eine Phase intensiver Studien voran. Die Ausstellung zeigt mit der Arbeit Rufende Frauen von 1957 sicherlich eine der stärksten und bekanntesten Gemälde dieser Erinnerungsarbeit. Dass Sitte für die Werke seiner ersten Schaffensphase wenig Lob erntete, ja heftigsten Anfeindungen ausgesetzt war, ist bekannt. Zu weit entfernte sich sein angeblicher „Formalismus“ von dem seit 1948 staatlich verordneten sozialrealistischen Kunstideal: Farbenfroh und geschichtsoptimistisch sollte die Kunst sich geben.   Auch Fritz Cremer (1906 –1993), dessen gesamtes Œuvre mit den fast 60 Bronzefiguren aus den Jahren 1931–1993 in der Ausstellung hervorragend repräsentiert ist, sah sich mit der einengenden Kunstdoktrin des Sozialistischen Realismus konfrontiert, als er 1951 nach Ost-Berlin übersiedelte. Einen großen Teil seines Schaffens widmete Cremer dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Unter den zahlreichen Mahnmalen für Konzentrationslager, die Cremer realisierte, ist es vor allem das 1958 eingeweihte Buchenwalddenkmal, das ihn weit über die Staatsgrenzen hinaus bekannt machte und ihm in der DDR eine nahezu unangefochtene Stellung als Bildhauer einbrachte. Auch wenn der Künstler sich durch und durch dem Realismus verschrieben hatte, entsprachen auch seine Figuren nicht den offiziellen Forderungen nach der Darstellung von heroisch in die Zukunft blickenden Menschen. Obwohl mit Preisen überhäuft, geriet Cremer zunehmend in kulturpolitische Konflikte, bis er 1964 in seiner berühmten Rede gar zur Abkehr von der Doktrin des Sozialistischen Realismus aufrief und für mehr künstlerische Freiheit einstand. In einer Zeit des Rückzugs entstand die berühmte, zunächst heftig angefeindete Plastik Der Aufsteigende, die 1975 als Geschenk der DDR am Gebäude der Vereinten Nationen in New York aufgestellt wurde. Ein weiterer Guss befindet sich vor der Kunsthalle Rostock. Parallel zu den ernsten politischen Themen widmete sich der Künstler ebenso leidenschaftlich dem menschlichen Akt. Mit großem Variationsreichtum in Bezug auf Figurenauffassung und Oberflächenbehandlung huldigte er der weiblichen Sinnlichkeit. Liebespaare finden wir stehend, liegend oder kniend vor, immer aber in inniger Umarmung. Alle seine menschlichen Akte sind durchdrungen von einer gewissen Sehnsucht und Zärtlichkeit und offenbaren Cremers Liebe zum Menschen schlechthin.  Zur Ausstellung erscheint die zweite ergänzte Auflage des Katalogs Fritz Cremer. Plastiken und Zeichnungen. (151 Seiten)ISBN 978-3-932830-73-0Preis: 29 EuroPreis während der Laufzeit: 20 Euro