Das Werk des in Berlin lebenden Künstlers Thomas Zipp ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den Widersprüchen moderner Subjektivität. In seinen raumgreifenden Installationen befragt er das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Masse, dem Ich und dem Kollektiv. Indem Zipp konventionelle Wertesysteme und Wissenschaftsmodelle dekonstruiert, erö net er das Feld für neue Fragen.

Für die Kunsthalle Gießen entwickelt Thomas Zipp eine komplexe Rauminstallation, die in unregelmäßigen Abständen performativ bespielt wird. Inhaltlicher Ausgangspunkt ist die Ausstellung ‚The Family of Man‘, die 1955 im New Yorker Museum of Modern Art erö nete und 2003 in die Liste des UNESCO Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde. Ziel dieser Ausstellung war die Völkerverständigung. Der damalige Leiter der Fotogra eabteilung des MoMA und Kurator der Ausstellung Edward Steichen versprach sich durch den Einsatz der universellen Sprache von Fotogra e das Verständnis der Menschen untereinander zu fördern, Vorurteile abzubauen und Grenzen zwischen unterschiedlichen Klassen, Religionen und Ethnien zu überwinden. ‚The Family of Man‘ – die Menschheit als Familie – gliederte sich in 32 Themen wie Arbeit, Liebe, Glaube, Geburt, Familie, Kinder, Krieg und Frieden, die auf über 500 entsprechend geordneten Fotogra en gezeigt wurden. Gleichwertig hingen Amateurfotos neben Arbeiten von renommierten KünstlerInnen und stützten so auch formal den Gedanken eines ebenbürtigen Miteinanders. Die emotionale Kraft der Ausstellung sollte überdies mit Rücksicht auf die damalige Weltlage aufzeigen, welche einzigartige Vielfalt an unterschiedlichen Formen des Menschseins im Falle eines Nuklearkriegs vernichtet werden würde.

Durch die Inszenierung in der Kunsthalle Gießen erfährt ‚The Family of Man‘ eine Neuinterpretation. Thomas Zipp lässt die einst separierten Themenbereiche miteinander verschmelzen und bündelt die komplexen Facetten des Lebens in einer multimedialen Installation.

Durch den Bau einer kleinen Häusersiedlung kreiert der 1966 im südhessischen Heppenheim geborene Künstler eine Welt, in welcher der Besucher sich im Maßstab 1:1 durch die vermeintlich banalen Lebensentwürfe verschiedener Menschen bewegt. Man betritt deren Küchen, schaut in fremde Schlafzimmer, lugt durch Türen, beobachtet Personen in ihrem Lebensalltag und wirft dadurch nicht zuletzt einen Blick in menschliche Abgründe. Scheinbar verbunden durch das vertraut Alltägliche, unterläuft der individuelle Lebensentwurf eines jeden Menschen das einheitliche Bild von Gesellschaft. Bei Thomas Zipp rückt diese Brüchigkeit von gemeinschaftlichen Verabredungen und Konventionen konsequent in den Vordergrund.

Private Fotos aus Nachlässen, welche der Künstler seit Jahren sammelt, ießen als Diaprojektionen in die Ausstellung ein und lassen die Stationen eines fremden Lebens vorbeigleiten. Damit zelebriert der ehemalige Städelschüler, der heute selbst Professor an der Berliner UdK ist, den banalen Alltag ebenso wie psychische Veranlagungen und wahnhafte Zwänge, spürt ihnen nach, entlarvt Obsessionen, die mal sorg- und arglos oder auch wohlwissend gep egt wurden.

Mit dem Verkauf, oftmals auf Flohmärkten, erhalten einst private Bilder zwar Ö entlichkeit, verlieren aber zugleich ihre individuelle, emotionale Bedeutung. Durch die Einbettung in den Kontext einer Ausstellung erlangen sie ihre ursprüngliche Wichtigkeit zurück, verbunden jedoch mit Bedeutungsverschiebung. Der Künstler tri t eine selektive Auswahl an bildhaften Eindrücken aus einem fremden Leben und lenkt damit gleichsam dessen moralische Bewertung. Denn indem der Besucher bestimmte Bilder ablehnt, urteilt er auch über deren Urheber und dessen Leben. Subtil unterminiert Zipp die 1955 von der MoMA-Ausstellung propagierte Vorstellung eines harmonischen Nebeneinanders und scha t so gleichzeitig Raum zum Nachdenken über gesellschaftliche Normen und das darauf basierende Urteil über ‚richtig‘ und ‚falsch‘.

Zipp fasst entsprechend seiner prägenden Arbeitsweise auch in der Kunsthalle Gießen einzelne Elemente früherer Arbeiten zu einem neuen Gesamtkunstwerk zusammen. Er reagiert dabei unmittelbar auf den Ausstellungsraum und verzichtet, obwohl das Medium der Malerei wesentlicher Bestandteil seines Oeuvres ist, hier, gänzlich auf das klassische Tafelbild. Der zeitliche Kontext, in dem die raumumspannende Installation spielt, bleibt di us. Während eine Armada von zwölf Raketen mit ihren tarnfarbenen Spitzen bedrohlich in die Höhe ragt und ein zierlicher Traktor statt der Ernte ein weiteres Geschoss transportiert, verweist der Künstler einerseits konkret auf die Schatten des Kalten Krieges, vor dessen Hintergrund die New Yorker Ausstellung stattfand. Andererseits sind die Raketen allgemeingültiges und global lesbares Symbol technologischen Fortschritts sowie der Bereitschaft einzelner Staaten, die eigenen Interessen notfalls gewaltsam durchzusetzen. Dabei dient die Angst als Motor der Aufrüstung. Statt der klassischen Leinwand bemalt Zipp die äußere Hülle der Raketen, deren strenge Geometrie der schwarz-weißen Flächen eine Reminiszenz an die Russische Avantgarde, aber auch auf durchaus ähnliche militärische Tarnbemalungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verweist. Er verkleidet die ihnen innewohnende Gewalt in Schönheit.

Auch der Haupttitel der Ausstellung ‚A Primer of Higher Space‘ verweist auf die skulpturale Setzung im Raum. Damit geht der Künstler auf eine Abhandlung aus dem Jahr 1913 ein, in der der amerikanische Architekt Claude Fayette Bragdon Überlegungen zur 4. Dimension anstellt. Verortet zwischen Mystik und Mathematik, wird sie darin nicht räumlich gedacht, sondern verfolgt das Prinzip von Wachstum und begreift sie als Veränderung. Während die Rakete in der Lage ist, räumliche Grenzen zu überwinden und damit den einstigen Fortschrittsgedanken Realität werden lässt, verarbeitet Thomas Zipp Bragdons Theorie von der 4. Dimension performativ. Seine Häuser sind in unregelmäßigen Abständen von realen Personen bewohnt, die in Gruppen variierender Größe und Konstellation die erinnerungsschweren Räume belegen.

Thomas Zipp transformiert die Kunsthalle in eine Welt, in der sich zeitliche und räumliche Dimensionen aufheben und Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges und Mögliches sich zu einer künstlichen Welt verdichten.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunsthalle-giessen.de

N- Walker, 2018, Detail; Fieberglas, Kunststoff, Holz und Lack. Foto: Pauline Izumi Colin
01.09. - 18.11.2018

Thomas Zipp: A primer of higher space (The Family of Man revisited)

Kunsthalle Gießen

Berliner Platz 1
35390 Gießen