Das Museum Frieder Burda lockt mit der umfangreichsten Ausstellung zur Malerei der„Brücke“ seit einigen Jahren. Zahlreiche Highlights aus dem Brücke Museum in Berlin sind zu sehen – ergänzt durch hochkarätige internationale Leihgaben.

Alle Macht den Farben: Die Maler der Brücke suchten den expressiven Farbgestus – in einer holzschnittartig vereinfachten, plakativen Formensprache. Immer bleibt die Vehemenz des Pinselstrichs sichtbar. Oft ist die dargestellte Welt dem Kosmos der modernen Großstadt entlehnt. Der Mensch, der hier im Taumel der bunten Farben und kraftvollen Formen auftaucht, ist ein zerrissener. Denn die Moderne des Jahrhundertbeginns spiegelt eine Krisenerfahrung des Ichs: Die Organisation von Massen und Arbeit im Stadtbild, Mobilität und Beschleunigung als Alltagerfahrung, moderne Technik in Wirtschaft und Militär – der Mensch muss seinen Platz erst wieder finden. Und mit ihr seine Identität. Die Welt überschlägt sich – und erschlägt ihn beinahe.

Der Flucht in die schöne, scheinbar harmonische Natur steht die rauschhafte Begegnung, das Eintauchen in das moderne Großstadtleben gegenüber. Dieses hält zugleich genügend erotische Stimulanz bereit. In diesem Kosmos operiert und agiert der Mensch, dessen Individualität in der Kraft der Farben um Ausdruck ringt, dessen Gefühlsleben sich in Rot, Blau oder Gelb seinen Teint erobert. Nicht selten schauen (selbst-)zweifelnde tiefgründig-dunkle Augen den Betrachter an und fragen ihn wortlos: „Wer

bin ich?“

Die aktuelle Ausstellung im Museum Frieder Burda, dem Expressionismus der Brücke gewidmet, spürt dem nach, wie die Begegnung mit moderner Welt und ihren Innovationen, wie Deformationen zur krisenhaften Existenzerfahrung wird. Und sie fragt damit zugleich nach der Aktualität und Zeitlosigkeit dieses Phänomens und menschlichen Erfahrungsdimension.

Die Ideen der Brücke

Heute gilt der Brücke-Expressionismus neben der Kunst des Blauen Reiter als der wesentliche Beitrag Deutschlands zur Klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Er ist dem Fauvismus und Kubismus Frankreichs oder dem Futurismus Italiens ebenbürtig. Zur Gruppe der Brücke gehörten unter anderem deren Gründer Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, sowie die 1906 hinzugekommenen Mitglieder Max Pechstein und Emil Nolde. Alle Künstler sind mit Hauptwerken in der Ausstellung in Baden-Baden vertreten.

Mit ihrer radikal neuen Auffassung von Kunst wirkte die Brücke revolutionär in ihrer Zeit. Frühe Ausstellungen der Künstlergemeinschaft mussten wegen Protesten des Publikums vorzeitig geschlossen werden. Die reine, rasch auf die Leinwand aufgetragen Farbe, die Flüchtigkeit und Ungenauigkeit der Form widersprach den damaligen Sehgewohnheiten und stand im krassen Gegensatz zur akademischen Kunst.

Als erste in Deutschland haben sich die Brücke-Künstler auch von der afrikanischen Kunst inspirieren lassen – dies führte zu einer weiteren Reduzierung ihrer Formensprache. Mit der Übersiedlung nach Berlin im Herbst 1911 änderte sich der Charakter ihrer Kunst. Die farbenstarke Palette wurde dunkeltoniger, die Inhalte mit Großstadtthemen lösten die heiteren Motive der Dresdener Jahre ab.

Die Entwicklungsgeschichte der Brücke

Gegründet wurde die Brücke 1905 in Dresden. Ende 1911 erfolgte der Umzug nach Berlin. Im Mai 1913 löste sich die Gruppe wegen interner Diskrepanzen auf. Der Nachhall erfolgte erst später. Zahlreiche zeitgenössische Künstler, so in den 80er Jahre die Neuen Wilden in Deutschland, setzten sich mit den Stileigenschaften der Brücke auseinander. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts erfuhr die Brücke-Kunst ihren Durchbruch und zahlreiche Museen erwarben ihre Werke. Nach derAktion ‚Entartete Kunst’ begann seit Mitte der 50er Jahre in Deutschland eine neue Auseinandersetzung mit dem Expressionismus. Die ersten Werkverzeichnisse erschienen, ebenso fanden die ersten Museumsausstellungen statt.

Frieder Burda, seit jeher dem deutschen Expressionismus und seinen stimulierende Farbwelten verbunden, zu der Ausstellung: „In Zeiten, in denen es immer schwerer wird, Exponate der Klassischen Moderne zu erhalten, ist die Ausstellung in Baden-Baden etwas Besonderes, einherausragendes Highlight unter dem im Herbst 2018 stattfindenden Ausstellungen in Deutschland.“ Und Henning Schaper, Direktor des Hauses, ergänzt: „Die Ausstellung in Baden-Baden zeigt neben dem Konvolut der Leihgaben aus dem Brücke-Museum auch eine Anzahl von Leihgaben anderer deutscher sowie internationaler Museen. Hervorzuheben sind die Leihgaben aus Privatbesitz, von denen einige seit etlichen Jahren nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Die Ausstellung bietet somit nach langer Zeit erstmals wieder einen geschlossenen Überblick über das Schaffen der Brücke-Künstler.“