„Es war eine allzu verlockende Gelegenheit, die ich im Rahmen des Artist meets Archive-Projekt erhielt, in die außerordentlichen Bestände der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur eintauchen zu dürfen, um aus dieser ‚photographischen Familie‘ eine Ausstellung in Bezug zu meiner eigenen Arbeit zusammenzustellen.
Wenn Bernd und Hilla Becher meine Eltern sind, dann sind Eugène Atget und August Sander meine Großväter, Stephen Shore und Boris Becker meine Cousins und Petra Wittmar meine Cousine etc. Wie konnte ich also dem Wunsch widerstehen, meine Arbeiten nahe bei denjenigen zu sehen, die ich bewundere und die mich inspiriert haben?“
Roselyne Titaud 

Doch absichtsvoll präsentiert die französische Künstlerin Roselyne Titaud (*1977) gerade nicht jene ihr vertrauten Arbeiten in der von ihr kuratierten Ausstellung „Die Hummer-Quadrille“, sondern findet in ihr unbekannten Arbeiten eine Herausforderung. Es geht ihr insbesondere um die „verborgenen Schätze“, die Seitenstränge der Sammlung, die sie als Impulsgeber entdeckt. Jedes noch so unterschiedliche Werk erweist sich für Titaud als Teil eines visuellen Alphabets, das veränderte Blickwinkel und Interpretationen ermöglicht. Entsprechend versteht sich der von der Künstlerin gewählte Titel, der ein Kapitel aus Lewis Carrolls Roman Alice im Wunderland bezeichnet. Dort finden sich Meerestiere zum Tanz zusammen und führen einen bunten Reigen in immer neuen Konstellationen auf – ein offenes und dynamisches Bezugssystem, das sinnbildlich für das Ausstellungskonzept der Künstlerin steht. 

Roselyne Titauds Photographien führen in die Welt der Dinge und Gegenstände, wie sie vielfach als Dekorations- und Gebrauchsutensilien in privaten Wohnungen vorzufinden sind. Entstanden sind die Farbaufnahmen von Interieurs und Stillleben vorwiegend in Berlin und Frankreich. Es ist der vom Menschen gestaltete Lebensraum, den die Photographin eingehend untersucht. Ihre Motive geben Auskunft über persönliche Geschmäcker und Vorlieben, spielen auf Erinnerungsmomente an und weisen so eine besondere zeitliche Komponente auf. Titauds Bilder leiten oftmals weg von der Gegenwart in eine Zeit, als Einrichtungsmoden und -stile anderen ästhetischen und materiellen Parametern unterlagen. Und darüber hinaus spiegeln sich in den Arrangements Lebensvorstellungen und familiäre Beziehungen, die auf emotionale und gesellschaftliche Strukturen, auch wirtschaftliche Voraussetzungen schließen lassen. Porzellan und Glas in unterschiedlichen Formen und Farben, als Vasen oder Obstschalen gibt es zu entdecken ebenso wie dekorative Stoffe mit Mustern und Fransen, aus Spitze oder gewebt, Kissen, Überwürfe und Deckchen auf Sesseln, Vitrinen, Kommoden und kleinen Tischen, auf denen die Gegenstände drapiert sind. 

Die Form des bedeutsamen privaten Arrangements korrespondiert in Roselyne Titauds Schaffen mit bestimmten musealen Präsentationsformen, umgesetzt in Aufnahmen naturkundlicher Museen. So ist 2009 im Museum Am Löwentor in Stuttgart ein gleichnamiges photographisches Ensemble entstanden. Künstliche Fische aller Art bevölkern die Aufnahmen der dort vorgefundenen Vitrinen. In den Dioramen ist etwa das Wasser als Lebensraum durch blaue Farbe angedeutet, sandiger Meeresboden und Pflanzen sind nachgebildet. Auch die imaginäre Welt der Dinosaurier wird veranschaulicht, eine Welt, die nur anhand von Funden rekonstruiert ist und weit zurück in die Geschichte des Planeten Erde führt. Diese mehr der Welt der Imagination entsprungenen Zusammenstellungen konfrontiert die Künstlerin mit Schaufensteraufnahmen eines Kaufhauses aus dem Jahr 1967, ein jüngst in den Bestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur eingegangenes Konvolut, dessen Urheber bislang nicht bekannt ist bzw. sind. Die künstliche Warenwelt, überholte Kleidungsgeschmäcker und Moden wirken aus heutiger Sicht befremdlich, fast kurios und so exotisch wie die musealen Vitrinenpräsentationen nachgebildeter Tiere und Pflanzen. „Die anonymen Photographien von Karstadt-Schaufenstern aus den 1960er-Jahren begeisterten mich durch ihren Humor und ihre Leichtigkeit. Auch gaben sie mir den Anstoß, mein eigenes Archiv zu druchforsten und Aufnahmen aus der Serie ,Am Löwentor‘ zu Tage zu fördern“ sagt Titaut. Und nicht zuletzt atmen die Schaufensterdekorationen der 1960er-Jahre jenen Zeitgeist, der sich in zahlreichen der von Roselyne Titaud photographierten privaten Stillleben wiederfindet. 

Die Welt der dekorativen Inneneinrichtungsstile zeigen auch die von der Künstlerin ausgewählten Schwarz-Weiß-Photographien von Ruth Hallensleben (1898–1977), die in der Ausstellung mit einer zwischen 1954 und 1959 entstandenen Auftragsarbeit für eine Gummersbacher Tapetenfirma vertreten ist. Hallensleben arbeitete seit Mitte der 1930er-Jahre von Köln aus erfolgreich als Industriephotographin, eine Tätigkeit, der sie bis in die 1960er-Jahre nachgegangen ist. Die hier vorgestellten Aufnahmen zeigen für die 1950er-Jahre typisch gemusterte Tapeten mit geometrischen Formen oder pflanzlich anmutenden Ornamenten. Mit ins Bild genommen hat Hallensleben je unterschiedliche Möbelstücke wie einen Sessel oder einen Wandspiegel, alles im geschwungenen Design dieser Jahre gehalten. 

Auch in den Photographien von Willi Moegle (1897–1989) findet sich Titauds Interesse an Einrichtungsgegenständen wieder. Dargestellte Stühle und ein Tisch binden ihre Aufmerksamkeit. Als Sach- und Werbephotograph war Moegle für zahlreiche Unternehmen tätig und wurde für seine formstrengen und klar komponierten Darstellungen geschätzt, die oftmals skulpturale Eigenschaften ins Bild setzen. Roselyne Titaud assoziiert hier ihre Serie Éntendus von 2009, die Skulpturen aus dem 14. und 16. Jahrhundert im Musée du Louvre meist ausschnitthaft und in kleinformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt. Durch diesen Darstellungsmodus entsteht ein hoher Abstraktionsgrad, der auch surreale Anklänge anspricht. Aus den nachgebildeten menschlichen Körpern der historischen Heiligen- und Christusfiguren werden reine Formen und Oberflächen, sie zerfallen quasi in einzelne Bestandteile – so wie dies der Künstler Herbert Bayer (1900–1985) in seinem Selbstportrait von 1932 effektvoll vollzogen hat. 

Roselyne Titaud hat an der École des Beaux-arts in Saint-Étienne studiert und lebt seit einigen Jahren in Berlin.