„Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung nehmen“.[1]

Mit einer umfassenden Einzelausstellung von Haim Steinbach (*1944 in Rehovot, Israel) präsentiert das Museum Kurhaus Kleve einen der einflussreichsten Künstler der Gegenwart, der zum ersten Mal seit 18 Jahren in Deutschland mit einer institutionellen Schau zu sehen ist. Die Ausstellung bringt ausgewählte Werke aus allen Schaffensphasen der letzten 30 Jahre zusammen und umfasst Regale, Boxen, Container, Textarbeiten, Wandmalereien sowie großformatige Installationen.

Steinbach wurde Mitte der 1980er Jahren durch seine Präsentation von Alltagsobjekten bekannt, die er auf Regalen arrangierte. Mehrere gekaufte oder gefundene Objekte werden in einer Art und Weise platziert, dass sich ihre sicher geglaubte Bedeutung verschiebt hin zu mehreren möglichen Identitäten. Indem die Objekte aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt werden, entstehen auf den unterschiedlichsten Ebenen Interaktionen zwischen den Objekten. Die Identität der Objekte wird beweglich und verändert sich je nach Kontext. Turnschuhe, Teekrüge, Seifen und Jason Vorhees-Masken aus dem Film „Freitag der 13.“ können mit den Räubern in Walter Benjamin’s Zitat verglichen werden, die dem Betrachter seine gewohnten Erwartungen und Überzeugungen entreißen. 

Im Museum Kurhaus Kleve rückt Haim Steinbach mithilfe neuer Installationen das Museum selbst als Ausstellungsobjekt ins Zentrum. Indem er industrielles Material wie Metallständerwerk gebraucht, aber dessen Verwendung auf den Kopf stellt, setzt er dieselbe Geste der De-platzierung oder Verrückung ein wie bei seinen Objekten. Normalerweise unsichtbare Metallständer, die im Museum gebraucht werden, um zusätzliche Wände einzubauen, werden zu Hauptakteuren in diesen Installationen. Sie repräsentieren einerseits das modernistische Raster der Kunstgeschichte und verweisen auf den funktionalen Untergrund von Malereien, andererseits fungieren sie als Raumteiler, welche die gewohnten Wege der Betrachter unterwandern. So wird der Besucher buchstäblich entführt und unweigerlich zu einem Teil eines situationistischen „Derivé.“ 

Industrielles Material wird außerdem eingesetzt, um den Prozess der Konstruktion zu betonen und die Herstellung und zeitliche Dauer der Werkgenese hervorzuheben. Die Arbeit Untitled (wheelbarrow, bricks), 1995/2018, wurde ursprünglich für eine Gruppenausstellung in einem leerstehenden industriellen Gebäude in Pescara, Italien, konzipiert. In diesem Sinne stellte sie eine Umdrehung von Zeit dar, sie erinnerte an Arbeit und Herstellungsprozesse. 

Um 1977 begann Haim Steinbach mit der Idee von „display“ zu arbeiten. Auslegung, Zurschaustellung bedeutet für ihn Präsentation im Sinne von „Dinge zeigen“ in einem Museum oder aber auch Zuhause, wenn Familienfotos auf einem Regal arrangiert werden. Eine frühe Arbeit, Display #7, 1979, wurde im Artist Space in New York gezeigt. Steinbach bat Freunde und Familienmitglieder ihm Objekte zu leihen, die er auf Regalen inszenierte, welche vor breiten Tapetenstreifen mit Musterungen gezeigt wurden, die auf verschiedene Kulturen hindeuteten. 

Um 1984 hatte sich in Steinbach´s Werk das dreieckige Regal etabliert, das in denselben drei Winkeln von 40, 50 und 90 Grad gebaut wurde. Die Struktur blieb im Folgenden konstant, wobei hingegen die Größe der Regalabteile sich änderte in Abhängigkeit der platzierten Objekte, so dass die Regale zu einer Art Maßstab wurden. 

Für Haim Steinbach stellen auch Farben Objekte dar. Obwohl wir ihnen Namen geben wie rot, blau oder grün, sind sie auch mit anderen Bedeutungen aufgeladen. Sie verweisen auf Emotionen oder besondere Ereignisse. Farben sind evokativ. Eine englische Farbfirma nannte ein gewisses Braun „Starbucks‘ Roast“ – Steinbach übernahm den Titel und den Farbton und machte daraus eine Wandmalerei (Raum 15). Obwohl er den Titel der Farbe zitierte wie ihn die Firma vorgab, meinte er damit nicht Starbucks, die Kaffeekette, sondern Starbucks die Figur aus Melville’s Buch „Moby Dick“. 

Die Textarbeiten, wiederum, entstehen, indem Haim Steinbach Statements und Textfragmente sammelt, die er auf Papier oder auf die Wand überträgt und zwar genauso wie er sie vorgefunden hat. Die Anordnung der Wörter sowie der Schrifttyp werden übernommen, nur die Größe der Versatzstücke ist variabel. Die Welt der Schrift, das Schriftbild und die Typologie färben die linguistische Bedeutung der Wörter. Sprache ist Beziehung und Begehren: Ein Buchstabe, ein Wort oder ein Satz kann dick oder dünn sein, schwer oder leicht, spielerisch oder seriös sein in Abhängigkeit von seiner Form. Das typographische Design des Textes bildet die Grundlage und der umliegende weiße Raum wird zu einem aktiven Partner in dessen Präsentation.

Die Einzelausstellung von Haim Steinbach im Museum Kurhaus Kleve ist eine Co-Produktion mit dem Museion in Bozen.
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[1]Zitat von Walter Benjamin, Einbahnstraße, 1928. In Giorgio Agamben, Der Mensch ohne Inhalt, 1999.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag (Feiertage): 11:00 - 17:00 Uhr
Montag (sowie 24., 25., 31.12.,  1.1.): geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: museumkurhaus.de

Haim Steinbach, every single day, 2018 Foto: Simon Vogel © Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung
22.09.2018 - 27.01.2019

Haim Steinbach: every single day

Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung

Tiergartenstraße 41
47533 Kleve