„Zuletzt war ich in den sechziger Jahren mit wasserlöslichen Farben meiner Sucht nachgegangen, mir von allem – und gegen jedes Bildverbot – Bilder zu machen“, erklärt Günter Grass 1996. Von 1948 bis 1954 studiert der spätere Literaturnobelpreisträger in Düsseldorf und Berlin zunächst Bildhauerei und Grafik. Zahlreiche Bilder entstehen in dieser Zeit, in denen er mit verschiedenen Stilen der Klassischen Moderne experimentiert: Porträts von Freunden, Großstadtszenen, vereinzelt auch Landschaften. Doch als Grass sich Mitte der 1950er-Jahre vor allem der Literatur zuwendet, legt er die Malutensilien beiseite. Erst rund 40 Jahre später packt den Schriftsteller wieder die Leidenschaft für Wasserfarben. Das Manuskript zu seinem Roman Ein weites Feld (1995), der zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung spielt, ist gerade abgeschlossen. Offenbar ahnt der Autor bereits, dass er damit heftige Diskussionen auslösen wird. So entstaubt er seinen alten Farbkasten und sucht die Ruhe des Waldes: „Und jede Buche, die ich feucht in feucht portraitierte, hielt still. Aber auch ich war, während ich aquarellierte, für den Streit dieser Welt und dessen Nebengeräusche verloren.“

Aquadichte nennt er die nun entstehenden, mit Wasserfarben illustrierten Arbeiten, die 1997 im Band Fundsachen für Nichtleser erscheinen. Dabei schreibt er kurze Verse mit farbigem Pinsel in das Aquarell. So entsteht ein Zusammenklang von Bild und Wort, von Ästhetik und Inhalt. Ein Beispiel ist das Exemplar „Mein Monat“, das 1996 entstand und ein Herbstidyll zeigt. Begleitet wird das Bild von den Zeilen: 

Mein Monat 
in dem die Kastanien fallen, 
feucht in der Hand 
wiegen sie auf, was sonst noch zu Fall kam: 
Denkmäler kopfüber, 
die Mauer, für ewig gebaut 
und unser Stehaufmännchen, 
das Hoffnungsprinzip. 

Das Günter Grass-Haus zeigt jetzt aus der eigenen Sammlung ab 16. Oktober, dem 91. Geburtstag von Grass, in einer großen Sonderschau rund 80 Aquarelle des Schriftstellers, Grafikers und Bildhauers aus sechs Jahrzenten. Auch zahlreiche Utensilien, mit denen der Künstler seine Werke angefertigt hat, wie zum Beispiel sein Rucksack, werden ausgestellt. Die BesucherInnen können in fünf Stationen die Entwicklung seiner farbigen Arbeiten verfolgen und erfahren, inwiefern sich in der Biografie von Günter Grass auch ein Teil der deutschen Kunstgeschichte der Nachkriegsjahre spiegelt. In der Schau wird zudem ein Film zu sehen sein, indem der Autor und Journalist Ulrich Wickert mit dem Kurator Jürgen Fitschen über die Arbeiten von Günter Grass spricht. Ende der 1970er Jahre trafen sich Wickert und Grass zum ersten Mal in Peking. Über die Jahre entstand nicht nur eine Vielzahl an Interviews, sondern auch eine Freundschaft. 


Öffnungszeiten:
Montag - Sonntag: 10:00 - 17:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: grass-haus.de