Die Nürnberger Künstlerin Susanne Carl lud auf dem diesjährigen Herbstvolksfest Leute dazu ein, sich mit unterschiedlichsten Perücken und individueller Gestik, aber immer mit derselben Maske zu präsentieren und sich dabei von Albrecht Dürer anregen zu lassen.

Dürer partizipativ und interaktiv – geht das denn überhaupt?
Das geht sogar über alle Erwartungen gut! Denn der Andrang zur interaktiven Kunstaktion auf dem Nürnberger Herbstvolksfest 2018 war enorm: Nicht weniger als 100 Personen hat der bekannte Nürnberger Fotograf Berny Meyer dabei ins rechte Licht gesetzt.

Im Zentrum der Aktion stand eines der berühmtesten Porträts derKunstgeschichte: Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500.Revolutionär war der frontale Blick auf den Betrachter, zugleich legt Dürer hier mit seiner Pose und der noblen Kleidung fest, in welcher gesellschaftlichen Rolle er gesehen werden wollte. Die rätselhafte Magie des Bildes ist bis heute ungebrochen und inspiriert Kunstschaffende aller Sparten noch immer.

Auch die Nürnberger Künstlerin Susanne Carl hat sich davon packen lassen: Auf dem Herbstvolksfest waren die Leute dazu eingeladen, ganz spontan in andere Rollen zu schlüpfen und dabei die von Susanne Carl unverwechselbar gestalteten Masken zu benutzen. Auch zahlreiche Perücken und Accessoires konnten verwendet werden, und ganz individuell waren natürlich Gestik und Kopfhaltung. So strahlt aus den entstandenen Rollenporträts eine einmalige Wesenheit: Jeder ist gleich und doch ganz anders.

Aufgrund der Fülle und Qualität der entstandenen Bilder war die Auswahl für die Ausstellung nicht einfach. Hauptanliegen aber war ein möglichst breites Spektrum in vier thematischen Gruppen abzubilden:

Kragenfragen
Für die Fotoaktion lag unter anderem ein Fellschal bereit, der auf den Pelzkragen des Dürerporträts Bezug nimmt. Um 1500 gab es in Nürnberg Kleiderordnungen, die genau festlegten, wer was tragen durfte. Mit dem vornehmen Kragen hätte Dürer Probleme bekommen können, denn der war eigentlich nur der städtischen Elite vorbehalten. Ob der Meister also wirklich so auf der Straße anzutreffen war, bleibt ungewiss. Sicher ist aber, dass der Pelzkragen ein Meisterwerk der Feinmalerei geworden ist – und dass Dürer Sinn für Statussymbole und noble Accessoires hatte.

„Und – wie seh ich aus?“
Wir leben im Zeitalter der „Selbstoptimierung“ – was natürlich nicht bedeutet, dass diese Frage die Menschen nicht auch schon vor einem halben Jahrtausend beschäftigt hat. Seit der Renaissance stand der Mensch vor der Frage, wie er von Mit- und Nachwelt gesehen werden wollte: möglichst authentisch oder hier und da doch ein bisschen geschönt? So war es für viele auch verlockend, mit einer Maske vor dem Gesicht spielerisch-experimentell Haltungen und Gesten auszuprobieren, die das eigene Selbstbild verfremden oder vielleicht erst richtig zur Geltung bringen – quasi ein „Selfie“ ohne das individuelle Gesicht. Und sah Dürerwirklich genauso aus, wie er sich hier gemalt hat, oder zeigt er der Nachwelt doch sein Idealbild? Viel macht damals wie heute der geheimnisvoll dunkle Hintergrund aus, der den Personen, ihren Masken und Gewändern große Leuchtkraft verleiht.

Sprechen mit Körper und Händen
Wer eine Maske trägt – eine reale oder die der Darstellungskonvention –, kann sich nicht über die Gesichtsmimik mitteilen. Der Körperhaltung, vorallem aber der Gestik bleibt das „Sprechen“ überlassen. Um 1500 war esundenkbar, auf einem Porträt irgendwelche Gefühlsregungen zum Ausdruck zu bringen. Aber Dürers frontale Haltung zum Betrachter war schon revolutionär genug. Momente des Ausdrucks bringt Dürer daher lediglich mit der grazilen – und schwer nachzuahmenden ? Fingerstellungder Hand ins Spiel, aber es ist eine offene Forschungsfrage, was Dürer damit sagen wollte. Die Fotos zeigen, wie stark das Gemälde dazu animiert hat, diese Gestik weiter zu entwickeln und freier zu interpretieren.

Form und Fülle
Albrecht Dürer war berühmt für seine Fähigkeit, Oberflächenstrukturen mit atemberaubendem Realismus wiederzugeben – je komplizierter, desto besser. Der Pelzkragen, vor allem aber die üppige Haar- und Bartpracht waren echte Herausforderungen, die glänzend gemeistert wurden. Gerade die langen, sorgfältig über die Schultern gebreiteten Haarlocken ermöglichten Dürer den strengen Bildaufbau einer perfekten Dreieckskomposition – wer dieses Bild einmal gesehen hat, vergisst es nicht. So blieben die Teilnehmenden, die diese Maske für die Fotoaktion gewählt hatten, zwar nah am berühmten Vorbild, doch beeindruckt gerade hier die Vielfalt zwischen Imitation und Interpretation.

Susanne Carl
Die Arbeit der Nürnberger Künstlerin basiert auf ihren langjährigen Erfahrungen in bildender Kunst in Wechselwirkung mit dem Theater (Körpertheater/ Maske/ Clown) und dem kreativen Dialog mit Menschen. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf der Arbeit mit Masken und Rollenporträts. Aus diesem Dreieck generieren sich verschiedene Facetten wie Masken(-bau), inszenierte Fotografie, Kunstprojekte, Performances, Workshops und Fortbildungen. Das können Kooperationen mit Theatern sein – aktuell etwa dem Staatstheater in Nürnberg, kürzlich mit dem in Kassel –, aber auch Lehrerfortbildungen und Clownkurse für interessierte Laien, interaktive Kunstaktionen und Ausstellungen. Was auf den ersten Blick sehr heterogen wirkt, hat bei unterschiedlichen Formaten immer denselben Kern.

Auch das Projekt „ichDÜRERdu“, das eine interaktive Kunstaktion auf dem Volksfest und das Albrecht-Dürer-Haus als Ausstellungort auf überraschend schlüssige Weise zusammenbringt, fußt auf diesen Leidenschaften und Kompetenzen. Es verbindet Institutionen spartenübergreifend und fokussiert dabei die besonderen Interessensgebiete der Künstlerin, indem es um ihr zentrales Thema„Mensch“ kreist.

Die Ausstellung ist eine Kooperation von Susanne Carl mit dem Albrecht- Dürer-Haus und dem Süddeutschen Verband reisender Schausteller und Handelsleute e.V.

Für Unterstützung danken wir dem ALBRECHT DÜRER Airport Nürnberg.


Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch und Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr
Donnerstag:10:00 - 20:00 Uhr
Samstag und Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: museen.nuernberg.de/duererhaus

Gäste des Nürnberger Herbstvolksfests 2018 mit Dürer-Masken © Susanne Carl; Foto: Berny Meyer
08.11.2018 - 10.02.2019

ichDÜRERdu. Eine partizipative Dürer- Ausstellung von Susanne Carl

Albrecht-Dürer-Haus

Albrecht-Dürer-Straße 39
90403 Nürnberg